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Jeden Sonntag treffen sich die Cowboys zum Gottesdienst in den alten Viehhöfen von Fort Worth. Foto: Justified By Face
Jeden Sonntag treffen sich die Cowboys zum Gottesdienst in den alten Viehhöfen von Fort Worth. Foto: Justified By Face
05.02.2017

Vier Paar Stiefel für ein Halleluja

Fort Worth (dpa) - Bluejeans, kariertes Hemd und vor allem große Hüte - so stellt man sie sich vor. Doch in Texas sind Cowboys im Namen des Herren unterwegs.Jeden Sonntag treffen sie sich zum Gottesdienst, in den alten Viehhöfen von Fort Worth. In den historischen Stockyards der texanischen Stadt, wo einst Schafe gehandelt und zur Verladung auf Güterzüge zusammengetrieben wurden, wird heute Gottes Wort gepredigt. Jeden Sonntag. Nicht etwa um 10.00 Uhr morgens. Nein, «High Noon», steht als Hinweis zur Uhrzeit auf dem unscheinbaren Schild, das Gläubige zum Gottesdienst locken soll.

Draußen ist gerade der Viehtrieb zu Ende. Ein paar Cowboys treiben dabei zweimal täglich 15 texanische Longhorn-Rinder durch die Hauptstraße zum Bahnhof. Sie erinnern damit an die Zeit, als Texas nach dem Bürgerkrieg Rinder in den Nordosten der USA exportierte - und sich damit seinen Wohlstand sicherte. Fort Worth wurde dabei zur Cowboy-Stadt. Dort konnten die Viehhirten der umliegenden Ranches ihren Verdienst im Saloon verprassen.

Tausende Touristen aus aller Welt schauen sich den Viehtrieb durch die alten Stockyards jede Woche an. Ein paar Meter weiter, in der Stockyards Cowboy Church, sind die Einheimischen dagegen unter sich. Pfarrer George Westby begrüßt jeden Teilnehmer mit Handschlag. Man kennt sich. Der Texaner ist hemdsärmelig, aber konservativ. Der Cowboy eh. Westby hält nichts von großen Reden. «Wir haben hier keine Predigt. Wir lesen aus der Bibel», sagt Westby, ein freundlicher Mann ohne Talar, dafür mit Jeans und Cowboyhut. Das Wort Gottes - das sei ohnehin nicht zu schlagen.

Der Raum ist schlicht, die schmucklosen Kirchenbänke stehen auf Pflaster, das noch an die Ursprungsnutzung erinnert. Die Wände sind gepflastert mit Kruzifixen. Auf eines ist Pastor Westby besonders stolz: Es ist ganz aus Leder gemacht. Aus dem Leder von vier Paar Cowboystiefeln. Ein Freund hat der Kirche die Stiefel kurz vor seinem Tod vermacht, die ihn durch sein Leben begleitet hatten.

Vor 23 Jahren hat Westby die Cowboykirche in Fort Worth gegründet. Damals wurden er und seine kleine Gemeinde noch als Spinner abgetan. Heute sind Cowboykirchen, inhaltlich oft an baptistische Traditionen angelehnt, das große Phänomen der kirchlichen Bewegungen in den teils streng christlichen Vereinigten Staaten.

Methodisten, Baptisten, Katholiken - alle großen Konfessionen kämpfen mit Mitgliederschwund. Seit 2007 verloren die christlichen Kirchen der USA fünf Millionen Gläubige, fand des Pew Institut in seiner großen Studie zur Religionszugehörigkeit der Amerikaner heraus.

Doch Cowboykirchen schießen wie Pilze aus dem Boden. 2500 sind in den vergangen Jahren neu entstanden. Lori Staples kann ein Lied davon singen. Die 51-Jährige tourt mit ihrer Band «Justified By Face» von Kirche zu Kirche. Statt Choräle gibt es Country-Songs mit Gottesbezug. Wenn Lori im Namen des Allmächtigen ihren Resonanzkörper klingen lässt, wippt der Stiefel von alleine.

«Unser Geheimnis ist: Wir haben alle Barrieren für den Kirchgang über den Haufen geworfen», sagt Staples. In viele Kirchen in den USA geht man im Sonntagsanzug, und die Frauen tragen Hut. «Bei uns sind alle willkommen. Auch die, die noch den Dreck von der Ranch an den Stiefeln haben.»