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Völlig losgelöst: Andreas Bretschneider am Reck.  RoGE
Völlig losgelöst: Andreas Bretschneider am Reck. RoGE
21.10.2015

Nach Verletzung: KTV-Turner Bretschneider startet bei der WM

„Der März war echt Scheiße.“ Ungern denkt Andreas Bretschneider an den Abriss der Achillessehne beim National Team Cup in Saarbrücken zurück. Für seine Gefährten in der deutschen Turn-Riege ist es ein kleines Wunder, dass der „Schneider“ – wie sie ihn alle meist nennen – nun mit ihnen gemeinsam bei den morgen beginnenden Turn-Weltmeisterschaften in Glasgow schon wieder an fünf Geräte geht. Der Heilungsprozess verlief für Bundestrainer Andreas Hirsch auch dank Bretschneiders Kampfgeist „in Rekordtempo“.

In Schottland will der Chemnitzer Sportsoldat, der in der Bundesliga für die KTV Straubenhardt an die Geräte geht, nun trotz der Zwangspause im Frühjahr nachholen, was ihm vor einem Jahr in China misslang. Dort beschäftigte sein doppelter Rückwärtssalto mit zwei Schrauben am Reck das Technische Komitee des Weltverbandes FIG. Schließlich sorgte das Gremium für ein Novum: Der „Bretschneider“ wurde als erstes Element mit der Schwierigkeit H (0,8 Punkte) ins Regelwerk (Code d’Pointage) aufgenommen und ist damit bis heute das schwierigste Teil der Turn-Geschichte. Im Dezember 2014 beim Weltcup in Stuttgart gelang dem 26-Jährigen die Übung erstmals in einem FIG-Wettkampf, so dass es seitdem auch offiziell den Namen des muskulösen Sachsen trägt.

Obwohl viele Turner dieses spektakuläres Element nach Bretschneiders ersten Versuchen oft als „Blödsinn“ abtaten, hielt er verbissen daran fest. Voraussetzung waren neue biomechanische Erkenntnisse an einer verkabelte Reckstange, mit denen es ihm im Vorjahr gelang, die Flugphase um eine Winzigkeit zu verlängern. Die besondere Schwierigkeit seines Fliegers besteht darin, dass er die Reckstange in der Luft nicht sieht.

„So ein Element ist wirklich nicht leicht nachzuahmen. Es ist einfach sein Teil, ein echter Big Point. Und der Hammer ist, dass er es im Training schon in gestreckter Ausführung gezeigt hat“, würdigte Fabian Hambüchen den Teamkollegen. Der Hesse, der schon zwei Olympia-Medaillen, einen WM- und drei EM-Titel am Königsgerät gewann, hat selbst noch nie ein Element kreiert. „Auf diesem Niveau ist es sehr schwer, etwas Neues zu erfinden, das dann auch Punkte bringt“, bedauerte Hambüchen.

Sein Kumpel Bretschneider, für den ein sechster Rang 2013 als beste WM-Platzierung zu Buche steht, mag indes den Hype um seine Person gar nicht. „Ich möchte meine Ziele für die WM nicht vertiefen. Im Fokus stehen nur die Olympia-Tickets für die Riege – da müssen persönliche Dinge zurückstehen“, sagt er und klingt dabei fast schüchtern. Nur die besten acht Teams von Glasgow erwerben das direkte Olympia-Ticket. „Rio mag im Frühjahr schön sein, aber nicht für uns“, sagt Bretschneider und spielt damit auf die zweite Qualifikationmöglichkeit in Brasilien im April 2016 an, die alle Deutschen vermeiden wollen.

Die Zwangspause im Frühjahr ließ die Erfolgsquote bei seinem „Bretschneider“ von ursprünglich mehr als 80 Prozent sinken, zweimal misslang ihm das Element vor Publikum, obwohl es im Training meist gut ging. Natürlich war auch die jüngste Fingerverletzung bei der WM-Quali in Stuttgart seinen Vorhaben für Glasgow nicht gerade zuträglich. „Ich habe mir das natürlich nicht gewünscht. Die größten Probleme habe ich am Barren“, räumt Bretschneider ein und fügt schmunzelnd hinzu „Es gibt ja Schmerzmittel.“