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Mit pfiffigen und trendigen Angeboten können die traditionellen Sportvereine auch heute noch eine große Anziehungskraft  ausüben – auf ihre Mitglieder und alle Menschen, die Lust auf Sport haben. Foto: Ossinger
Mit pfiffigen und trendigen Angeboten können die traditionellen Sportvereine auch heute noch eine große Anziehungskraft  ausüben – auf ihre Mitglieder und alle Menschen, die Lust auf Sport haben. Foto: Ossinger
10.05.2013

Mitgliederschwund macht vielen Vereinen im Sportkreis zu schaffen

Pforzheim. Ein Drittel aller Sportvereine fühlt sich in seiner Existenz bedroht, hat eine Studie des Instituts für Sportwissenschaft in Bonn ergeben. Das hat viele Gründe, unter anderem sinkende Mitgliederzahlen. Ein genauer Blick in die Statistik zeigt, dass die Problematik sehr differenziert zu betrachten ist – auch im Sportkreis Pforzheim Enzkreis. Es gibt Vereine, die haben die Zeichen der Zeit erkannt und boomen, anderen hingegen haben in den vergangenen 15 Jahren bis zu 50 Prozent ihrer Mitglieder verloren.

Wer hat die größten Probleme?

Bundesweit haben der Deutsche Tennis-Bund (-23,9 Prozent), der Deutsche Ski-Verband (-13,5) und der Deutsche Tischtennis-Bund (-12) von 2000 bis 2010 die meisten Mitglieder verloren. Deutlich im Minus liegen auch der Deutsche Schwimm-Verband (-10) und der Deutsche Schützenbund (-9,2).

Wie sieht das im Sportkreis Pforzheim Enzkreis aus?

Der Bundestrend zeichnet sich auch auf Kreisebene ab. So hatte beispielsweise der 1. Tennisclub Pforzheim im Jahre 1994 noch 656 Mitglieder, 2012 waren es 334. Die Gesamtbilanz im Sportkreis ist aber leicht positiv. 1994 gab es in 213 Vereinen 76 500 Mitglieder. 2012 waren es in 267 Vereinen 77947 Mitglieder. Sorgenkinder sind vor allem die großen Vereine im Stadtgebiet Pforzheim. Hier verlor der TV 34 Pforzheim von 1994 bis 2012 die Hälfte aller Mitglieder (von 2115 auf 1044). VfR und 1. FC Pforzheim hatten 1994 zusammen 1351 Mitglieder. Der Fusionsverein 1. CfR Pforzheim bringt es aktuell auf etwas mehr als 800 Mitglieder. Der Judoclub Pforzheim meldet im gleichen Zeitraum einen Rückgang von 830 auf 477 Mitglieder.

Was sind Ursachen für den Abwärtstrend?

Sie sind vielschichtig. Rudolf Mürrle, Vorsitzender des Judoclubs Pforzheim, meint: „Es liegt zum einen an der Schulpolitik. Die Kinder haben immer weniger Zeit. Auch die Fitness-Studios in der Stadt machen uns Konkurrenz. Dort gibt es keine Verpflichtungen, wie sie in einem Verein bestehen. Außerdem sind die Studios zeitlich flexibel. Wir können morgen um 10.00 Uhr keine Kurse anbieten.“

Mit beträchtlichen Altlasten schlägt sich der TV 34 Pforzheim herum. Vorsitzender Frank Piaskovy, seit Oktober 2012 im Amt, kämpft an vielen Fronten. Der Nachwuchs bleibt aus, die Sportstätten sind veraltet und marode, Übungsleiter fehlen, hinzu kommen Altschulden. Die Frage, wie er den Mitgliederschwund bremsen kann, beschäftigt ihn sehr. „Ich bin froh, wenn ich den Verein am Leben erhalten kann“, sagt Piaskovy.

Den demografischen Wandel und das breitete Sportangebot für Kinder und Jugendliche macht Sergio de Sousa vom FV 08 Mühlacker für den Negativtrend in seinem Verein verantwortlich. Der FV 08 hat seit 1994 rund 300 Mitglieder verloren und liegt aktuell bei etwa 240, obwohl es bundesweit mit dem Fußball weiter aufwärts geht. „Das Problem ist sehr vielschichtig. Früher gab es in Mühlacker nur Fußball. Heute gibt es sehr viele Sportarten, die uns Konkurrenz machen. Mir fehlen auch Übungsleiter“, sagt der Abteilungs- und Spielleiter der 08-er. Ähnliche Probleme wie der FV 08 haben zahlreiche Fußballclubs im Sportkreis.

Wo geht es aufwärts?

Am stärksten wächst der Deutsche Golf-Verband. 345 206 Mitglieder waren es im Jahre 2000, zehn Jahre später stehen 599 328 Mitglieder zu Buche, eine Steigerung von 73,6 Prozent. Deutlich im Plus ist auch der Deutsche Alpenverein mit +34,5 Prozent. Aber auch der größte Fachverband der Welt, der Deutsche Fußball-Bund, wächst weiter. Die Mitgliederzahl stieg seit 2000 um acht Prozent und liegt aktuell bei 6,8 Millionen.

Welche positiven Beispiele gibt es im Sportkreis?

Wie im Bundestrend ist auch in Pforzheim der Alpenverein auf dem Vormarsch. Mit rund 3000 Mitgliedern ist die Sektion Pforzheim der größte Verein im Sportkreis. Eine Art Vorzeigeverein ist der TV Nöttingen. Er hat seine Mitgliederzahl in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht (auf knapp über 2000). „Es liegt an unserem Angebot“, sagt Vorsitzender Norbert Freundt. Der Verein hat eine eigene Sporthalle mit mittlerweise vier Übungsräumen und einem eigenen Fitnessraum. „Wir haben alles mitgemacht, was gefragt ist. Und wir sind flexibel und jederzeit aufgeschlossen für Neues“, sagt Freundt. Das einzige Problem ist bisweilen, genügend Übungsleiter zu finden.

Generell ist zu beobachten, dass Turnvereine auf dem Lande, welche mit einem flexiblen und attraktiven Angebot die Zeichen der Zeit erkannt haben, in der Regel keinen Mitgliederschwund beklagen.

Welche Rolle spielen private Anbieter wie Fitness-Studios?

In der Stadt Pforzheim eine recht große. Experten sagen, das liege auch daran, dass entsprechende Angebote in den Vereinen fehlen. In Pforzheim gibt es zehn bis 15 mehr oder weniger große Studios. Vor zehn bis 15 Jahren gab es einen Boom. Studios schossen wie Pilze aus dem Boden. „Der Boom ist jetzt ein wenig abgeflacht“, erklärt Helmut Wagner vom WRG Wagner-Ruland Gesundheitszentrum an der Habermehlstraße. Wagner kennt die Szene. Er war viele Jahre Vorsitzender des baden-württembergischen Landesverbandes für Bodybuilding, Fitness und Kraftsport. „Viele Vereine haben die Entwicklung einfach verschlafen“, glaubt der Fitness-Studio-Pionier.