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Auf Fußballsimulation setzt Marcel Lutz vom VfB Stuttgart. Hier spielt er „Fifa 18“ mit einer Playstation 4. Foto: Gollnow
Auf Fußballsimulation setzt Marcel Lutz vom VfB Stuttgart. Hier spielt er „Fifa 18“ mit einer Playstation 4. Foto: Gollnow
11.10.2017

Marcel Lutz ist als E-Sportler beim VfB Stuttgart

Stuttgart. Marcel Lutz wirkt müde. Der Fifa-Spieler des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart kommt von der Arbeit – er ist im letzten Jahr seiner Ausbildung zum Industriekaufmann. „Manchmal muss ich mich zum Zocken zwingen, da geht es vielen E-Sportlern genau wie anderen Sportlern“, gesteht der 20-Jährige. Kontinuität und Disziplin seien wichtig, sonst hänge man hinterher. Im Optimalfall würde Lutz acht Stunden am Tag vor der Konsole hocken – schließlich bezahlt ihn der VfB fürs Zocken in den Vereinsfarben.

Lutz trainiert nach Feierabend noch an seiner X-Box. Eine ablehnende Haltung verfliegt spätestens mit der Vorbereitung auf Turniere, Wettkämpfe gäben ihm das „beste Gefühl“.

Lutz steht für einen kleinen Trend im deutschen Profi-Fußball. Nach eigenen Angaben stellte der Bundesligist VfL Wolfsburg bereits im Mai 2015 mit Benedikt „Salz0r“ Saltzer einen professionellen Fifa-Spieler ein und im Jahr darauf noch zwei Zocker. Im Mai 2016 entdeckte der FC Schalke 04 den digitalen Sport. Seither wird bei den Königsblauen neben Fifa das Multiplayer-Online-Spiel „League of Legends“ gezockt.

Der VfL Bochum stieg Mitte September als erster Zweitligist in den Bereich ein. Abseits des Spitzenfußballs wächst das Interesse am Nischensport ebenfalls: An der Deutschen Sporthochschule Köln oder dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT)treten mehrköpfige Teams in Online-Wettkämpfen gegeneinander an.

Der VfB verpflichtete Mitte Juli Lutz sowie Erhan Kayman. Der Bereich E-Sports zeige ein großes Potenzial und rasantes Wachstum auf, hieß es da. Verlockend ist die Hoffnung auf neue Einnahmequellen.

Im Internet gibt es bereits eine große Fan-Gemeinde, die die Duelle per Live-Stream leidenschaftlich am Rechner zuhause verfolgt – vor allem bei großen Turnieren wie Welt- oder Europameisterschaften. Lutz und Kayman werden dort in eigens entworfenen VfB-Shirts auftreten, deren Ärmel schon jetzt die Logos von zwei Sponsoren zieren.

Lutz kommt aus Marbach am Neckar und steht bei der Agentur „Stark eSports“ unter Vertrag. Nach Ausbildungsende könne er sich vorstellen, vom Zocken zu leben, sagt er. Wie viel er verdient, ist ein Geheimnis. Bei Turnieren winken jedenfalls hohe Preisgelder. Der Hauptgewinn des Fifa Interactive World Cup 2017 betrug 200 000 US-Dollar.

Großes Wachstumspotenzial

Einer Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte zufolge wächst das Interesse an digitalen Sportwettkämpfen. „Bis 2018 wird sich E-Sports weltweit zu einem Milliardengeschäft entwickeln. Auch in Deutschland ist diese Tendenz zu beobachten“, sagt der Leiter der Sport Business Gruppe bei Deloitte, Karsten Hollasch. Schätzungen zufolge könnte allein das deutsche Marktvolumen in weniger als drei Jahren etwa 130 Millionen Euro betragen – das entspräche einem durchschnittlichen Wachstum von mehr als 25 Prozent.

Generell begrüßt der eSport Verband Deutschland (ESVD) den Schritt der Bundesligisten, virtuellen Sport massentauglich zu machen. Das Spiel Fifa sei quasi der Einstieg in den E-Sport und einfach zu verstehen, sagt ESVD-Gründer Johannes Neuschmid. Kritisch sieht er, dass unbekanntere Teams Probleme beim Aufstieg in die Profiliga haben könnten, wenn Vereine mit mehr Kapital gute Spieler abwerben. So ähnlich ist es beim echten Fußball.

Der ESVD arbeite zudem viel mit Vereinen daran, Zockern die Bedeutung des „echten Sports“ nahezubringen. „Ohne diesen wird man kein Profi-Gamer“, betont Neuschmid. Es sei enorm wichtig, dass Spieler nicht nur zocken: sondern auch rausgehen und sich fit halten.