nach oben
Joachim Löw grenzte seinen WM-Kandidatenkreis auf 27 Spieler ein. Foto: Federico Gambarini
Joachim Löw grenzte seinen WM-Kandidatenkreis auf 27 Spieler ein. Foto: Federico Gambarini
Bundestrainer Joachim Löw (r) und DFB-Präsident Reinhard Grindel auf dem Weg zur Pressekonferenz. Foto: Ina Fassbender
Bundestrainer Joachim Löw (r) und DFB-Präsident Reinhard Grindel auf dem Weg zur Pressekonferenz. Foto: Ina Fassbender
15.05.2018

Lebenslang Bundes-Jogi: Petersen rein, Götze raus - Wagnis mit Neuer

Erst wurde der Weltmeistercoach überraschend mit einem Vertrag bis fast zur Rente ausgestattet, dann verblüffte Joachim Löw mal wieder mit spektakulären Entscheidungen. Mario Götze, der Finaltorschütze von Rio 2014, darf beim WM-Turnier vom 14. Juni bis 15. Juli in Russland nicht mitspielen.

Auch Bayern-Profi Sandro Wagner wurde ausgebootet. Dafür reist am 23. Mai der Freiburger Länderspiel-Neuling Nils Petersen mit ins Trainingslager. Auch der seit September des Vorjahres verletzte Kapitän Manuel Neuer bekommt im zunächst noch 27-köpfigen Aufgebot des Titelverteidigers in Südtirol die Chance, seine WM-Fitness doch noch nachzuweisen.

Umfrage

Hat Löws Kader eine Chance auf die Verteidigung des WM-Titels?

«Mein Job als Bundestrainer ist es manchmal, Träume platzen zu lassen und harte Entscheidungen zu treffen. Es ist nie gegen einen Spieler, sondern immer im Sinne der Mannschaft und des Gesamterfolges», sagte Löw zu seiner im Detail doch überraschenden Auswahl, mit der er an die Tradition früherer Turniere anschloss. «Mitunter entscheiden Kleinigkeiten», betonte der 58-Jährige. Der DFB unterstrich am Dienstag im Fußballmuseum in Dortmund die große Wertschätzung für Löw und verlängerte den Kontrakt mit ihm vorzeitig um weitere zwei Jahre. «Der Planungshorizont von einer WM zur anderen ist ideal», sagte der DFB-Chefcoach zu seiner weiteren Aufgabe bis Katar 2022.

Am Tag der großen Überraschungen bekam neben Löws Assistenten Andreas Köpke, Thomas Schneider und Marcus Sorg (alle bis 2022) auch Manager Oliver Bierhoff ein Geschenk. Der DFB-Direktor und Initiator der neuen Fußball-Akademie in Frankfurt bleibt bis mindestens 2024. Er sehe keine Abnutzungserscheinungen bei der Sportlichen Leitung, sagte DFB-Präsident Geinhard Grindel. «Es ist ein Team, das nie satt ist.» Die langfristige Verlängerung sei «mit der Verpflichtung verbunden, die Nationalmannschaft weiter zu entwickeln, Grenzen einzureißen, um noch besser zu werden», sagte der langsam lebenslange Bundes-Jogi.

Das soll schon bei der «großen Herausforderung» in Russland gelingen, in die zunächst ein Aufgebot mit neun Weltmeistern von 2014 und 14 Confed-Cup-Siegern von 2017 startet. Am 4. Juni muss Löw seinen endgültigen WM-Kader mit dann noch 23 Akteuren benennen. Es wird ein spannendes Ausleseverfahren, dem sich neben dem olympischen Silbermedaillengewinner Petersen und dem ebenfalls überraschend berufenen Leverkusener Jonathan Tah auch Kapitän Neuer stellen muss. Tah absolvierte im November 2016 sein letztes von drei Länderspielen.

Welttorhüter Neuer wird gemeinsam mit den drei anderen Keepern Marc-André ter Stegen, Kevin Trapp und Bernd Leno nach Eppan reisen. «Wir wollen uns selbst ein Bild machen», sagte Löw. Am Tag der Kaderbekanntgabe trainierte Neuer nach einem dritten Mittelfußbruch beim FC Bayern erstmals wieder komplett mit dem Team. Und auch im Trainingscamp soll er voll belastet werden. Rund um das Testspiel am 2. Juni in Klagenfurt gegen Österreich wollen sich Trainer und Kapitän zusammensetzen und ehrlich analysieren, ob es für die WM reicht. Löw stellte eine klare Bedingung: «Ohne Spielpraxis in ein WM-Turnier zu gehen, ist schier unmöglich.»

Ob Neuer bei positivem Verlauf am 12. Juni als klare Nummer 1 nach Russland fliegen würde, wollte Löw 33 Tage vor dem ersten WM-Spiel am 17. Juni in Moskau gegen Mexiko nicht beantworten. Er wehrte sich gegen jegliche «Wenn-dann-Szenarien». Er wolle von Tag zu Tag schauen. Bei Neuers Clubkollegen Jérôme Boateng, der ebenfalls noch im Aufbautraining steht, sieht der Bundestrainer keine Probleme.

Für Löws Überraschungsspieler Nummer eins ist schon die Berufung in den erweiterten Kader die «Krönung der Saison». Der 29 Jahre alte Petersen hat sich mit 15 Saisontoren - damit ist er bester deutscher Bundesligatorjäger - bei Löw empfohlen. «Ich habe damit nicht wirklich gerechnet und bin sehr dankbar», bemerkte der Stürmer.

«Er ist ein sehr guter Joker», hob der Bundestrainer Petersens große Qualität hervor: «Wenn er reinkommt, ist er sofort da. Ich habe das Gefühl, dass er mit der Aufgabe wächst, auch wenn er nicht so viel internationale Erfahrung hat.» Löw hatte dabei wohl auch die EM 2016 im Kopf, als ihm im mit 0:2 verlorenen Halbfinale gegen Frankreich wegen einiger Ausfälle keine offensiven Optionen blieben.

Stürmer-Kollege Wagner bleibt wie Götze nur eine Zuschauerrolle. «Es war nicht unbedingt seine Saison, in der er die Form zeigen konnte, die er normalerweise bringen kann», sagte Löw über Götze. «Ich hoffe, dass er wiederkommt. Es tut mir für ihn persönlich leid. Das Gleiche gilt für Sandro Wagner. Da haben Kleinigkeiten entschieden.» Gegen Wagner und für Petersen sowie den turniererprobten Mario Gomez.

Marco Reus dagegen spielt nach viel Verletzungspech für Löw eine wichtige Rolle: «Er steht bei uns für außergewöhnliche Dinge», sagte er über den bisherigen Turnierpechvogel. Ungeachtet der Irritationen um die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gehören Mesut Özil und Ilkay Gündogan wie erwartet zum DFB-Team. «Wir haben den Spielern zu verstehen gegeben, dass das keine glückliche Aktion war», sagte Löw. «Es ist eine Lehre für sie», sagte Löw und kündigte ein Gespräch im Trainingslager an: «Wünschenswert wäre es gewesen, die Fotos hätte es nicht gegeben.» An eine Ausschluss der beiden Spieler mit türkischer Abstammung aus dem WM-Kader aber habe er «selbstverständlich nicht» gedacht, so Löw: «In keiner Sekunde.»

Das ist der vorläufige Kader für die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Diese 27 Spieler sind dabei:

Bernd Leno

Manuel Neuer

Marc-André ter Stegen

Kevin Trapp

Jérôme Boateng

Matthias Ginter

Leon Goretzka

Jonas Hector

Mats Hummels 

Joshua Kimmich

Marvin Plattenhardt

Antonio Rüdiger

Jonathan Tah

Niklas Süle

Julian Brandt

Julian Draxler

Mario Gomez

Sami Khedira

Toni Kroos

Mesut Özil

Timo Werner

Nils Petersen

Marco Reus

Sebastian Rudy

Ilkay Gündogan

Thomas Müller

Leroy Sane