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Zwei Snowboards neben vier Rädern: Nicola Thost kümmert sich weiterhin mit ihrer Talentscouting-Serie „Sprungbrett“ um den Nachwuchs.
Zwei Snowboards neben vier Rädern: Nicola Thost kümmert sich weiterhin mit ihrer Talentscouting-Serie „Sprungbrett“ um den Nachwuchs.
Als Personal Coach fährt Nicola Thost mit dem Mountainbike in den Bergen . . .
Als Personal Coach fährt Nicola Thost mit dem Mountainbike in den Bergen . . .
Voll durchtrainiert und extrem gelenkig: Nicola Thost, die früher für den TV Pforzheim turnte, bewegt sich gerne an der frischen Luft. So wie hier am Meer auf Gran Canaria.  privat, dpa
Voll durchtrainiert und extrem gelenkig: Nicola Thost, die früher für den TV Pforzheim turnte, bewegt sich gerne an der frischen Luft. So wie hier am Meer auf Gran Canaria. privat, dpa
. . . oder entspannt einfach nur am See.
. . . oder entspannt einfach nur am See.
Waghalsige Abfahrten meisterte die Olympiasiegerin zuletzt beim Freeriden.
Waghalsige Abfahrten meisterte die Olympiasiegerin zuletzt beim Freeriden.
21.11.2017

Mit viel Erfahrung auf neuen Wegen - Nicola Thost blickt auf ihre Sportlerkarriere zurück

In den Bergen schneit’s. Das ist die Zeit, in der das Herz von Nicola Thost wieder schneller schlägt. Doch aufs Snowboard wird die ehemalige Olympiasiegerin von Nagano 1998 nur noch in ihrer Freizeit steigen.

Ihre sportliche Karriere hat die 40-jährige Pforzheimerin mit der letzten Saison beendet, um nun beruflich mit „The Path“ im wahrsten Sinne des Wortes einen neuen „Weg“ einzuschlagen. Im Gespräch mit der PZ blickt Nicola Thost auf ihre Sportlerkarriere zurück und erzählt, was sie mit ihrem neuen Projekt vorhat.

Nicola Thost . . .

. . . über ihre ersten „Gehversuche“ auf dem Snowboard:

„Das erste Mal stand ich im Skiurlaub mit meiner Familie auf dem Board. Das war mit 15. Mein Bruder hat mich dazu motiviert. Und das klappte gleich ganz gut. Vermutlich halfen mir die Erfahrungen aus dem Turnen, Schwimmen, Tennis und Ballett dabei. Ich war schon immer der Typ, der sich Sachen angeschaut hat und dann gerne selbst ausprobieren wollte.“

. . . über den Olympiasieg in der Halfpipe 1998 in Nagano:

„Der Sieg bei den Olympischen Spielen war nie mein eigener Traum, das hat sich eher ergeben. Ich war nicht die Sportlerin, die vier Jahre lang auf Olympia hintrainiert und alles andere hinten angestellt hat. Ich wollte für mich herausfinden, wie gut ich werden kann, wenn ich soviel Zeit mit dem Snowboarden verbringen kann, wie ich gerne wollte. Dann kam die Olympia-Qualifikation. Und nachdem ich sie geschafft habe, bin ich natürlich zu den Spielen gefahren.

Der Sieg dort war für mich ein einschneidendes Erlebnis, das mich bis heute begleitet. Doch ich habe einige Jahre gebraucht, um mich mit einem Titel anzufreunden. Das Wertvollste an einer Olympiamedaille ist für mich, dass man darüber Menschen erreichen kann. Sie hören dir zu. Ein Olympiasieg ist wie ein Diplom oder ein Doktortitel.“

. . . über den damaligen Empfang in Pforzheim:

„Das war cool. Ich durfte alle meine Freunde und Bekannte einladen und alle sind gekommen. So viele Menschen haben sich mitgefreut. Viele Eindrücke sind geblieben. Ich denke gerne zurück. Für mich als junges Mädchen war das damals aber schon ein bisschen viel.“

. . . über die Bewertung von Erfolg:

„Für mich ist Erfolg sehr persönlich definiert. Wichtig ist mir, welchen Weg man gegangen ist und wie viel man eingesetzt hat, um erfolgreich zu sein. Olympia war speziell. Ich war davor verletzt und dann auf den Punkt topfit. Doch es gab andere Wettkämpfe, bei denen die Leistungsdichte größer war und daher auch der Druck für mich größer. Wie zum Beispiel bei den anschließenden US Open. In der Snowboardszene hieß es damals: ‚Olympia kann jeder gewinnen, die US Open nicht‘. Ich habe sie dann aber doch gewonnen. Ein persönliches Highlight war auch mein Sieg bei der Freeride World Tour 2015 in Verbier. Ich startete unter lauter jungen Profis, wobei ich die Jahre zuvor eher hobbymäßige Freeriderin war. Bei diesem Run habe ich erlebt, was langjährige Erfahrung auch für das Erschließen neuer Bereiche alles ausmacht.“

. . . über die größte Enttäu schung in ihrem Sportlerleben:

Ich bin ein sehr positiver Mensch. Statt Enttäuschungen würde ich es eher schmerzhafte Erfahrungen oder Herausforderungen nennen, die man sich nicht freiwillig aussuchen würde, mit denen man sich aber letztendlich am meisten weiterentwickelt. Dazu zählen meine vielen Verletzungen (unter anderem drei Kreuzbandrisse, Schulterverletzung, Halswirbelsäule, Anm. d. Red.). Aber auch viel allein auf Reisen zu Training und Wettkampf unterwegs zu sein. Natürlich habe ich oft meine Freunde und Familie vermisst. Das sind spezielle Prüfungen im Leben, ob man trotz der Umstände wirklich von ganzem Herzen die Ziele verfolgen möchte, die man sich gesetzt hat.“

. . . über ein Comeback vom Comeback:

„2003 musste ich meine Freestyle-Karriere als Sportlerin gezwungenermaßen wegen meiner Knieverletzungen beenden. Die letzten Jahre war ich viel im Eventmarketing und der Organisation von Camps tätig. Habe dabei auch meine eigene Nachwuchsserie ’Sprungbrett’ ins Leben gerufen, die es auch weiterhin geben wird. All die Jahre habe ich aber gespürt, dass meine sportliche Karriere im Snowboarden noch nicht zu Ende war.

Deshalb habe ich mich sehr gefreut über die Chance, 2015 auf der Freeride World Tour mitzufahren, auf das Reisen zu Wettkämpfe, interessante Menschen und neue Gebiete kennenlernen. 2017 habe ich mir nach 20 Jahren eine positive, erfolgreiche und bewusst selbstgewählte Abschlusssaison geschenkt – eine Art von Abschied, der sich rund und gut anfühlt. Das Snowboarden wird dennoch immer eines meiner Lieblingshobbys sein.“

. . . über weitere Herausforderungen in ihrem Leben:

„Es ist wohl Teil meiner Persönlichkeit, dass ich mir Herausforderungen auch aktiv suche. Schon all die Jahre habe ich mich viel mit dem ganzheitlichen Zusammenspiel von Köper, Geist und Seele beschäftigt. Auch wenn augenscheinlich beim Sport die körperliche Fitness im Vordergrund steht, so sind mentale Fähigkeiten und seelische Ausgeglichenheit für jegliche Performance auch im Alltag wichtig.

Mit ’The Path – ein Weg’ werde ich nun meine Erfahrungen als Personal Coach weitergeben und Menschen auf ihrem persönlichen Weg begleiten, mehr Klarheit zu erlangen für ihre Lebensziele, schlummerndes Potenzial wiederzuentdecken und zu entfalten. Egal ob berufliche, private oder auch gesundheitliche Themen – Naturerlebnisse und Bewegung spielen bei ’The Path’ eine maßgebliche Rolle. Die Natur bietet einen wohltuenden Rahmen als Quelle zu neuer Kraft und Inspiration. Über Körpererfahrungen erlangen wir unmittelbar mehr Bewusstsein für unsere aktuelle Lebenssituation und neue Perspektiven und Handlungsoptionen.“

. . . über Zutaten für einen perfekten Tag:

„Ich bin eine Solarzelle, sprich: wenn die Sonne scheint, bin ich happy. Wenn ich mich dann noch draußen in der Natur bewegen kann, ist das schon ein perfekter Tag.“

. . . über ihr Lieblings-Skigebiet:

„Bei mir zu Hause die Skiwelt Wilder Kaiser Westendorf. Tolles Gefühl, wenn’s daheim am schönsten ist.“

. . . über ihre Teilnahme an der TV-Serie auf Vox „Ewige Helden“ unter anderem mit Schwimmerin Britta Steffen, Diskuswerfer Lars Riedel, Weitspringerin Heike Drechsler und Zehnkämpfer Frank Busemann:

„Das war eine interessante Erfahrung. Der Austausch über Erfahrungen und der direkte Wettkampf gegen andere Olympiasportler war sehr spannend. In uns allen lebt die Leidenschaft für Sport bis heute. Dass ich nie strategisch gegen andere gekämpft, sondern mich auf meine bestmöglichen Leistungen konzentriert habe, ist mir bei der Sendung einmal mehr bewusst geworden. Ich wollte nie von ganzem Herzen einfach ’nur’ gewinnen – ich wollte über mich selbst hinauswachsen, Dinge erreichen, die mich erfüllen und selbst stolz und glücklich machen, unabhängig von der Bewertung anderer.“

. . . über ihre Heimat Pforzheim:

„Es ist immer wieder schön, in Pforzheim zu sein. Zwei-, dreimal im Jahr schaue ich bei meinen Eltern und Brüdern vorbei. Ab und zu steige ich dann auch auf den Wallberg und genieße den Blick über die Goldstadt.“