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Michael Gabriel ist überzeugt davon, dass denkwürdige Aufzug Dresdner Chaoten im Mai in Karlsruhe das weitere Vorgehen der Fan-Szene in Deutschland maßgeblich beeinflusste. Foto: dpa
Michael Gabriel ist überzeugt davon, dass denkwürdige Aufzug Dresdner Chaoten im Mai in Karlsruhe das weitere Vorgehen der Fan-Szene in Deutschland maßgeblich beeinflusste. Foto: dpa
29.12.2017

Fanprojekt-Leiter Michael Gabriel: „Ohne Leidenschaft wäre Fußball nichts“

Immer wieder Pyrotechnik, nach wir vor Ausschreitungen – und heftige Proteste gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB): Die Fanszene war 2017 in Aufruhr. Bilder von Dynamo-Dresden-Fans in Karlsruhe im Military-Look sorgten bundesweit für Aufsehen. Den Ausführungen von Michael Gabriel, dem Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt zufolge, hatten die Vorfälle des Dynamo-Gastspiels beim KSC sogar Signalwirkung.

PZ: War 2017 das Jahr des Aufstands der Fans?

Michael Gabriel: Das Zweitliga-Spiel Karlsruher SC gegen Dynamo Dresden kann man rückblickend als den Beginn der Proteste bezeichnen. Danach hat sich gezeigt, dass diese Bewegung nicht auf einen Ort oder Verein beschränkt ist. Der überwiegende Teil der deutschen Fanszene hat sich dieser Kampagne angeschlossen. Es wäre falsch, ihn auf einen Protest von Ultras zu reduzieren. Sie agieren vielmehr als Übermittler des Unbehagens großer Teile der Fanszene – an der Entwicklung des Fußballs generell und am Umgang mit ihnen als Fans.

PZ: Woher kommt das Unbehagen?

Michael Gabriel: Diese Entwicklung hat sich lange angedeutet, denn Fans fordern seit mehr als 20 Jahren, stärker einbezogen zu werden. Seit zehn Jahren gibt es einen offiziellen Dialog der beiden Dachverbände DFB und DFL mit den Fans, der jedoch von ihnen mehrmals frustriert abgebrochen wurde. Das alles hat sich in der brachialen Losung „Krieg dem DFB“ zugespitzt. Diese verfahrene Situation hängt somit auch mit den Versäumnissen von Seiten der Fußballverbände, der Vereine, aber auch der Politik zusammen, angemessen auf die Bedürfnisse der Fans einzugehen.

PZ: Verbände, Vereine, Politiker, Fans – was könnten sie tun?

Michael Gabriel: Christian Seifert formuliert es ja für die DFL so: Der Erfolg des Fußballs in Deutschland beruhe auf drei Säulen – ein spannender und integrer Wettbewerb, wirtschaftliche Solidität und seine Nähe und Durchlässigkeit zur Gesellschaft. Mein Eindruck ist, dass in die ersten beiden Säulen sehr viel investiert worden ist. Nicht nur finanziell, sondern auch ideell – und dass die dritte Säule stiefmütterlich behandelt wurde. Das rächt sich jetzt. Ohne die Leidenschaft seiner Fans wäre der Fußball nichts.

PZ: Und die Vereine?

Michael Gabriel: Hier lohnt ein Blick zu Vereinen, die glaubwürdig und kontinuierlich die Fan-Interessen einbinden. Zum Beispiel zum FC St. Pauli oder zu Union Berlin. Dort tragen die Potenziale der Fankultur dazu bei, dass sie eine unverwechselbare Identität bekommen haben.

PZ: Und die Politiker?

Michael Gabriel: Viele Maßnahmen sind dazu geeignet, die Gräben zu vertiefen und widerlaufen den aktuellen Bemühungen von DFB und DFL. Ganz aktuell haben wir eine Häufung von massivsten polizeilichen Maßnahmen. Als Pädagogen haben wir die Entwicklungsperspektive junger Menschen im Blick, die im Fußball auch Gesellschaft erfahren. Deshalb waren wir immer gegen Blocksperren, weil diese als kollektive Bestrafung das Unrechtsempfinden mit Füßen treten. Pyro wird mittlerweile als Widerstandshandlung eingesetzt. Schon ein erster Schritt, bei diesem Thema den Druck rauszubekommen, wäre hilfreich.

PZ: Was wünschen Sie sich denn für 2018?

Michael Gabriel: Ich würde mir wünschen, dass der Weg des intensiven Dialogs und einer besseren Einbindung der Faninteressen, wie er gerade von DFB und DFL beschritten worden ist, auch dann weiter verfolgt wird, sollte es mal einen negativen Vorfall geben. Allen muss klar sein, dass es ein langer Weg ist.

Fan-Szene der Bundesligisten im Südwesten

Die Fan-Szene der drei baden-württembergischen Fußball-Bundesligisten unterscheidet sich relativ stark. Doch weder Ultras des VfB Stuttgart, des SC Freiburg oder von 1899 Hoffenheim machen ganz große Probleme.

Die Ultras des VfB Stuttgart, die größte Gruppe ist das „Commando Cannstatt“, sind unpolitisch. Doch bei internen Angelegenheiten des Vereins positionieren sich die Fans klar, gehen dabei auch durchaus in Opposition zur Club-Führung. Gewalt um der Gewalt willen ist für die große Mehrheit unattraktiv. Werden sie aber ihrer Meinung nach provoziert, halten sich die VfB-Ultras nicht zurück.

Hoffenheim und die Ultraszene – das ist ein Thema, wenn gegnerische Fans den Verein und seinen Mäzen Dietmar Hopp unflätig beschimpfen. Um die beschauliche TSG 1899 gibt es allerdings auch eine Gruppe von rund 150 Anhängern, die von der Polizei schon einmal als „gewaltorientiert“ eingestuft wurde.

Beim SC Freiburg spielen vor allem zwei Ultra-Gruppierungen eine Rolle: die „Natural Born Ultras“ (NBU) und die „Corillos“, dazu kommen noch „IWF“ und die „Supporters Crew“, die eher eine Art Dachorganisation ist. Probleme gab es mehrfach wegen Pyro-Einsätzen. Deshalb waren Banner, Spruchbänder und Fahnen im Stadion verboten zu Saisonbeginn bei drei Heimspielen verboten. Anti-DFB-Plakate schaffen es dennoch regelmäßig in die Arena. dpa