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Andreas Bretschneider hat mit einer waghalsigen Flugnummer am Reck eine Weltpremiere geturnt und damit seinem Turnverein, der KTV Straubenhardt, zum Sieg gegen den MTV Stuttgart verholfen.
Andreas Bretschneider hat mit einer waghalsigen Flugnummer am Reck eine Weltpremiere geturnt und damit seinem Turnverein, der KTV Straubenhardt, zum Sieg gegen den MTV Stuttgart verholfen. © dpa/Archiv
09.11.2014

KTV-Flugpionier Andreas Bretschneider mit Weltpremiere am Reck

Straubenhardt. Als Andreas Bretschneider nach seiner waghalsigen Flugeinlage die Stange wieder zu fassen bekam, da erklang ein Schrei aus mehr als 1000 Kehlen. Und als der 25-jährige Turner nach seiner Reckübung glücklich gelandet war und die Fäuste nach oben reckte, tobte die Halle. Schließlich waren die Zuschauer beim Bundesliga-Wettkampf der KTV Straubenhardt gegen den MTV Stuttgart (48:31) gerade Zeugen einer Weltpremiere geworden.

Erstmals hatte ein Turner bei einem offiziellen Wettkampf am Reck ein Flugelement mit zwei Salti und zwei Schrauben gezeigt. Es ist das erste Wertungsteil der Klasse H im Turnen weltweit.

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Nach dem ersten Jubel brauchte auch Bretschneider ein bisschen, um zu verdauen, was da gerade passiert war. „Ich bin glücklich, dass es geklappt hat“, sagte der Spitzenturner der KTV Straubenhardt. Das „endlich“ dazu sagte er nicht, aber es war zu spüren. Eigentlich hatte der Sachse „sein“ Element schon im Oktober bei der WM in Nanning turnen wollen. Doch bei der Ausführung fehlte eine Schraube – während der Übung hatte Bretschneider das gar nicht bemerkt. Dieser Blackout wirkte nach, wurmt den 25-Jährigen bis heute.

Ein bisschen war er noch verärgert, dass ihm die Premiere „nur“ in der Bundesliga gelungen ist. Aber er sagte auch: „Man muss an seinen Träumen festhalten.“ Das hat er getan, hat seit Nanning weiter an der Übung gefeilt, hat gearbeitet, „am Gerät, aber auch am Kopf“, wie er eingesteht.

Bretschneiders Element wird künftig das Übungsteil mit der höchsten Wertung im Weltturnen sein. Ein H-Teil (0,8 Punkte) gab es noch nie. Bisher wurden Wertungsteile der Kategorien A (0,1 Punkte) bis G (0,7) geturnt. Der Straubenhardter Flugpionier will aber auch der Namenspatron seiner Kreation werden. Von den deutschen Turnern ist das bislang nur Eberhard Gienger gelungen, der seinen Gienger-Salto 1987 ebenfalls am Reck schuf. Damit die Turner künftig von einem „Bretschneider“ sprechen, wenn jemand das komplizierte und riskante Flugmanöver am Reck ausführt, muss der deutsche Nationalturner sein Element bei einem internationalen Wettkampf turnen.

In drei Wochen beim DTB-Pokal in Stuttgart bietet sich die Chance. Bretschneider ist wild entschlossen: „Irgendwann soll das Ding gefälligst so heißen wie ich.“

Zuvor kann der Straubenhardter sein Flugteil aber auch noch beim Finale um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft zeigen. Das findet am 22. November in Karlsruhe statt. Gegner ist dann erneut der MTV Stuttgart. Die Turner aus der Landeshauptstadt waren schon vor dem letzten Liga-Wettkampf für das Finale qualifiziert, die Straubenhardter benötigten unbedingt einen Erfolg. Sie haben dem Druck standgehalten. Genauso wie Andreas Bretschneider.

KTV Straubenhardt steht im Finale um die deutsche Turn-Meisterschaft

Geschafft: Mit einem 48:31-Erfolg gegen den Tabellenführer MTV Stuttgart hat sich die KTV Straubenhardt für das Finale um den deutschen Titel qualifiziert. Das Duell der beiden Spitzenteams am letzten Wettkampftag verlief aber weniger brisant, als gedacht. Zu dominant waren die ersatzgeschwächten Gastgeber. Die bereits für das Finale qualifizierten Stuttgarter traten ohne Ausländer, schonten Top-Turner Sebastian Krimmer phasenweise.

Mit 16:0 am Boden und 15:0 an den Ringen legte die KTV den Grundstein zum Sieg. Der Absturz am Zittergerät Pauschenpferd (0:14) sorgte nur kurzzeitig für Spannung. Jetzt stehen sich also beide Teams in zwei Wochen im Finale wieder gegenüber. Hätten die Stuttgarter gewonnen, hätte ihr Finalgegner TG Saar geheißen – das wäre möglicherweise schwerer geworden. Stuttgarts Trainer Valeri Belenki sprach sogar augenzwinkernd von baden-württembergischer Nachbarschaftshilfe, stellte aber fest: „Wir haben in der Saison auch die TG Saar geschlagen.“

Für das Finale wird sich Stuttgart wieder mit einem Ausländer verstärken. Der Brasilianer Sergio Sasaki, Olympia-Zehnter im Mehrkampf, soll kommen. „Die Favoritenrolle im Finale liegt bei Stuttgart“, sagt denn auch KTV-Trainer Dirk Walterspacher. Andreas Bretschneider sieht sein Team aber nicht chancenlos. „Es kommt auf die Stabilität an“, sagt er. Vielleicht kann im Finale auch Lukas Dauser wieder turnen. Am Samstag fehlte er wegen der Nachwirkungen einer Blinddarm-OP.

Weil der Wettkampf mit zunehmender Dauer an Spannung und Brisanz verlor, rückte ein „Neuzugang“ in der Straubenhardthalle zunehmend in den Blickpunkt. Denn die KTV hatte Philipp Boy als Co-Kommentator für Hallensprecher Jochen Schwenk verpflichtet. Und der ehemalige Mehrkampf-Europameister machte sich am Mikrofon richtig gut: Fachkundig, sprachgewandt, unterhaltsam, sympathisch. Turnen will der Cottbuser, der bereits mit 25 Jahren seine Karriere beendete, nicht mehr („Das Kribbeln ist weg“). Aber vom Turnen versteht er noch immer eine Menge. ok