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Die Welt steht Kopf für Marcel Nguyen: Nach seinem sensationellen Gewinn der Silbermedaille steht er plötzlich im Rampenlicht. Foto: Gentsch
Die Welt steht Kopf für Marcel Nguyen: Nach seinem sensationellen Gewinn der Silbermedaille steht er plötzlich im Rampenlicht. Foto: Gentsch
Marcel Nguyen hat sich bei den Olympischen Spielen in London international nach vorne geturnt.
Marcel Nguyen hat sich bei den Olympischen Spielen in London international nach vorne geturnt.
02.08.2012

Marcel Nguyens Zeit der Stille ist vorbei

Nach Marcel Nguyens olympischer Silbermedaille erlebte er einen nie dagewesenen Rummel. Der Turner von KTV Straubenhardt tritt aus Fabian Hambüchens Schatten heraus.

Die ausgelassene Sause im Deutschen Haus an der Canary Wharf dauerte bis weit nach Mitternacht, doch am Morgen danach gab sich Marcel Nguyen wieder ganz reserviert. „Die Medaille ist noch da, die Familie ist noch da. Alles gut“, sagte der Bundesliga-Turner der KTVStraubenhardt völlig aufgeräumt zwölf Stunden nach dem größten Mehrkampf-Auftritt eines deutschen Turners seit dem Olympiasieg von Alfred Schwarzmann vor 76 Jahren (siehe Kasten). Erst jetzt habe er richtig begriffen, was für ein großer Wurf ihm da gelungen war. „Aber nun gilt alle Konzentration den Finals am Boden und Barren. Richtig gefeiert wird erst danach“, meinte der 24-Jährige nach dem Tag, der vermutlich sein Leben verändern wird. Die Zeit der Stille ist auf jeden Fall endgültig vorbei.

Nicht einen Tropfen Alkohol rührte er in der Triumph-Nacht an. Am Buffet gönnte er sich nur einen leckeren Happen als Belohnung. Während am Nachbartisch Franzi van Almsick mit Fürstin Charlene von Monaco plauderte, feierte der neue deutsche Vorturner im historischen Speicherhaus in den Docklands mit seiner Mutter und seiner Freundin fröhlich seine große Stunde. „Ich stand vor dem Nervenzusammenbruch“, schilderte Freundin Alexa die bangen Minuten in der North Greenwich Arena, bevor die Anzeigetafel das Traumergebnis für ihren Marcel ausspuckte.

„Ich habe gut trainiert“, sagte der KTV-Turner selbstbewusst – und schränkte doch auch ein: „Ab und zu brauche ich noch einen kleinen Anstoß von meinen Trainern.“ Obwohl Nguyen als derzeit einziger Turner den Tsukahara-Abgang vom Barren präsentiert und schon drei EM-Titel gewann, stand er bisher immer im Schatten von Fabian Hambüchen und Philipp Boy und hat diese Rolle stets akzeptiert. „Ich stehe gern im Schatten. Eigentlich mag ich Rummel nicht, aber heute genieße ich das, wie ich hier durch die Gegend fliege“, meinte er mit einem dicken Grinsen im Gesicht.

Scharfe Kritik am ZDF

Der sensationelle Erfolg hat Nguyen mit einem Schlag zum Prominenten gemacht. Die Zahl seiner Facebook-Follower lag vor Olympia bei 3000, nach dem Finale wollten sich 48000 Fans des sozialen Netzwerks „Freunde“ von Nguyen nennen dürfen.

Allerdings kritisierte sein Manager Jörg Neblung, der Nguyen seit einem Jahr betreut, die Übertragung im deutschen Fernsehen. „Ich kann nicht begreifen, was das ZDF da für Prioritäten gesetzt hat. Von Marcels Sechskampf wurden nur zwei Disziplinen gezeigt.“ Dafür war in ganzer Ausführlichkeit Fabian Hambüchens Absturz zu sehen – der Superstar kam nach drei Schnitzern nicht über Platz 15 hinaus.