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Bundestrainer Joachim Löw (rechts) hat mit der Umstellung von Philipp Lahm scheinbar alles richtig gemacht. Das lässt das erfolgreiche Spiel der Nationalelf im Viertelfinale gegen Frankreich erahnen. © dpa
05.07.2014

Löw zum Viertelfinal-Sieg: "Es war keine völlige Veränderung"

Nicht das dritte «kleine Finale» nacheinander, sondern das große Endspiel erneut im Fußball-Tempel Maracanã ist vor dem Klassiker gegen Brasilien das klare Ziel für Joachim Löw und die deutschen WM-Kicker. Der erste Schritt mit dem 1:0-Sieg gegen Frankreich ist getan. Aber wie kam es nach den zuletzt doch eher bescheidenen fußballerischen Leistungen zu diesem starken Spiel gegen starke Gegner? Bundestrainer Joachim Löw gibt die Antworten im Interview.

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Umfrage

Bundestrainer Joachim Löw hatte die Nationalelf vor dem Viertelfinale umgestellt. Wie groß ist sein Anteil am Sieg gegen Frankreich?

Der Löwenanteil am Erfolg gehört ihm 14%
50:50 24%
So ein bisschen hat er schon bewirkt 21%
Der Erfolg gehört allein den Spielern 23%
Keine Ahnung 5%
Mir egal 13%
Stimmen gesamt 424

Was hat den Ausschlag beim 1:0-Sieg gegeben?

Joachim Löw: Beide Mannschaften waren defensiv sehr stark. Es gab für beide nicht allzu viele Torchancen. Wir haben nicht viel zugelassen und hatten, bis auf die Endphase, in der wir das zweite Tor machen mussten, auch nicht so viele Gelegenheiten. Beide haben taktisch sehr eng und kompakt gespielt. Wir waren sehr aufsässig, saßen dem Gegner ständig im Nacken, haben ihn bearbeitet. Damit konnten wir schon die Gefährlichkeit von Benzema und anderen aus dem Spiel nehmen.

Was wollten Sie mit der Rückversetzung von Philipp Lahm auf rechts erwirken, und was hat es bewirkt?

Joachim Löw: Bei der Analyse der Franzosen haben wir gesehen, dass durch das Zentrum kaum etwas möglich ist. Da stehen sie wahnsinnig massiert und kompakt. Deshalb war es die Überlegung, Philipp Lahm auf rechts zu stellen. Wir mussten von außen mehr kommen und mehr erwirken. Von daher hatte die Rückversetzung von Philipp einen taktischen Hintergrund. 

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Steckt bei der Lahm-Versetzung nicht doch ein bisschen Grundlegendes dahinter? Es hat ja Diskussionen gegeben.

Joachim Löw: Natürlich ist die Mannschaft vorbereitet auf das, was ich plane. Da gibt es auch Gespräche, logisch. Für die Mannschaft ist es keine Überraschung. So haben wir ja schon häufig gespielt. Das ist vielleicht auch eine unserer taktischen Stärken, dass wir unterschiedlich spielen können. Wir haben vorher drei Spiele gewonnen, das hat auch gut geklappt. Es war keine völlige Veränderung. Aber irgendwie hatte ich nach dem Spiel gegen Algerien das Gefühl, einfach mal einen neuen Reiz zu setzen, die eine oder andere Veränderung vorzunehmen mit Klose, der im Zentrum spielt und dort versucht, die beiden Innenverteidiger zu beschäftigen. Wir mussten mehr über außen tun. Dass dies Philipp sehr gut macht und Thomas Müller unterstützt, weiß man. Es gab verschiedene Gründe, das so zu machen.»

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Sie haben auf Per Mertesacker verzichtet, warum?

Joachim Löw: Die Entscheidung aus taktischen Überlegungen war, mit Jérome Boateng und Mats Hummels zu spielen. Weil ich bei Frankreich Spieler gesehen habe wie Benzema, Valbuena und Griezmann, die gern in den Halbräumen spielen, sich zurückfallen lassen und eine gute Schnelligkeit haben. Per spielt bei uns immer unheimlich solide, ist ein wichtiger Spieler. Ich habe mit ihm geredet, er hat super reagiert und gesagt: 'Trainer, ich weiß, wie ich der Mannschaft helfen muss und helfen kann.' Das hat er gemacht in der Kabine. Von daher war es eine super Einstellung von ihm.

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Was sagen Sie zu Neuer?

Joachim Löw: Das Vertrauen in Manuel Neuer ist nicht nur von mir und dem Trainerteam gegeben, sondern auch von der Mannschaft. Das ist insgesamt ein wahnsinnig gutes Gefühl für die Abwehr, wenn man weiß, der Torhüter ist in der Strafraumbeherrschung gut, auf der Linie überragend, außerhalb des Strafraumes gut, fußballerisch gut. Man kann ihm wie einem Abwehrspieler die Bälle zuspielen. Er ist in der Spieleröffnung schon sehr gut. Er gehört seit einigen Jahren, seit 2010, zu den Allerallerbesten - wenn er nicht sogar der Beste der Welt ist. Er strahlt unheimlich viel Ruhe aus. Das gibt allen auf dem Platz Sicherheit.

Wie wirken sich die Temperaturen aus?

Joachim Löw: Natürlich ist es nicht einfach für uns Europäer, mittags um 13.00 Uhr zu spielen. Unten auf dem Platz war es schon extrem heiß. Da steht die Luft, da kann man fast nicht atmen. Da ist es wahnsinnig drückend. Das sind die Europäer nicht gewohnt. Das nächste Spiel ist 17.00 Uhr, da ist die direkte Sonneneinstrahlung nicht so gegeben. Aber klar, es ist schwierig, bei diesen Bedingungen ständig die Kontrolle über das Spiel zu bewahren. Da passieren auch mal Fehler, weil die Spieler nach drei, vier Sprints auch mal müde werden. So gesehen, haben wir das gut geschafft.»

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Sind die Südamerikaner im Vorteil?

Joachim Löw: Das wird sich zeigen. Die Süd- und Mittelamerikaner rennen um ihr Leben. Sie kennen die Begebenheiten, spielen oft zu den Zeiten um ein oder drei Uhr. Der Heimvorteil ist schon gegeben.

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Es gab lange keinen Titel für Deutschland. Wie kann sich das ändern?

Joachim Löw: Im Halbfinale sind die Mannschaften mit der größtmöglichen Qualität. Wir waren seit 2002 als einzige Mannschaft bei den letzten Turnieren immer unter den letzten Vier. Das ist natürlich eine große Leistung. Unser Präsident hat mir gesagt, dass wir von den letzten 31 Pflichtspielen 28 gewonnen haben. Das ist schon eine besondere Leistung einer Nationalmannschaft. Wir waren bei den letzten fünf Turnieren unter den letzten Vier. Jetzt wollen wir im Halbfinale den nächsten Schritt machen. Die Mannschaft ist gefestigt, stabil, war gut drauf. Und die Mannschaft verkraftet eben auch mal so ein Spiel wie gegen die Algerier.

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