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Überflieger am Reck: Andreas Bretschneider.  ROGE
Überflieger am Reck: Andreas Bretschneider. ROGE
28.10.2015

KTV-Turner Bretschneider mit seinem Flugelement eine WM-Medaille

Andreas Bretschneider mag ihn gar nicht, seinen neuen Spitznamen. Seit er vor jedem Training seinen Zeigefinger zum Schutz mit dem lädierten Mittelfinger zusammen tapt, nennen ihn seine Teamgefährten bei der Turn-WM in Glasgow nur noch Drei-Finger-Joe.

„Ja, ja, der Cheftrainer haut das raus, und die anderen machen ihre Scherze. Und ich habe die Schmerzen“, frotzelt der Chemnitzer. Seit er bei der WM-Qualifikation in Stuttgart zwischen den Barren-Holmen durchrutschte, quält sich der Sachse, der in der Kunstturn-Bundesliga für die KTV Straubenhardt turnt, mit der Kapselverletzung an Mittel- und Zeigefinger der linken Hand.

Dies behinderte ihn in der Vorbereitung auf die WM sehr im Training. Und führte dazu, dass „sein“ Element, das ihn in der Turnwelt berühmt machte, nicht mehr perfekt gelang. „Im Vorkampf galt: Sicherheit zuerst. Deshalb habe ich das Element rausgenommen. Aber nun im Finale will ich alles wagen“, kündigt der 26-jährige Sportsoldat vor dem Endkampf am kommenden Sonntag an. Und er weiß: „Dieses Ding ist eine echte Waffe.“ Auf fragende Blicke reagierend, setzt er die Erklärung hinzu: „Es erhöht meinen Ausgangswert um 0,7 Punkte.“ Statt 6,6 wie im Vorkampf, stünden dann 7,3 Punkte zu Buche. Nur US-Boy Danell Leyva turnte diese Extrem-Schwierigkeit in der Qualifikation.

Der Doppelsalto rückwärts gehockt mit zwei Schrauben gilt als „Bretis“ Lebenswerk. Zweieinhalb Jahre hat er gebraucht, bis er die Figur im Vorjahr beim Weltcup in Stuttgart erstmals perfekt an die Reckstange brachte. Seitdem trägt das schwierigste Element der Turn-Geschichte den Namen „Bretschneider“.

Er hat es entwickelt, aber viele Monate lang Rückschläge hinnehmen müssen, ehe er es schon bei der WM 2014 erstmals vorstellen wollte. Obwohl es viele Turner oft als „Blödsinn“ abtaten, hielt er daran fest. Aufgrund neuer biomechanischer Erkenntnisse gelang es Bretschneider, die Flugphase um einen Wimpernschlag zu verlängern. Die Drehungen erfolgen mit einem Tempo, dass sie der Laie kaum wahrnehmen kann.

Die Schwierigkeit beim Flieger ist, dass der Turner die Reckstange in der Luft nicht sieht. Das bewog den Weltverband, die Kategorie H (0,8 Punkte) zu schaffen, bisher endete das Regelwerk beim G (0,7 Punkte). Und es bewog die PZ-Leser, Bretschneider bei der Sportlerwahl am vergangenen Montag mit Rang drei zu belohnen.