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Aus Schülern werden Schiedsrichter © Walter
08.10.2014

Gegen Gewalt im Fußball: In Pforzheim werden aus Rotsündern Schiris

„Es gibt Menschen, da brennt oben Licht, aber keiner ist Zuhause.“ Etwas überspitzt, aber durchaus treffend bringt Rolf Karcher, Schiedsrichterobmann des Badischen Fußballverbands (BFV), ein Problem auf den Punkt: Statt bei strittigen Situationen zu diskutieren, wird zu oft der Kopf ausgeschaltet und die Faust geschwungen.

Bildergalerie: Schiri-Neulingskurs an der Brötzinger Schule

Ein Grund dafür sind die Smartphones, glaubt Karcher: „Jeder schaut nur nach unten auf das Display und nicht mehr ins Gesicht der Anderen. Daher können viele Jüngeren die Körpersprache des Schiedsrichters gar nicht verstehen, weil sie diese im Alltag nicht mehr lernen.“

Zwölf Tipps, wie Vereine mit Gewalt im Amateurfußball umgehen sollen, lesen Sie am Donnerstag in der "Pforzheimer Zeitung".

Als vorbildhaft gilt die Gewaltprävention beim TSV Maulbronn. "Chapeau – das ist genau so, wie es sein soll“, sagt Rolf Karcher über die Gewaltprävention des TSV Maulbronn. Er meint den „Leitfaden Jugendfußball“. In diesem Verhaltenskodexe für Eltern, Spieler und Trainer definiert worden. „Anfangs wurde kaum darüber gesprochen“, sagt Jugendleiterin Heike Himmelsbach-Ihli. „Aber als es zu kritischen Situationen kam, haben sich die Spieler gegenseitig darauf hingewiesen, was zu tun ist.“ Inzwischen ist der Leitfaden fest etabliert und in aller Munde – und geht jetzt in die zweite Auflage.

Neue Schiris braucht das Land

Um Gewaltprävention und Schiedsrichter-Gewinnung zugleich geht es bei dem Pilotprojekt, dass derzeit in der Brötzinger Schule stattfindet. 22 Schüler sollen dort zu Schiris gemacht werden. Mit dem Pilotprojekt – läuft es gut, wird es erweitert – geht der Badische Fußballverband (BFV) bei der Ausbildung neue Wege. Denn üblicherweise werden die 17 Grundregeln des Fußballs mit Frontalunterricht gepaukt. Das ist hier anders: Mal geht es in die Sporthalle, mal entwickeln die Teenager gemeinsame Präsentationen.

„Vieles können wir im Fußball leichter transportieren als in der Schule oder der Gesellschaft“, sagt BFV-Präsident Ronny Zimmermann, der den Referees der Zukunft am Mittwoch einen Besuch abstattete. Soll heißen: Es geht nicht nur darum, die Nachwuchssorgen des Verbands zu beheben. „Sondern auch, den Schülern für den Alltag etwas mitzugeben“, sagt Zimmermann. Sozialkompetenz, Aggressionsbewältigung, Selbstbewusstsein – das sind nur drei der Schlagworte, die genannt werden. Besonders auf das Letztgenannte bezieht sich Berufseinstiegsbegleiter Andreas Schütte. „Eine Schülerin, die auch schon viel Ärger hatte, war am ersten Tag noch ganz ruhig – und ist inzwischen so aufgeblüht, dass sie heute Morgen darauf bestanden hat, die Präsentation zu machen.“

Wer die unterschiedlichen Charaktere beobachtet, kann sich noch nicht bei allen vorstellen, dass sie bald Spiele leiten. Doch bei der Mehrheit scheint die von Schütte beschriebene Verwandlung bereits einzusetzen. Angela und Ludovica etwa. Zwei Freundinnen, zwei Fußballerinnen, aktiv beim VfB Pforzheim. Während zwei Jungs Papier zu Kügelchen formen, diskutieren die beiden Mädchen die Frage des direkten oder indirekten Freistoßes aus. „Sonst waren wir ja immer gegen die Schiris“, verrät Ludovica. „Doch jetzt wollen wir selbst pfeifen“, kündigt Angela an – und räumt ein: „Jetzt, wo ich die Regeln kenne, würde ich auf dem Platz vieles anders machen.“

Auch die komplette Reportage lesen Sie am Donnerstag auf einer Sonderseite zum Thema "Gewalt im Fußball" in der Pforzheimer Zeitung.