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Applaus bekam Wolfgang Dietrich, nachdem er am Ende der turbulenten Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart zum neuen Präsidenten gewählt worden war. Er erhielt 57,2 Prozent der Stimmen. Foto: Eibner
Applaus bekam Wolfgang Dietrich, nachdem er am Ende der turbulenten Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart zum neuen Präsidenten gewählt worden war. Er erhielt 57,2 Prozent der Stimmen. Foto: Eibner
Um die Mehrheit hatte Wolfgang Dietrich bis zuletzt werben müssen.  Foto: dpa
Um die Mehrheit hatte Wolfgang Dietrich bis zuletzt werben müssen. Foto: dpa
Hoffnungsträger aller VfB-Fans ist der neue Trainer Hannes Wolf (Mitte). Foto: Calagan
Hoffnungsträger aller VfB-Fans ist der neue Trainer Hannes Wolf (Mitte). Foto: Calagan
09.10.2016

Nur 57,2 Prozent: Bahn frei für Wolfgang Dietrich beim VfB Stuttgart

Die Mitglieder des VfB Stuttgart wählen einzigen Kandidaten für das Präsidenten-Amt mit nur 57,2 Prozent zum Clubchef. Der Aufsichtsrat und der alte Vorstand wurden zuvor nicht entlastet.

Wolfgang Dietrich lächelte und nickte im Blitzlichtgewitter, so wie das Wahlsieger eben tun. Gerade einmal 57,2 Prozent der Stimmen hatte er bei der Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart erhalten. Jene der etwa 3000 in der Schleyerhalle, die nicht nur im Wortsinn hinter Dietrichs stehen, applaudierten dem neuen Präsidenten des Fußball-Zweitligisten. Doch der tiefe Riss, der durch den Verein für Bewegungsspiele geht, war zu sehen und zu hören.

Vorne saßen jene VfB-Fans und Mitglieder, für die der neue ehrenamtliche Präsident Hoffnungsträger ist, weiter hinten jene, die nach fast sechs Stunden Mitgliederversammlung „Spalter, Spalter“ riefen, die lautstark buhten. Es sind die jungen Ultra-Fans vom Commando Cannstatt. Sie wollten die Wahl des 68-Jährigen verhindern.

Viele Redner kritisierten, dass es keine echte Wahl sei, wenn es nur einen Kandidaten gebe. „Wir hatten auch andere Kandidaten. Aber nicht alle haben unseren Kriterien entsprochen“, sagte Aufsichtsratschef Martin Schäfer. Dann warb Dietrich für sich. „Ich weiß, wie es ist mit Kritik umzugehen. Wie es ist, in vorderster Front zu stehen“, sagte der Ex-Stuttgart-21-Sprecher an die Kritiker gerichtet: „Für mich zählt, ob Sie mich in zwei, drei Jahren entlasten.“

Den Nachwuchs fest im Blick

Dietrich will einen Finanzierungspool für die Jugend schaffen, um diese wieder an die deutsche Spitze zu führen. Zudem sollen Mitgliederausschüsse gebildet werden: „Ich will nicht der starke Mann hier sein. Sondern, dass der VfB ein starker Club ist.“

Der Unternehmer ging auch auf die einst von ihm gegründete Quattrex AG ein, die nun sein Sohn führt. Quattrex ist als Geldgeber im Fußball engagiert, unter anderem auch bei der Stuttgarter Zweitligakonkurrenz, was bei Teilen der VfB-Anhänger kritisch gesehen wird. „Ohne die Erfahrungen bei Quattrex hätte ich mir nie zugetraut für das Amt als VfB-Präsident zu kandidieren“, sagte Dietrich. Aber ohne diese Erfahrungen wäre die Zustimmungsquote für den vierten Vereinspräsidenten seit 2011 wohl höher ausgefallen. Nicht nur die Mannschaft des VfB steht unter Druck, auch der neue Präsident, der nun seinen Worten Taten folgen lassen muss.

Die Mitgliederversammlung war lang und turbulent: Der VfB ist eben auch Stuttgarts größter Debattierclub. Bei der Rede von Aufsichtsratschef Schäfer ging es erstmals rund: Der Würth-Manager sprach seine Kritiker direkt an, die ihn mit einem Banner im Stadion direkt angegangen hatten, was bei Schäfer Spuren hinterlassen hat. „Porth, Jenner und Schäfer verpisst euch“, stand dort an die Aufsichtsratsmitglieder gerichtet. Die drei Herren vertreten im VfB-Kontrollorgan die Sponsoren Daimler, Kärcher und Würth. „Wir werden uns von Ihnen nicht verpissen lassen“, sagte Schäfer in Richtung der Ultras, die mit viel Wut und lauten Buhrufen reagierten. Schäfers klare Kante: „Es gibt im Umfeld ein paar Menschen, die behaupten Fans zu sein, und versuchen, die Strukturen des Vereins zu unterlaufen. Die würden am liebsten alle 24 Monate alle Verantwortlichen zum Teufel jagen, aber so geht das nicht.“

Martin Schäfer und Co. bekamen in Hermann Ohlicher (Meisterspieler 1984) und Franz Reiner (Mercedes-Benz-Bank) zwei neue Kollegen. Zuvor hatten nur 45,4 Prozent der Stimmberechtigten den Aufsichtsrat entlastet. Der Vorstand des Jahres 2015 um die abgetretenen Bernd Wahler und Robin Dutt wurde mit 47,9 Prozent ebenfalls nicht entlastet. Für Satzungsänderungen gab es ebenfalls keine Mehrheit. Geplant war, dass Mitglieder schon mit 16 Jahren abstimmen können und eine Briefwahl möglich wird. Der Ehrenrat sollte zudem durch einen Vereinsbeirat ersetzt werden.