Tony Martin (2.v.l) gibt alles für sein Team. Foto: Yorick Jansens/BELGA
Tony Martin (2.v.l) gibt alles für sein Team.  Foto: Yorick Jansens/BELGA 

Perfekter Start für Martin und Co. - Sieg im Teamzeitfahren

Brüssel (dpa) - Berauscht vom großen Coup im Schatten des weltberühmten Atomiums übersah Tony Martin sogar kurzzeitig den großen Eddy Merckx. Der viermalige Zeitfahr-Weltmeister war nach dem traumhaften Start bei der 106. Tour de France dermaßen stolz, dass er um sich herum alles vergaß.

«Ich habe Eddy gar nicht gesehen, aber ich hatte ihn vorher schon begrüßt», sagte Martin, der mit seiner kleinen Jumbo-Visma-Mannschaft auch das Mannschaftszeitfahren gewann und den Stars um die beiden Favoriten Geraint Thomas und Egan Bernal einen ersten Dämpfer versetzte.

«Das ist das absolute Highlight für mich. Es war grandios, besser hätte es nicht laufen können», schwärmte Martin nach einer Gala-Vorstellung bei Tempo 60 und fügte hinzu: «Wir sind extrem gestärkt durch die Vormonate und den Etappensieg am Samstag. Dann ist das irgendwo ein Selbstläufer. Man steht am Start und weiß, dass man eines der stärksten Teams ist. Gelitten haben wir, aber wir hatten keine Angst, dass wir unterlegen sein könnten.»

Es war vielmehr eine Demonstration der Stärke. Über 27,6 Kilometer knöpfte Martins Equipe der scheinbar übermächtigen Ineos-Mannschaft 20 Sekunden ab - eine halbe Ewigkeit im Teamzeitfahren. Nach dem Parforceritt riss Martin die Faust in die Höhe, dann sank er völlig erschöpft zu Boden. Martin und Co. waren die Hauptattraktion bei der großen Radsport-Party zum Tour-Auftakt. Denn schon am Samstag hatte Martins Teamkollege Mike Teunissen die erste Etappe und das Gelbe Trikot geholt. «Man sieht, wie das Gelbe Trikot beflügelt. Es war unser achter Mann.»

Teunissen festigte durch den Erfolg seinen ersten Platz in der Gesamtwertung. Der 26-Jährige war ursprünglich als Anfahrer für Jumbo-Sprintstar Dylan Groenewegen gedacht, holte sich nach dessen üblem Sturz am Samstag aber überraschend selbst den Sieg im Fotofinish vor dem slowakischen Ex-Weltmeister Peter Sagan. Damit ist Teunissen der erste Holländer in Gelb seit Erik Breukink vor 30 Jahren. «Am Samstag war es ein Traum und diesmal schon wieder. Das fühlt sich richtig gut an», sagte Teunissen.

Dritter im ersten Kampf gegen die Uhr wurde mit 21 Sekunden Rückstand Martins Ex-Mannschaft Deceuninck-Quick Step. Achtbar schlug sich das deutsche Bora-hansgrohe-Team, das mit Rundfahrt-Hoffnung Emanuel Buchmann 46 Sekunden zurück den zwölften Platz belegte. «Das war ein solides Zeitfahren, damit können wir leben», sagte Buchmann.

So stand das Auftakt-Wochenende, das bis zu 500.000 Zuschauer an den Streckenrand lockte, ganz im Zeichen der Holländer. Martin hatte zu Saisonbeginn das Abenteuer Jumbo-Visma gewagt und durfte nun seinen sechsten Tour-Tagessieg feiern.

Trotz Platz zwei und dem deutlichen Abstand waren Thomas und Co. aber nicht unzufrieden. «Es hat sich gut angefühlt. Wir hatten eine gute Geschwindigkeit. Einige Kurven hätten wir schneller fahren können, aber das war ein minimaler Zeitverlust», sagte Thomas. Andere Mitfavoriten ließen weitaus mehr Zeit auf den Straßen von Brüssel liegen. So verlor die französische Tour-Hoffnung Romain Bardet schon eine knappe Minute auf Thomas, der zweimalige Tour-Zweite Nairo Quintana (Kolumbien) büßte 45 Sekunden ein und für den Dänen Jakob Fuglsang waren es 21 Sekunden.

Da war Buchmann mit 26 Sekunden Rückstand gut dabei. Am Vortag war der Auftakt für die Bora-Mannschaft nicht wunschgemäß verlaufen. Buchmann war in den Sturz kurz vor dem Ziel ebenfalls verwickelt worden und hatte sich dabei eine blutige Lippe und ein aufgeschlagenes Knie geholt. «Es hat nicht mehr wehgetan», sagte das Leichtgewicht am Sonntag. Neben Buchmann waren auch Thomas und Fuglsang zu Boden gegangen. Der Däne musste mit drei Stichen über dem Auge genäht werden und erlitt Prellungen am rechten Knie und den Rippen.

Am Montag wird die Tour Belgien wieder verlassen, wenn die dritte Etappe über 215 Kilometer von Binche nach Épernay führt. Bei vier kleineren Bergwertungen auf den letzten 42 Kilometern dürften die Sprinter aber kaum zum Zug kommen. Vielmehr hoffen die Franzosen auf ihren Bergkönig Julian Alaphilippe.