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Einige Köln Fans benahmen sich beim Heimspiel gegen den VfB Stuttgart komplett daneben. VfB-Torwart Zieler wurde übel beschimpft. Foto: dpa/Archiv
Einige Köln Fans benahmen sich beim Heimspiel gegen den VfB Stuttgart komplett daneben. VfB-Torwart Zieler wurde übel beschimpft. Foto: dpa/Archiv
09.03.2018

Nach üblen Beleidigungen gegen Zieler - Ist die Stimmung auch auf den Fußballplätzen in der Region so aufgeheizt?

Emotionen gehören zum Fußball dazu. Auf und neben dem Platz. Wenn allerdings die Emotionen in üble Beschimpfungen und skandalöse Beleidigungen umschwenken, dann wird es bedenklich.

So wie am vergangenen Spieltag in der Fußball-Bundesliga, als ein Anhänger des 1. FC Köln dem Torhüter des VfB Stuttgart Ron-Robert Zieler vom Zaun aus mit einem Megaphon Hass-Tiraden entgegenbrüllte. „Zieler, deine Mutter ist mit Enke verwandt, du Bastard.“ Oder: „Zieler, mach keine Show, Du Pflegefall.“ Auch der Satz „Zieler, mach es wie Enke“, soll gefallen sein. Was muss in so einem Menschen nur vorgehen? Einfach unglaublich! Der DFB ermittelt.

Umfrage

Nimmt die Aggressivität auf den Fußballplätzen zu?

Ja, die Beleidungen werden immer übler 78%
Nein, das war schon immer so 20%
Weiß nicht 2%
Stimmen gesamt 361

Schmährufe, wüste Beleidigungen, Androhung von Gewalt – wir haben uns mal umgehört, wie denn so die Stimmung auf den Fußballplätzen in der Region an den Wochenenden ist.

Ist das Aggressionspotenzial auch bei Spielen im Amateurbereiche gestiegen?

„Nein, das würde ich nicht sagen“, meint Dirk Steidl, Manager des FC Nöttingen. Ihm stimmt Markus Geiser, Vorstandsvorsitzende des 1. CfR Pforzheim, zu: „Es hat sich eher gebessert.“ Der Fußballkreisvorsitzende Benjamin Pieper meint dazu: „Die Zuschauer im Kreis verhalten sich aus meiner Sicht nicht anders, als vor fünf oder zehn Jahren. Es fallen sicher immer mal wieder Worte gegenüber Spielern, Schiedsrichtern oder anderen Beteiligten.“

Wie derb sind die Beleidigungen?

„In der Oberliga ist es relativ ruhig“, weiß Dirk Steidl. „Doch Chaoten gibt es überall.“ Beleidigungen wie „Drecksack“, „Arschloch“ oder „Wichser“ fallen angeblich immer wieder. Schon heftiger wird es bei „Hurensohn“ oder Drohungen wie: „Nach dem Spiel hau’ ich dir in die Fresse.“

Gab es in jüngster Vergangenheit übelste Beschimpfungen von Zuschauern in Richtung Spieler oder Funktionäre?

„Die Spieler müssen sich immer wieder mal was anhören, das ist aber normal“, meint Dirk Steidl. Er selbst sah sich vor zwei Jahren im Derby gegen den FC Nöttingen schlimmen Beleidigungen ausgesetzt, die „sehr persönlich“ waren und „unter die Gürtellinie“ gingen. Warum? „Manche haben eben keinen Respekt“, so Steidl weiter.

Was den Nöttinger Manager damals auf die Palme brachte, war ein Plakat im Holzhofstadion. Darauf zu sehen: eine Comicfigur, die auf das FCN-Logo pinkelte. Für Steidl unterste Schublade, ein No-Go.

CfR-Boss Markus Geiser konnte damals dem Plakat eine gewisse „Kreativität“ nicht absprechen. Dennoch sorgte es auch intern beim CfR für großen Diskussionsstoff. Allerdings konnte bis heute der Urheber des Plakates nicht ausfindig gemacht werden. Für Geiser sind Fan-Plakate durchaus ein Teil der Fußball-Kultur. „Was allerdings nicht geht, sind gewaltverherrlichende Parolen oder Banner mit Tötungsdelikten – das geht entschieden zu weit.“

Geiser musste sich übrigens auch vor zwei Jahren im Derby einiges anhören – beim Hinspiel in Nöttingen. „Nicht nur ich, auch meine Familie wurde beleidigt“, erinnert er sich. Außerdem sei sein Verein, der CfR, als „asoziales Migrantenpack“ bezeichnet worden.

Wie gehen die Funktionäre mit solchen Schimpftiraden um?

Dirk Steidl versucht, Beleidigungen gegenüber seiner Person zu ignorieren. Beim bisher letzten Derby blieb er 2017 dem Spiel auf dem Holzhof fern. Markus Geiser kocht schon mal innerlich. „Ich bin auf dem Haidach groß geworden. Und ab und zu kommt auch mein kroatisches Temperament zum Vorschein. Doch man muss auch darüber hinweg hören können.“

Bei welchen Spielen – ausgenommen die Hochsicherheitsspiele – ist die Stimmung sonst noch explosiv?

Bei Jugendspielen! „Das ist wirklich ein großes Problem“, sagt Markus Geiser und berichtet von extrem „übermotivierten Eltern“, die mit ihren Beleidigungen vor allem die Schiedsrichter unter Beschuss nehmen. Nicht selten hört man, dass bei Jugendspielen Handgreiflichkeiten gerade noch so unterbunden werden konnten.

Wie kann man die „übermotivierten Eltern“ in die Schranken weisen?

Markus Geiser: „Wir versuchen natürlich, mit den Eltern zu reden. Wenn das nicht hilft, muss der Sohn, der eigentlich gar nichts dafür kann, auf die Auswechselbank. Oder er ist eben beim nächsten mal nicht im Kader.“

Was bekommen die Schiedsrichter sonst noch ab?

Der jüngste Vorfall ereignete sich im vergangenen Jahr, als ein Pforzheimer Schiedsrichter bei einem Spiel im Kreis Sinsheim mit einem Kung-Fu-Tritt niedergestreckt wurde. Der Unparteiische ist seitdem traumatisiert, das Verfahren läuft.

Im Kreis Pforzheim gab es dagegen in jüngster Vergangenheit keine Attacken gegen Referees. Auch Jörg Augenstein ist in seiner Laufbahn noch nie angegangen worden. Übelst beschimpft wurde der Pforzheimer Schiedsrichter-Obmann dagegen schon oft. „Die Worte will ich gar nicht widergeben“, sagt er. Über die Jahre hinweg hat er sich ein dickes Fell zugelegt. Dennoch fragt sich Augenstein nach übelsten Beleidigungen immer wieder: „Was hat den Menschen geritten? Nur wegen eines Pfiffes!“ Viele Zuschauer würden auch gegenüber jungen Schiedsrichtern (16 Jahre) keine Rücksicht nehmen und sie auf das Übelste beleidigen, so der Schiri-Chef. Die Konsequenz: „Die Jungs sind völlig fertig und hören auf zu pfeifen. Für uns ist das tragisch, denn wir bauchen den Nachwuchs unbedingt“, sagt Augenstein.

Wie kann man den verbalen Tätlichkeiten vor allem im Amateurfußball einen Riegel vorschieben?

Der Badische Fußballverband hat zahlreiche Fairplay-Projekte am Start. Dirk Steidl meint jedoch: „Da kann man nichts machen. Sowas wird man nie in den Griff bekommen. Anscheinend gehört das zur Kultur in Deutschland dazu.“ Markus Geiser: „Am besten, man kommt mit solchen Spinnern ins Gespräch. Einige meinen eben: ‚Die sind als Funktionäre gewählt worden, die müssen das aushalten.‘ Doch wir sind ja auch nur Menschen.“