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Schiedsrichter Tobias Fritsch kümmert sich um den bewusstlosen Torhüter Daniel Endres, der im Spiel KSV Hessen Kassel gegen Kickers Offenbach von einem Ball am Hals getroffen wurde. Foto: Hedler
Schiedsrichter Tobias Fritsch kümmert sich um den bewusstlosen Torhüter Daniel Endres, der im Spiel KSV Hessen Kassel gegen Kickers Offenbach von einem Ball am Hals getroffen wurde. Foto: Hedler
21.10.2016

PZ-Interview mit Schiri-Held Tobias Fritsch: „Letztlich habe ich instinktiv gehandelt“

Dass es ein Fußball-Schiedsrichter in die Schlagzeilen schafft, kommt so selten nicht vor. Dass er allerdings im Fokus steht, weil er Erste Hilfe geleistet hat, ist dann doch bemerkenswert. Tobias Fritsch machte am Wochenende beim Regionalligaspiel des KSV Hessen Kassel gegen Kickers Offenbach auf sich aufmerksam, nachdem er beherzt eingegriffen hatte, als Offenbachs Torwart Daniel Endres bewusstlos am Boden lag. Im Interview blickt Fritsch auf eine denkwürdige Partie zurück.

PZ: Herr Fritsch, haben Sie solch einen intensiven Einsatz als Schiedsrichter schon mal erlebt?

Tobias Fritsch: Ich bin seit 2005 Schiedsrichter, aber eine solche Situation wie jetzt in Kassel mit Torwart Daniel Endres hatte ich bisher zum Glück noch nicht. Die Gedanken daran lassen einen auch nicht los, sie nimmt man mit nach Hause.

PZ: Zunächst gab es eine Unterbrechung nach Fan-Ausschreitungen. Wie haben Sie die Situation wahrgenommen?

Tobias Fritsch: Ich habe mitbekommen, dass mehrere vermummte Kasseler Fans über den Zaun geklettert sind und das Tor zum Innenraum geöffnet haben. Sie waren schon auf der Tartanbahn und in Richtung des Offenbacher Blocks. Da habe ich schnell meine Assistenten informiert, dass wir das Spiel unterbrechen. Wir sind mit den Teams in die Kabine gegangen und haben uns an die vorgegebenen Abläufe des Deutschen Fußball-Bundes gehalten und entsprechend reagiert.

PZ: Wer entscheidet letztlich, dass es weitergeht?

Tobias Fritsch: Das läuft dann alles über den Sicherheitsbeauftragten und in enger Abstimmung mit der Polizei. Wenn es von allen Seiten Grünes Licht gibt, bestehen von unserer Seite auch keine Bedenken, das Spiel fortzusetzen. Als Schiedsrichter konzentriert man sich dann wieder auf das Spiel. Die Nebengeräusche schaltet man aus.

PZ: Trotzdem war es das dann nicht mit den speziellen Herausforderungen für Sie. In der Schlussphase ging Offenbachs Torwart Daniel Endres K.o.. Wann haben Sie denn realisiert, dass er Hilfe benötigt?

Tobias Fritsch: Ich weiß noch, dass Kassels Stürmer Sebastian Schmeer zum Abschluss gekommen ist. Ich habe dann gesehen, dass Daniel Endres den Ball abgewehrt hat, unmittelbar bevor Schmeer den Nachschuss zum Tor verwandelt hat. Dann habe ich gesehen, dass Endres regungslos am Boden liegt. Die Kasseler Spieler sind dann zum Jubeln abgedreht, und die Offenbacher wegen des späten Gegentreffers zur Mittellinie gelaufen. Sie haben Daniel Endres wohl deswegen nicht wahrgenommen.

PZ: Sie aber schon.

Tobias Fritsch: Als Schiedsrichter ist man geschult darauf, in solchen Situationen den Blick auf dem Geschehen rund um das Tor zu lassen. Das hat mir geholfen. Ich habe dadurch gesehen, dass Daniel Endres mit dem Rücken auf dem Boden lag und regungslos war. Ich bin direkt zu ihm gerannt und habe gemerkt, dass er bewusstlos ist. Daraufhin ging alles sehr schnell: Ich habe die Betreuer auf den Platz gerufen, Daniel Endres in die stabile Seitenlage gebracht und ihm die Zunge fixiert, damit er wieder Luft bekommt. Ich war froh, dass dann sehr bald die Betreuer auf dem Platz waren.

PZ: Sie haben gesagt, Sie seien geschult, solche Situationen zu erkennen. Werden Sie denn auch geschult, Erste Hilfe zu leisten?

Tobias Fritsch: Nein, da habe ich auf meine Kenntnisse aus der Führerscheinprüfung zurückgegriffen. Die ist zwar schon eine Weile her, aber ein bisschen Wissen war wohl noch vorhanden. Letztlich habe ich auch instinktiv gehandelt. Ich hatte ja nicht groß Zeit, nachzudenken.

PZ: Trotzdem muss man in solch einer Situation erst einmal die Ruhe bewahren.

Tobias Fritsch: Ich denke, dass das allen Beteiligten in dieser Situation gut gelungen ist. Man muss auch sagen, dass die Betreuer extrem gut reagiert haben – auch die der Kasseler. Die waren blitzschnell da und haben ebenfalls geholfen.

PZ: Gab es schon eine Reaktion von Daniel Endres?

Tobias Fritsch: Er hat mich angerufen und sich nochmal bedankt. Dadurch, dass wir beide schon sehr lange in der Regionalliga aktiv sind, kannten wir uns natürlich auch schon vorher von verschiedenen Spielen.

PZ: Wir merken, dass das Interesse an dieser Geschichte enorm hoch ist. Kommt dieses Interesse auch bei Ihnen an?

Tobias Fritsch: Ich möchte mich hier gar nicht in den Mittelpunkt stellen. Jeder, der die Situation so wahrgenommen hätte, hätte bestimmt ähnlich reagiert und gehandelt. Es war eine Selbstverständlichkeit. Aber natürlich merke ich, dass das mediale Echo groß ist. Ich kann nur sagen: Das Wichtigste ist, dass es Daniel Endres wieder gut geht. Aber es freut einen, dass man eine positive Rückmeldung bekommt.


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