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Fest im Blick hat Bundestrainer Andreas Hirsch (links) seine drei Top-Athleten:Fabian Hambüchen, Philipp Boy und Marcel Nguyen (von oben nach unten).dpa
Fest im Blick hat Bundestrainer Andreas Hirsch (links) seine drei Top-Athleten:Fabian Hambüchen, Philipp Boy und Marcel Nguyen (von oben nach unten).dpa
23.12.2011

Goldene Generation will Olympiamedaille

Die Frage der Fragen stellte Turn-Bundestrainer Andreas Hirsch seinen besten Athleten Anfang Dezember bei einer Wellnesswoche am Tegernsee: „Was wollt ihr bei Olympia erreichen?“ Sprich: Soll am Ende des Londoner Teamwettbewerbs 2012 mehr stehen als der sechste Platz, den Hambüchen, Nguyen und Co. bei der WM 2011 in Tokio erturnten? Zu einem „offenen Gespräch ohne Protokoll“ hatte der 53-jährige Hirsch seine Mannen im idyllischen Oberbayern versammelt – und deren Antwort auf seine Gretchenfrage fiel ganz nach dem Geschmack des Trainers aus. „Die Mannschaft will eine Medaille“, berichtet Hirsch.

Der Mann, unter dem die deutschen Turner zu ungeahnter Stärke fanden, bereist zum Jahresende die Turn-Stützpunkte der Nation. In dieser Woche machte Hirsch der KTV Straubenhardt seine Aufwartung – und betonte, worauf er seit der WM hinarbeitet: auf die Olympischen Spiele 2012 in London. Zwar gehe es bei seinem Besuch auch darum, „den Informationsfluss zu verbessern“. Und natürlich habe er auch die Nachwuchsabteilung im Auge. Doch zum einen sieht Hirsch die Jugendarbeit der KTV Straubenhardt ohnehin äußerst positiv: „Bei den deutschen Jugendmeisterschaften holte der Schwäbische Turnerbund 22 Medaillen, 16 davon kamen von der KTV. Das sagt ja schon einiges“, so der Nationalcoach. Und zum anderen ist für ihn bei seiner Visite in Straubenhardt dann doch ein anderes Thema zentral: „Mit Blick auf Olympia besprechen wir die Übungen einzelner Turner und schauen, wie eine Leistungssteigerung möglich ist“, erklärt der 53-Jährige.

In dessen Nationalkader herrscht eine beeindruckende – und in der deutschen Turnhistorie seltene – Leistungsdichte. Mit Fabian Hambüchen, Philipp Boy und Marcel Nguyen kann Hirsch gleich drei potenzielle Sechskämpfer an die Geräte schicken. Zudem haben die drei 24-Jährigen „das perfekte Turn-Alter“, ist sich der Coach sicher. Und doch warnt er vor übertriebenen Erwartungen: An den Top-Nationen China und Japan sei kaum ein Vorbeikommen. „Und zwischen den Plätzen drei und acht geht es richtig eng zu“, sagt der einstige Nationalturner.

So versucht „Hirschi“, wie er als aktiver Turner genannt wurde, den öffentlichen Druck zu mildern. Er warnt, er wägt ab, er schränkt ein: „Wenn man sich sicher fühlt, ist das der erste Schritt, um keinen Erfolg mehr zu haben“, predigt er, um dann aber doch zu bekennen: „Die Mannschaft ist insgesamt besser als vor vier Jahren.“ Das folglich „etwas schlechtere“ Team turnte 2008 in Peking – und wurde nur knapp Vierter. Aufs Treppchen kam eine deutsche Mannschaft im olympischen Teamwettbewerb zuletzt 1988: In Seoul holte die DDR Silber.

Der Grundstein dafür, dass die deutsche Turn-Equipe auch 2012 aus London mit Edelmetall nach Hause kommt, wurde bei der WM in Tokio gelegt: Platz sechs war gleichbedeutend mit der Qualifikation für die Spiele. Doch Hirsch weiß, dass die dort gezeigten Übungen für eine olympische Medaille zu wenig sind: „Wir müssen den Sportlern die Sicherheit mitgeben, um den Schritt über die rote Linie zu gehen“, erklärt der Diplom-Sportlehrer. Das heißt zum einen: Mut zum Risiko. Zum anderen aber auch, dass die Turner an ihren mentalen und sportlichen Schwächen arbeiten müssen – „gerade auch am Sprung, unserem Problemgerät, sagt Hirsch.

Interner Konkurrenzkampf

Damit dies gelingt, schürt der Berliner den internen Konkurrenzkampf. Nur fünf Turner dürfen für Olympia nominiert werden. „Noch ist alles offen“ betont Hirsch.Jedoch scheint an Hambüchen, Boy und Nguyen kein Weg vorbeizuführen.

Um die weiteren Plätze kämpfen mindestens acht Turner: Thomas Taranu von der KTV sowie Sebastian Krimmer, Eugen Spiridonov und Andreas Toba, die allesamt im WM-Kader standen. Aber auch Ex-Boden-Europameister Matthias Fahrig, Andreas Bret-schneider und Robert Weber sind noch im Rennen. Die Entscheidung, wer von ihnen nach London fährt, fällt der Coach am 4. Juli 2012: Dann wird er dem Deutschen Olympischen Sportbund fünf Athleten vorschlagen. „Im Moment hat nur einer seinen Platz sicher“, so Hirsch: „Der Arzt.“