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Fußball 1.Bundesliga 17. Spieltag: VfB Stuttgart - FC Bayern München am Sonntag (19.12..2010) in der Mercedes-Benz Arena in Stuttgart.
Fußball 1.Bundesliga 17. Spieltag: VfB Stuttgart - FC Bayern München am Sonntag (19.12..2010) in der Mercedes-Benz Arena in Stuttgart © dpa
13.01.2011

Droht dem VfB Stuttgart jetzt der Abstieg?

STUTTGART. Lediglich zwölf magere Pünktchen aus 17 Begegnungen haben die Schwaben in der ersten Halbserie bis zur Winterpause auf der Habenseite verbucht – ihr Rückstand auf den 15. Tabellenplatz, den aktuell der Kiez-Club FC St. Pauli belegt und der zum Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga reicht, beträgt bereits fünf Zähler.

Die Elf von Coach Bruno Labbadia steht im Kampf gegen den Abstieg mit dem Rücken zur Wand und gehörig unter Zugzwang – eine Situation, mit der sich der VfB in solch einem Ausmaß lange nicht mehr auseinandersetzen musste.
Neuen Mut hat der Tabellenvorletzte jedoch jüngst aus dem einwöchigen Trainingslager im türkischen Belek geschöpft. Labbadia zeigte sich sehr zufrieden und sprach seinen Spielern ein großes Kompliment aus. „Man hat gesehen, was wir getan haben“, sagte der 44-jährige Coach nach dem überzeugenden 3:1-Testspielerfolg über den Zweitligisten Greuther Fürth. Ob der VfB aber wirklich so gut in Form ist, um im Kampf gegen den Abstieg zu bestehen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die Sportredaktion der Pforzheimer Zeitung analysiert die Situation in Stuttgart und nennt jeweils drei Gründe, die für und gegen den schwäbischen Traditionsverein sprechen:

� Die Einzelspieler
Im Kader des VfB Stuttgart stehen nicht weniger als 15 Nationalspieler. Philipp Degen, Cristian Molinaro, Serdar Tasci, Arthur Boka, Matthieu Delpierre, Khalid Boulahrouz, Zdravko Kuzmanovic, Christian Gentner, Mauro Camoranesi, Martin Harnik, Christian Träsch, Mamadou Bah, Cacau, Pavel Pogrebnyak und Ciprian Marica sind oder waren alle bereits für ihr Land aktiv. Im Laufe der Rückrunde wird diese Qualität zum Tragen kommen.

� Die Moral
Einsatz, Leidenschaft und Wille – das sind Tugenden, die den Stuttgartern keinesfalls abzusprechen sind, was die VfB-Kicker unmittelbar vor der Winterpause in den Partien gegen den FC Bayern München (3:5 und 3:6) in der Bundesliga und im DFB-Pokal bewiesen haben. Bruno Labbadias Appell, sich im Abstiegskampf für seine Kollegen zu verreißen und zu kämpfen, wenn es spielerisch nicht läuft, haben anscheinend gefruchtet. Inzwischen ist auch dem letzten Schwaben-Profi bewusst, wie brisant die Situation ist.

� Der Trainer
Bruno Labbadia ist der richtige Mann für die schwere Aufgabe, die dem VfB in der Rückrunde bevorsteht. Seit den Zeiten des heutigen Schalke-Coaches Felix Magath (Februar 2001 bis Juni 2004) ist in Stuttgart nicht mehr so intensiv trainiert worden. Der 44-Jährige arbeitet akribisch, legt großen Wert auf Disziplin und Fitness. „Die geringe Anzahl von nur zwölf Punkten aus der Vorrunde kommt ja nicht von ungefähr, also müssen wir einfach mehr tun als die anderen“, lautet Labbadias Leitsatz. Bei Bayer Leverkusen und beim Hamburger SV hat der ehemalige Nationalstürmer außerdem bereits bewiesen, dass er eine Mannschaft zu Erfolgen führen kann – zumindest ein halbes Jahr lang. Und genau das braucht der VfB.

� Die Abwehr
Der Torhüter und die Viererkette sind die beiden großen Baustellen im Stuttgarter Team. Sven Ulreich ist mit Sicherheit kein schlechter Schlussmann, er wird jedoch immer im Schatten seines Vorgängers Jens Lehmann stehen. Bisweilen fehlt es ihm an Ausstrahlung, Erfahrung und Ruhe, um der ohnehin wackligen Hintermannschaft ein Rückhalt zu sein. Als Außenverteidiger konnten bislang lediglich Arthur Boka und mit Abstrichen Cristian Molinaro überzeugen. Khalid Boulahrouz hat seinen Zenit überschritten, Philipp Degen und Stefano Celozzi standen wegen Verletzungen nur selten zur Verfügung. Genau dasselbe gilt in der Innenverteidigung für Kapitän Matthieu Delpierre, der die Kollegen zwar führen will, nach seiner langen Verletzung aber noch nicht zu seiner Form gefunden hat. Deshalb dürfte es auch in der Rückrunde wieder zu Abstimmungsproblemen mit Serdar Tasci kommen, der zurzeit auch nur auf durchschnittlichem Niveau agiert.

� Die Erfahrung
Mannschaften wie das Schlusslicht Borussia Mönchengladbach, der 1. FC Köln, der FC St. Pauli, der 1. FC Kaiserslautern oder der 1. FC Nürnberg kennen sich mit dem Abstiegskampf aus. Sie profitieren von ihrer jahrelangen Erfahrung. Für den VfB Stuttgart ist die aktuelle Situation etwas Neues, obwohl die Schwaben auch in den vergangenen beiden Spielzeiten nach einer sehr schwachen Vorrunde unter Druck standen. Damals war die Lage aber nicht einmal annähernd so prekär wie heute. Stürmer Cacau bringt es auf den Punkt: „Die Situation ist schlimmer als vor einem Jahr. Es soll ja niemand denken, dass dies ein Selbstläufer wird.“ Ein warnendes Beispiel ist Hertha BSC Berlin: Mit Ambitionen auf den Europacup in die Saison gegangen, stieg der personell gut besetzte Hauptstadtverein am Ende der vergangenen Rund sang- und klanglos ab.

� Die Kaderzusammenstellung
Eine Vielzahl starker Einzelspieler ergibt nicht automatisch ein gutes Team. Jeder Fußball-Laie weiß das. Bis nach Stuttgart ist diese Kunde aber noch nicht durchgedrungen, denn bei der Zusammenstellung des Kaders hat Horst Heldt, der einstige Sportdirektor des VfB, eklatante Fehler gemacht. Junge Talente aus der eigenen Jugend wie Sebastian Rudy (verkauft an 1899 Hoffenheim) oder Julian Schieber (ausgeliehen an Nürnberg) wurden abgegeben und im Gegenzug alternde Profis wie Mauro Camoranesi verpflichtet.