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Wieder nichts: Stuttgarts Torjäger a. D. Daniel Ginczek (links) scheitert einmal mehr am famosen Schalker Torhüter Ralf Fährmann.   Baumann
Wieder nichts: Stuttgarts Torjäger a. D. Daniel Ginczek (links) scheitert einmal mehr am famosen Schalker Torhüter Ralf Fährmann. Baumann
21.09.2015

Abschlussschwäche nimmt beim VfB Stuttgart groteske Formen an

Fußball ist die einzige populäre Mannschaftssportart, in der auch die schlechtere Mannschaft gewinnen kann. Der VfB Stuttgart spielt so, als wolle er diese These immer wieder aufs Neue untermauern. Beim 0:1 gegen den FC Schalke 04 waren die Roten am Sonntag das klar bessere Team.

Die Schwaben spielten herzerfrischenden Offensiv-Fußball und vergaben – je nach Betrachtungsweise – zehn bis 15 klare Torchancen. Eine Analyse nach dem schlechtesten Saisonstart in der Vereinsgeschichte.

Die Abwehr: Hat mit Neuzugang Toni Sunjic an Stabilität hinzugewonnen. Der Innenverteidiger spielte an der Seite des jungen Timo Baumgartl schörkel- und fehlerlos. An dem Bosnier werden die „Roten“ noch ihre Freude haben. Überhaupt wirkte die Defensive gegen die Schalker stabil.

Das Mittelfeld: Spiel- und lauffreudig. Gentner, Dié und Co. zogen ein druckvolles und kreatives Offensivspiel auf und kreierten damit die Vielzahl der Torchancen. Trotz der bitteren Niederlage: Viel besser kann man es fast nicht machen.

Der Angriff: Eigentlich ist Daniel Ginczek kein Chancentod. Was am Sonntag mit ihm los war, bleibt rätselhaft. An einem normalen Tag hätte der 24-Jährige die Schalker im Alleingang abgeschossen. Timo Werner, für Martin Harnik ins Team gerückt, ließ sich von seinem Sturmkollegen anstecken. Und Martin Harnik, nach 74 Minuten für Werner eingewechselt, tat das, wofür er inzwischen traurige Berühmtheit genießt: Schoss aus drei Metern übers Tor.

Kann man Toreschießen trainieren? Klar kann man das. Es ist aber so, dass der Tor-Abschluss fast in allen Übungs- und Trainingsformen automatisch involviert ist. Man kann zwar Sonderschichten vor dem Tor schieben, aber letztlich ist es eine Kopfsache. Insofern ist der neue VfB-Sportpsychologe Philipp Laux jetzt besonders gefordert. Er muss die Ursachen für die Blockade im Kopf finden und beseitigen.

Die Taktik: Passt jetzt. Trainer Alexander Zorniger lässt nicht mehr so weit vorne verteidigen, wie noch beim Saisonstart. Die Balance zwischen Offensive und Defensive ist jetzt besser. Schalke hatte am Sonntag fast keine Torchance.

Der Trainer: Ist die ärmste Sau beim VfB. Was soll Alexander Zorniger noch sagen? Obwohl der Newcomer den schlechtesten Start in der Bundesliga-Geschichte des VfB hingelegt hat, stimmt seine Analyse, auch wenn es grotesk anmutet: „Ich wüsste nicht, wo ich ansetzen sollte. Wir müssen so weiter machen“, erklärte er nach dem Spiel gegen Schalke.

Die Fans: Sind phänomenal. Die Cannstatter Kurve hatte am Sonntag ein feines Gespür für die Situation. Der Mannschaft war, mit Ausnahme der schlampigen Chancenverwertung, nichts vorzuwerfen. Also gab es Beifall und Aufmunterung. Etwas anders ist die Stimmung auf der Haupttribüne. Dort wird gebruddelt auf Teufel komm raus. Ist aber auch irgendwie verständlich.

Die Aussichten: Sind eigentlich nicht schlecht. Die Mannschaft hat das Potenzial, einen sicheren Mittelfeldplatz in der Bundesliga zu erreichen. Jetzt heißt es, Nerven bewahren. Der morgige Gegner Hannover 96 steht auch gewaltig unter Druck.

Fazit: Der VfB hat keine sportliche Krise, sondern Torschuss-Panik. Obwohl die Situation bedrohlich ist, besteht kein Grund, alles in Frage zu stellen. Sportvorstand Robin Dutt hat schon in der vergangenen Saison gezeigt, dass er in kritischen Situationen die Dinge ruhig und sachlich analysieren kann. Er weiß: Im Fußball kann zwar die schlechtere Mannschaft gewinnen – aber in der Regel gewinnt doch die Bessere.