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Schiedsrichterobmann Jörg Augenstein sieht mit der neuen POB-Karte und dem 3-Stufen-Modell gute Werkzeuge für die Schiedsrichter in den Amateurklassen, mit denen abgestuft auf unschöne Ereignisse auf dem Fußballplatz reagiert werden kann - bis hin zum Spielabbruch.  Foto: PZ-Archiv/Mildenberger 

Friedliche Spiele statt Abbruch: Ein Plan hilft Schiedsrichtern auf den Fußballplätzen der Region

Enzkreis/Pforzheim/Nordschwarzwald. Am kommenden Wochenende rollt auch wieder in den unteren Fußballigen der Ball. Und viele fragen sich: Wie wird es sein, wenn nun auch in der Kreisliga oder in der C-Liga Zuschauer von außen reinpöbeln, Spieler rassistisch beleidigt werden oder Mannschaften wegen Schmähungen frühzeitig vom Platz gehen. Der Deutsche Fußballbund (DFB) hat sich diesbezüglich nicht erst seit den Vorfällen am vergangenen Wochenende in der Bundesliga beim Spiel Hoffenheim gegen Bayern Gedanken gemacht. Schon am 12. Februar verschickten die Verantwortlichen an die Amateurvereine ein sogenanntes 3-Stufen-Modell, das auch in Sinsheim schon zum Einsatz kam.

Außerdem führte der Badische Fußballverband die POB-Karte ein. Was es mit alledem auf sich hat und wie es von der Verbandsliga bis hin zur C-Klasse umgesetzt werden soll, wird im Folgenden geklärt.

Das ist die neue POB-Karte

Die POB-Karte ist neu. POB ist die Abkürzung für Platzordnerobmann. Vor jedem Spiel muss ab sofort jeder Verein einen POB bestimmen, der zu einem friedlichen Spiel beitragen soll. Sein Name muss auf einer Karte vermerkt sein. Seine Aufgaben: der POB muss sich gemeinsam mit dem POB des Gästeteams vor dem Spiel beim Schiedsrichter vorstellen. Er soll sich mit Ordnerleibchen bzw. Ordnerbinde kenntlich machen. Auffällige Zuschauer soll der POB ansprechen und beruhigend auf sie einwirken. Dabei soll er vor allem auf Signale des Schiedsrichters achten und bei Vorfällen diesen auch unterstützen.

Hört sich ganz nach den Aufgaben eines Platzordners an, den es ja schon immer gibt. Was ist nun neu? Schiedsrichterobmann Jörg Augenstein erklärt: „Vereine tragen als Platzordner gerne mal eine Person ein, die dann gar nicht beim Spiel anwesend ist. So genau nahm man das hin und wieder nicht. Jetzt wird das nicht mehr gehen. Der POB muss sich beim Schiedsrichter mit der Karte vorstellen und hat auch sonst noch einige Aufgaben zu erledigen.“ Einen ausführlichen Leitfaden bekamen die Vereine vom BFV zugeschickt. Kostenlose POB-Schulungen bietet der BFV ebenfalls an. Die Platzordnerobmänner sollen zudem beim 3-Stufen-Modell mitwirken.

Si sieht das 3-Stufen-Modell aus

Wie das Modell funktioniert, erfuhr man beim Bundesliga-Spiel am vergangenen Wochenende in Sinsheim. Verkürzt erklärt: Kommt es zu einem Konflikt oder einem ersten Vorfall, der eine Eskalation auslösen könnte (unter anderem rassistische Beleidigungen) erfolgt durch den Schiedsrichter eine erste Spielunterbrechung. Die störenden Personen sollen aufgefordert werden, ihr Verhalten zu ändern. Eine erste Stadiondurchsage soll – wenn möglich – durchgeführt werden, um das Spiel fortsetzen zu können.

Kommt es zu einer erneuten Störung (2. Stufe), wird die Begegnung wieder unterbrochen – und zwar für circa fünf Minuten bis zur vollständigen Beruhigung der Situation. Die Mannschaften können sich in der Kabine zurückziehen. Es erfolgt eine zweite Stadiondurchsage. Beruhigt sich die Situation nicht, greift die dritte Stufe und das Spiel wird abgebrochen.

Das sind die empfohlenen Stadiondurchsagen:

Durchsage bei Spielunterbrechung – Stufe 1

„Liebe Fußballfreunde/liebe Besucher, der Schiedsrichter hat das Spiel soeben unterbrochen. Die Spielunterbrechung dient der Deeskalation und soll zur Beruhigung der Situation beitragen. Es erfolgt zu diesem Zweck eine Ansprache des Schiedsrichters an Spieler/Spielführer/Trainer. Wir bitten daher alle Spieler und/oder Zuschauer/Fans um ein respektvolles und faires Miteinander, damit eine Spielfortsetzung erfolgen kann. Vielen Dank!“

Durchsage bei Spielunterbrechung – Stufe 2

„Liebe Fußballfreunde/liebe Besucher, der Schiedsrichter hat das Spiel soeben (nochmals) unterbrochen. Die Spielunterbrechung dient (wiederum) der Deeskalation und soll die Situation beruhigen. Wir weisen Sie eindringlich daraufhin, dass jede weitere Störung zu einem Spielabbruch führen kann, der schwerwiegende Konsequenzen für alle Beteiligten haben wird. Wir bitten daher alle Spieler und/oder Zuschauer/Fans nochmals ausdrücklich um ein respektvolles und faires Miteinander, damit ein Spielabbruch verhindert werden kann. Fußball soll uns allen Spaß machen, den Zuschauern, den Verantwortlichen, den Spielern und dem Schiedsrichter! Vielen Dank!“

Gibt es nun mehr Spielabbrüche?

Wird es nun in der Rückrunde vermehrt Spielunterbrechungen oder gar Abbrüche im Fußballkreis geben? „Ich denke nicht“, sagt Jörg Augenstein, „im Kreis Pforzheim gab es ja zum Glück zuletzt keine besonderen Vorkommnisse. Für uns Schiedsrichter ist das 3-Stufen-Modell aber ein gutes Handwerkszeug. Bislang gab es ja bei bestimmten Situationen nur die Möglichkeit, ein Spiel abzubrechen. Jetzt kann man erstmal deeskalierend einwirken.“

Bleibt die Frage, wie sensibel werden die Schiedsrichter künftig die Spiele leiten? Wird es bei jedem unqualifizierten Kommentar von draußen eine erste Spielunterbrechung geben?

„Das 3-Stufen-Modell wird natürlich nur angewandt, wenn es wirklich Sinn macht“, so Augenstein. „Die Schiris werden also nicht wegen jeder Kleinigkeit die Partie unterbrechen. Ich bin mir sicher, dass sie auch weiterhin ein gutes Fingerspitzengefühl in den jeweiligen Situationen zeigen werden.“

Dominique Jahn

Dominique Jahn

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