Enttäuscht: Deutschlands Fußballfrauen nach dem WM-Aus in Frankreich. Foto: Sebastian Gollnow
Enttäuscht: Deutschlands Fußballfrauen nach dem WM-Aus in Frankreich.  Foto: Sebastian Gollnow 

Der deutsche Frauenfußball rennt dem Erfolg hinterher

Düsseldorf/Berlin (dpa) - Sie tanzen mit Skibrille auf der Nase, damit der Champagner nicht in die Augen spritzt: Nach dem gewonnenen Finale der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Frankreich sind die US-Fußballerinnen im Freudentaumel.

In der Kabine des Stadions feiern sie ausgelassen ihren vierten Titel, wie Instagram-Videos zeigen. In Deutschland hingegen ist kaum jemand in Feierlaune - die WM hat verdeutlicht, dass die Weltspitze der deutschen Nationalmannschaft ein ganzes Stück enteilt ist. Das Aus kam bereits im Viertelfinale, wie schon bei der blamablen EM 2017.

«In den vergangenen Jahren hat man sich zu sehr auf den Erfolgen ausgeruht und den Prozess, der sich schon länger angedeutet hat, nicht wirklich ernst genommen», schrieb der Sportchef des Bundesligisten VfL Wolfsburg, Ralf Kellermann, im «kicker».

Dagegen sei «offensichtlich, dass in anderen europäischen Verbänden und Ligen viel investiert und für den Frauenfußball getan wird», sagte der Bundesliga-Sprecher und Manager des Frauen-Bundesligisten 1. FFC Frankfurt, Siegfried Dietrich, in einem Interview der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». «Die Engländer haben uns überholt durch die finanzielle Power der Premier-League-Clubs der Männer. Sie haben uns als ihre Vorbilder angesehen und mal ein paar Jahre richtig ernst gemacht.»

Richtig ernst gemacht haben nicht nur die Engländer: Dass sieben der acht WM-Viertelfinalisten aus Europa kamen, ist kein Zufall. Sondern das Ergebnis knallharter und zielgerichteter Arbeit in den dortigen Vereinen, einer klaren Struktur in der Nachwuchsförderung der Verbände und hoher Investitionen der millionenschweren Männerclubs in England, Spanien, Italien, Frankreich und den Niederlanden.

Hierzulande investiert seit Jahren nur der Frauen-Serienmeister VfL Wolfsburg mit Nachdruck in seine Frauenteams. Der mögliche Herausforderer Bayern München hält sich finanziell eher zurück. Borussia Dortmund und FC Schalke 04 verzichten noch immer ganz auf den Frauenfußball.

Selbst kleine Vereine wie der SC Freiburg oder reine Frauenfußball-Clubs wie der einstige Vorreiter Frankfurt oder Turbine Potsdam machen es mit ihren bescheidenen und limitierten Möglichkeiten weitaus besser als die großen Vereine etwa in Köln, Stuttgart oder Hamburg. Eintracht Frankfurt geht nun eine Kooperation mit dem 1. FFC ein, der sich so für einen neuen Angriff auf die nationale Spitze rüsten will.

«In den kommenden Jahren wird kein reiner Frauenfußball-Club mehr irgendeinen Titel holen», sagte Dietrich während der WM, es sei denn, es falle «ein Milliardär auf den Tisch». Den Manager treibe die Sorge um, dass die Nationalmannschaft und vor allem die Frauen-Bundesliga im europäischen Konkurrenzkampf auf der Strecke bleiben. «Wir müssen jetzt Gas geben, unsere Lehren aus der WM ziehen und anpacken. Jetzt hilft kein Jammern, sondern Handeln!»

Kellermann forderte Investitionen und «weitreichende Konzepte» für den deutschen Frauenfußball. «Damit meine ich unter anderem die Trainerausbildung in den Ligen sowie im Nachwuchsbereich, strengere Zulassungskriterien für die Liga und deren konsequente Umsetzung, TV-Präsenz und Marketing.» Die Nationalmannschaft brauche eine starke Liga und ebenso umgekehrt. Zudem müsse sich die zukünftige DFB-Spitze klar zum Frauenfußball positionieren.