nach oben
Zu sehen ist Lindemann riesengroß in Schwarz-Weiß-Bildern auf einer Videoleinwand quer über der Bühne des Hamburger Thalia Theaters. © dpa
16.04.2018

Till Lindemann singt bei „Hänsel und Gretel“-Premiere in Hamburg

Hamburg. Till Lindemann stopft Nudeln mit Soße aus dem Kochtopf in sich hinein. Trinkt Milch dazu, rülpst und übergibt sich. Zu sehen riesengroß in Schwarz-Weiß-Bildern auf einer Videoleinwand quer über der Bühne des Hamburger Thalia Theaters.

In dem Film erscheint der Frontmann der fast schon legendären Hardrock-Band „Rammstein“ mit dunkel umflorten Augen und schwarzem Pferdeschwanz immer wieder in seiner Rolle als Phantom. Etwa auch als personifizierter Schlaf, der zwei arme Kinder im Wald übermannt. Und im Matrosenkleid und mit Schleife im Haar. Dazu singt Lindemann mit rau-sanfter Stimme Verse wie „Glück verlässt mich, Herz verlässt mich. Nur das Unglück bleibt, verneigt sich“.

Und er fungiert als onkelhafter Erzähler im Pop-Grusical „Hänsel und Gretel“ des angesagten estnischen Künstlerduos Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, das am Samstagabend Premiere gefeiert hat. Der 55-jährige internationale Kultstar aus Leipzig ist kalkulierter Clou des Spektakels sehr frei nach dem Volksmärchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Sechs Songs hat der Künstler mit bekanntem Hang zu Lyrik und der schwarzromantischen Literatur des 19. Jahrhunderts für den Abend geschaffen und in Konserve eingesungen. Live auf der Bühne anwesend ist Lindemann nicht. Doch ist viel junges, rockig-fetzig gestyltes Publikum gekommen, das seinem Idol in den Filmszenen und der gesamten fast dreistündigen Aufführung mit Begeisterung und heftigem Applaus folgt.

Dabei haben Semper und Ojasoo, die neben der Regie wie immer auch Kostüme, Bühnenbild und Videos verantworten, etwas zu erzählen, das statt mit dem psychologischen Tiefgang eines uralten Märchens eher mit sozialkritischen Plattitüden über die Gegenwart aufwartet, die denn auch manchen Zuschauer langweilen dürften. Verwahrlosung und Verfettung von Kindern herzlos geldgieriger Eltern im Zeitalter des Kapitalismus stehen auf dem Programm – ein Thema, das grundsätzlich nicht von der Hand zu weisen wäre. Hier wird es dargestellt im Stile eines grausig plakativen Comics und angereichert mit oft gefühlig-eingängiger, betont naiver und nur selten brachialmetallischer Musik (Leitung: Jakob Juhkam).

Das Geschehen, das sich meist im Inneren einer Art Bauwagen abspielt, übertragen zudem zwei Kameramänner live auf die Leinwand. Es beginnt mit abendlichem Suppe-Essen der Märchenfamilie. Pastellfarben und pseudoharmonisch ist die Szenerie mit geblümter 70er-Jahre-Tapete und altmodisch adrett gekleideten Menschen. Alle zeigen breites Lachen auf ihren Gesichtern, die aber aufgedunsen und von Wunden entstellt sind. Als dann die Kinder im Bett liegen, bricht zwischen Mutter (Gabriela Maria Schmeide) und Vater (Tim Porath) die reinste Ehehölle los. Verzweifelt sind sie vor allem, weil das Geld nicht für den Zweitwagen und Urlaubsreisen reicht. Also muss der kostenverschlingende Nachwuchs entsorgt werden – im romantischen Wald, den eine Filmcrew in Estland gefunden hat.

Dort geraten Hänsel (Kristof Van Boven) und Gretel (Marie Jung) an eine wie eine Drag-Queen wirkende Hexe (Björn Meyer), die sich als „bitch“ bezeichnet und sich dem Konsum von Fastfood verschrieben hat. Mit einer Orgie aus Burgern, Pommes Frites, Torten, Donuts und Brathähnchen mästet die sich lüstern und brutal an den Jungen heranmachende Hexe Hänsel solange, bis Gretel sie beherzt ins Feuer schiebt. Doch das erscheint zu spät: Hänsel ist längst – mit Hilfe eines Fatsuits - ein tumber Fettwanst. Und Gretel mutiert zu einem Stein. Bald landen sie jedoch wieder bei ihren im Wohlstand schwelgenden Eltern. Da dröhnt es diabolisch lachend vom Erzähler in Publikum: „Nun liebe Kinder, mein Märchen ist jetzt aus. Nun geht nach Haus - doch verläuft Euch nicht.“