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Klare Bekenntnisse für Flüchtlinge und gegen Rassismus gab es in den vergangenen Monaten unter anderem (von links) beim Hamburger SV, dem FC St. Pauli, Greuther Fürth, Werder Bremen und dem 1. FC Köln.
Klare Bekenntnisse für Flüchtlinge und gegen Rassismus gab es in den vergangenen Monaten unter anderem (von links) beim Hamburger SV, dem FC St. Pauli, Greuther Fürth, Werder Bremen und dem 1. FC Köln.
Im Spiel gegen Borussia Dortmund zeigten die Bayern-Fans Ende 2014, was sie von Rechtsextremen in den Stadien halten. Barth, Von Erichsen, Privat
Im Spiel gegen Borussia Dortmund zeigten die Bayern-Fans Ende 2014, was sie von Rechtsextremen in den Stadien halten. Barth, Von Erichsen, Privat
31.08.2015

Antirassistische Botschaften im Stadion: Fankurven gegen Fremdenhass

Vieles erinnert in der aktuellen Flüchtlingsdiskussion an die Situation vor gut 20 Jahren: Mit 800 000 Flüchtlingen rechnet der Bund in diesem Jahr, noch mehr als beim bisherigen Höchststand 1992. Damals wie heute brennen Asylbewerberheime, geht ein rechtsextremer Mob auf die Straße – einst in Lichtenhagen und Hoyerswerda, nun in Heidenau und Freital. Hat sich also nichts geändert? Doch: Denn die Fankurven der Republik haben sich gewandelt – wo einst Bananen flogen und vereinzelt gar Reichskriegsflaggen wehten, werden heute Flüchtlinge Willkommen geheißen.

Das passiert zum einen auf Plakaten: Am Wochenende forderten die Bayern-Ultras „Solidarität statt Ressentiments: Refugees welcome!“ (auf deutsch: „Flüchtlinge willkommen“), in Köln war im rheinischen Dialekt „Keine Jeck es illejal!“ zu lesen.

Vereine und Anhänger belassen es aber nicht bei Lippenbekenntnissen: Mainz 05 lud 200 Schutzsuchende zum Heimspiel gegen Hannover ein, Bremer sammelten vor der Partie gegen Mönchengladbach Sportartikel, in Bochum trug eine Fan-Initiative Fußballschuhe zusammen, Greuther Fürth und der SV Babelsberg haben jeweils Mannschaften für Asylbewerber gegründet.

Ultras als Meinungsmacher

Anfang der 1990er-Jahre war dies unvorstellbar: „Damals gab es keine Fan-Szene, die sich für Flüchtlinge engagiert hat“, sagte der Fan-Forscher Robert Claus „Spiegel Online.“ Der Verein „Blau-weiß statt braun“, den KSC-Fans 2000 gegründet haben, war eine der ersten Initiativen gegen Rechtsextremismus. Waren „Asylant“ und „Zigeuner“ vor 20 Jahren gängige Beschimpfungen in deutschen Stadien, sangen Fans regelmäßig darüber, von der gegnerischen Stadt „eine U-Bahn bis nach Auschwitz“ bauen zu wollen, habe sich inzwischen „eine ganz andere Fan-Kultur entwickelt“, sagt Claus.

In deren Mittelpunkt stehen die Ultras, die ihre Meinungsführerschaft vielerorts genutzt haben, um eine antirassistische Grundstimmung zu etablieren. So schrieben die Bremer Ultras in ihrem Spendenaufruf, dass sie zeigen wollen, „dass Fußball, dass Werder, verbindet“. In München rief die Ultra-Gruppe „Schickeria“ mit einer Choreographie und einem Gedenkturnier den von den Nazis vertriebenen jüdischen Präsidenten Kurt Landauer ins Bewusstsein zurück. Und zuletzt betonte das Bündnis „Pro Fans“, zu dem sich 48 Fan- und Ultragruppen zusammengeschlossen haben, seine antirassistische Ausrichtung: „Für Fußballfans und allen voran Ultras ist die Fankurve ein bunter und kreativer Ort, an dem Ausgrenzung und Diskriminierung keinen Platz haben.“ Das Bündnis warnt aber auch, dass in der gesamten Gesellschaft „die Zahl der braunen Rattenfänger steigt und steigt“.

So sind rechte Gruppen auch im Profifußball längst nicht völlig verschwunden. Als sich im Oktober 2014 die „Hooligans gegen Salafisten“ Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, trugen einige von ihnen Fankluft. In Städten wie Dortmund, Braunschweig, Bremen, Düsseldorf und Aachen gibt es regelmäßig Konflikte zwischen rechten Hooligans und linken Ultras. Erst zweieinhalb Jahre ist es her, dass auf der Pforzheimer Autobahnraststätte die antirassistische Aachener Ultragruppe ACU überfallen wurde. Die Täter werden dem Umfeld der rechtsgerichteten Aachener „Karlsbande“ zugeordnet. Wenige Monate später zog sich die linke Gruppe aus Angst vor weiteren Übergriffen aus dem Stadion zurück.

Und zuletzt haben zwar Profis von RB Leipzig Kleidung für Flüchtlinge gespendet. Zugleich verbot der Verein Medienberichten zufolge in den vergangenen Monaten aber Plakate, die sich gegen Rassismus und das fremdenfeindliche Legida-Bündnis richteten. Ein Banner, der demnach nicht genehmigt worden war, hatte die Aufschrift: „Leipzig ist vielfältig, weltoffen und tolerant – reicht Rassisten nicht die Hand.“