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Seine beiden Bronzemedaillen von der jüngsten WM zeigt Max Hartung derzeit in Pforzheim. Foto: Seibel
Seine beiden Bronzemedaillen von der jüngsten WM zeigt Max Hartung derzeit in Pforzheim. Foto: Seibel
05.08.2015

Fechter Max Hartung: „Am Ende zahlt man noch drauf“

Deutschlands bester Fechter Max Hartung kämpft um Anerkennung. Derzeit wohnt und arbeitet er für einige Wochen im Rahmen eines Praktikums in Pforzheim. Auf der Planche sind die DFB-Athleten inzwischen oft nur Außenseiter.

Alle vier Jahre zu den Olympischen Spielen rückt die Sportart Fechten auch in Deutschland wieder ins öffentliche Bewusstsein. Jahrzehntelang waren Florett- und Degenfechter aus Tauberbischofsheim sichere Medaillenlieferanten für das deutsche Team. Und heute? Sind die Fechter aus der Bundesrepublik froh, wenn sie überhaupt noch Edelmetall bei Großereignissen ergattern. Bei der WM in Moskau gab es zweimal Bronze durch die Säbelfechter – mit der Mannschaft und im Einzel durch Max Hartung. Alle anderen wie Olympiasiegerin Britta Heidemann gingen leer aus.

Medaillen als harte Währung

Die ernüchternde Bilanz wirkt auch in die Zukunft. Wenn es 2016 in Rio um olympische Ehren geht, dürfte der Deutsche Fechter-Bund (DFB) nur mit einer Mini-Abordnung vertreten sein. „Erfolg und Misserfolg im Spitzensport misst sich an Ergebnissen“, hatte der für den Sport zuständige Innenminister Thomas de Maizière kürzlich im Interview mit der FAZ klargestellt. Medaillen als harte Währung – die können die Fechter derzeit nicht liefern.

Wie hart die Zeiten sind, das weiß niemand besser als Max Hartung. Der 25-Jährige ist momentan der erfolgreichste Deutsche an den Hieb- und Stichwaffen. Derzeit wohnt und arbeitet er für einige Wochen im Rahmen eines Praktikums in Pforzheim.

Seit Hartung acht Jahre alt ist, steht er auf der Planche. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich heute ohne den Sport wäre“, sagt er. Aber die Vorstellung, seine Erfahrungen später einmal als Trainer weiterzugeben, reizt ihn nicht. „Zu unattraktiv“, stellt er fest und zählt auf: finanziell nicht lukrativ, miese Arbeitszeiten, wenig gesellschaftliche Anerkennung. Bei den Sportlern selbst sieht es kaum besser aus. Wenn Hartung anderen Menschen erzählt, dass er Profifechter ist, kommt oft die Gegenfrage: „Und was machen Sie hauptberuflich?“

Die Frage ist gar nicht so dumm. Während in Ländern wie Italien und Russland Fechter und ihre Trainer reichlich mit Geld und Anerkennung bedacht werden, geht es in Deutschland bestenfalls um eine Grundsicherung. So wie bei Max Hartung. Er studiert in Friedrichshafen an der Zeppelin-Universität Soziologie, Politik und Wirtschaft. Zwischen dem Studienort und seinem Trainingzentrum beim TSV Dormagen liegen 600 Kilometer. Der ständige Wechsel von Studium und Training ist eigentlich eine Zumutung. Vergütet wird das die meiste Zeit mit einigen Hundert Euro Sporthilfe. Die Versuche des Weltmeisters von 2014, einen privaten Sponsor an Land zu ziehen, sind sämtlich fehlgeschlagen. „Am Ende zahlt man noch drauf“, sagt Hartung.

Glücklich und zufällig

Der 25-Jährige weiß, dass in seinem Sport vielerorts die richtigen Strukturen fehlen. Dass bei den Säbelfechtern in Dormagen derzeit so erfolgreich gearbeitet wird, sei vor allem dem Umstand zu verdanken, dass dort mit dem gebürtigen Rumänen Vilmos Szabo ein Trainer arbeite, der bislang den finanziellen Verlockungen aus dem Ausland widerstanden hat. Doch diese Konstellation nennt Hartung „glücklich“ und „zufällig“. Und wenn letztlich alles an einzelnen Personen hänge, sei das auch „eine systemische Schwäche“.

Als Schuldzuweisung an den Verband will Hartung das aber nicht verstehen. Als Athletenvertreter im Vorstand weiß er um die beschränkten Möglichkeiten. „Unser Budget ist überschaubar“, sagt er. Der Vergleich der beiden DFBs bietet die passenden Zahlen. Während der Deutsche Fechter-Bund gerade mal 24 000 Mitglieder hat, meldet der Deutsche Fußball-Bund fast 6,9 Millionen Beitragszahler.

Wo die Fußballstars in den Medien omnipräsent sind, müssen die Fechter um jede Sekunde öffentlicher Aufmerksamkeit kämpfen. Max Hartung wäre dafür eigentlich der richtige Mann: Er ist erfolgreich, intelligent, redegewandt, er hat Humor und gibt bei 1,87 Metern Größe auch eine präsentable Figur ab. Max Hartung hätte viel zu erzählen, wenn er denn gefragt würde. Und wenn ihm Sport und Studium Zeit dafür ließen.

Wie Max Hartung nach Pforzheim kam

Die Welt der Fechter in Deutschland ist klein und überschaubar. Man kennt sich. Das gilt auch für Säbel-Weltmeister Max Hartung und Helge Pino Ulrich (44) vom Fechtclub MMX Pforzheim. Der gebürtige Pforzheimer Ulrich war einst in der Talentschmiede Tauberbischofsheim aktiv, später gründete er in Pforzheim die Werbeagentur „Visualis“, heute arbeitet er für „The Branding Group“. Den Deutschen Fechter-Bund unterstützt er zudem in Vermarktungsfragen. Diese Konstellation war ideal, als Max Hartung für sein Studium eine Praktikumsstelle in der Wirtschaft suchte. Er wurde bei Ulrich fündig, lebt derzeit bei ihm in der Südstadt – und trainiert im örtlichen Fechtclub mit. Davon profitieren vor allem die jungen Sportlerinnen und Sportler im FC MMX, die plötzlich Deutschlands besten Fechter als Sparringspartner haben. ok