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19.05.2008

Modernes Fußball-Märchen in Hoffenheim

HOFFENHEIM. Tausende Hoffenheimer Fans in der Sinsheimer Messehalle wussten, bei wem sie sich zu bedanken hatten. Mit minutenlangen Sprechchören empfingen sie Mäzen Dietmar Hopp, der das moderne Fußball-Märchen durch sein Geld und seine Visionen ermöglichte. Schon im nach dem SAP-Mitbegründer benannten Stadion hatten sie „Dietmar, wir danken dir“ gesungen.

Der 68-Jährige zeigte sich überglücklich, nachdem das Projekt Fußball-Bundesliga in der Provinz realisiert war: „Wir haben es geschafft. Der heutige Tag stellt alles in den Schatten“, jubelte er in einem T-Shirt mit der Aufschrift „1899 Prozent Erstklassig – Aufsteiger 2007/2008“.
Zuvor hatte 1899 Hoffenheim den zweiten Tabellenplatz erobert und den Durchmarsch aus der Regionalliga in die Beletage perfekt gemacht hat. „Ich denke, wir sind bereit. Zu früh kann so ein Erfolg nicht kommen“, sagte Hopp, der von einem „Ausrufezeichen im deutschen Fußball“ sprach. Golffreund Franz Beckenbauer, der neue Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann und Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) gratulierten dem Milliardär zu der Sensations-Geschichte.
Hopp holte seinen Heimatverein aus den Niederungen der Kreisliga. 1989 spendete der frühere Kreisliga-Kicker dem Club aus dem 3300-Einwohner-Dorf 10 000 Mark – nicht einmal 20 Jahre später sind die Kraichgauer in die Beletage vorgeprescht.
Unter Trainer Ralf Rangnick avancierte das attraktiv spielende internationale Ensemble zum besten Rückrunden-Team. Die kommenden Gegner heißen Bayern München, Werder Bremen und Schalke 04. Noch nie spielte ein so kleiner Ort in der höchsten Klasse. „Hoffenheim gegen den FC Bayern - das wird sicher eine gewöhnungsbedürftige Partie“, sagte Beckenbauer. Rangnick weiß zwar um den Niveauunterschied, will den Dorfverein aber im Oberhaus etablieren: „Ich glaube, dass es in den Spielen für uns nicht unbedingt viel schwerer wird. Technisch starke Spieler haben eher die Möglichkeit, ein Spiel aufzuziehen.“ Zunächst gehe es darum, sich von den Abstiegsrängen fernzuhalten. Hopp hatte im April bereits ehrgeizigere Ziele formuliert: „Wenn die Mannschaft die dritte Saison zusammenspielt, dann ist der sechste Platz in der ersten Liga drin.“Dank Hopps Millionen kann der Aufsteiger auf dem Transfermarkt zuschlagen. Drei oder vier in das Anforderungsprofil passende junge Spieler sollen geholt werden. Vor der letzten Saison hatte der Club etwa 20 Millionen investiert. Mit Carlos Eduardo, Demba Ba und Chinedu Obasi wurden Offensivkräfte entdeckt, die als erstligareif gelten. Während Beckenbauer den steilen Aufstieg „phänomenal“ findet, umschreiben andere das Hoffenheimer Projekt als „Fußball-Labor“ und bezeichnen den Club als Kommerz-Verein ohne Tradition. Hopp nennt die Diskussion überflüssig: „Unsere Tradition ist die Zukunft. Es ist im Sport wie in der Wirtschaft: Es kommen neue Firmen hoch, und die müssen akzeptiert werden. Wir haben eine große Zukunft vor uns.“
Die vorausdenkenden Badener sind schneller als ihr eigener Masterplan – der sah die höchste Klasse erst für 2010 vor. Da die neue, 60 Millionen teure und 30 000 Zuschauer fassende Rhein-Neckar-Arena erst für die Rückrunde fertiggestellt sein wird, wollen sie für die acht Heimspiele in der nächsten Hinrunde in das Mannheimer Carl-Benz-Stadion ausweichen. „Von daher sind wir im Nachhinein vielleicht ein Jahr zu früh aufgestiegen, aber gut, diese Kröte müssen wir halt schlucken“, erklärte Ralf Rangnick.  Kristina Puck, dpa