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Marcel Nguyen steuerte am Barren fünf Punkte bei. Foto: dpa
Marcel Nguyen steuerte am Barren fünf Punkte bei. Foto: dpa
04.12.2016

Packendes Finale: KTV Straubenhardt bleibt deutscher Turn-Meister

Nach der erfolgreichen Titelverteidigung kam sofort die Kampfansage. Gerade erst hatte die KTV Straubenhardt das Finale der Deutschen Turnliga nach einem packenden und mitreißenden Wettkampf in der Ludwigsburger MHP-Arena mit 40:33 gegen die starke TG Saar gewonnen, da richtete Andreas Rapp den Blick schon wieder nach vorne. „Jetzt gibt es kommende Saison nur ein klares Ziel. Die erneute Titelverteidigung. Wir wollen das Triple“, sagte der Vorstand Sport des Bundesligisten mit Erleichterung in der Stimme. Es war der fünfte Titelgewinn für den Verein aus der Schwarzwaldgemeinde, aber erstmals gelangen zwei Erfolge in Serie.

Ein bisschen setzten die KTV-Turner damit auch ihren Bürgermeister in Zugzwang. Helge Viehweg hatte nämlich vor dem Finale in Ludwigsburg seinen Turnern für den Fall der erfolgreichen Titelverteidigung einen Balkon am Rathaus zum Feiern versprochen. Und nun, Herr Bürgermeister? „Das wird unheimlich schwierig“, verwies der Schultes lachend auf statische Hindernisse und sagte: „Ich muss mir was einfallen lassen.“ Beim Brunch am Sonntag in der Feldrennacher Turnhalle, der von der KTV Straubenhardt flugs in eine Meisterfeier umgewidmet worden war, hatte der Schultes Zeit genug, sich zu erklären.

Schon vergangene Saison standen sich die beiden derzeit besten deutschen Turnteams im Finale gegenüber. Damals hatte die KTV mit 49:20 recht deutlich gesiegt. Dass es dieses Jahr deutlich spannender wurde, lag auch daran, dass mit Marcel Nguyen, Andreas Bretschneider, Ivan Rittschik und Brian Gladow gleich vier KTV-Leistungsträger seit Wochen einen Bundeswehrlehrgang in Hannover absolvieren – mit eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten. Dass Rittschik unter der Woche noch erkältet war und Gladow bis Freitag Magen-Darm-Probleme hatte, machte die Sache nicht besser. „Wir sind nach Olympia alle ausgebrannt und leer. Dafür haben wir es ganz gut hinbekommen“, freute sich Lukas Dauser. Der 23-Jährige wird die KTV verlassen. Wo es ihn hinzieht, wollte der Olympiateilnehmer nicht verraten. Nur dass er kommende Saison wohl nicht wieder um den Titel turnen wird: „Das wird vermutlich deutlich schwieriger“, sagte er.

Ein Sieg im Kollektiv

Es war ein emotionaler Tag für die KTV-Turner. Der Druck war zu spüren. Das Team kämpfte. Jede gute Übung wurde ausgelassen gefeiert, Kollegen, die verturnt hatten, wurden im Kollektiv getröstet. Zehn Turner brachte der Sportliche Leiter Dirk Walterspacher an die Geräte, acht holten Punkte. Damit war es auch ein Erfolg der Mannschaft, denn bei der TG Saar punkteten nur vier Akteure. Mit einer großartigen Teamleistung hielten die KTVler auch TG-Star Oleg Verniaiev in Schach.

Schon das erste Duell am Boden war richtungsweisend. Marian Dragulescu, der nächste Woche 36 Jahre jung wird, gestattete Verniaiev, Olymia-Zweiter im Mehrkampf, nur einen Scorepunkt. Dragulescu hätte sogar gewonnen, hätte er wegen Zeitüberschreitung nicht 0,3 Zähler bei seiner Wertung abgeben müssen. Auch Nguyen trat an, obwohl er seit Olympia am Boden kaum mehr trainiert hatte, und holte drei Zähler. Das war die Grundlage zur Punkteteilung (5:5) am ersten Gerät, das nicht zu den KTV-Stärken zählt. „Unglaublich, wie sich der Marcel für die Mannschaft reingehaun hat“, lobte Rapp den besten Punktesammler seines Teams.

Das Pauschenpferd (4:10) war dann der Grund, dass der Wettkampf lange spannend blieb. Nils Dunkel und Vinzenz Haug hatten Absteiger, auch Rittschik kam nicht zurecht. Retter in der Not war Anton Fokin. Der unverwüstliche KTV-Trainer holte vier Punkte und sorgte dafür, dass der Rückstand erträglich blieb. „Wir wussten ja, dass wir am Boden und Pauschenpferd nicht mehr so stark sind“, atmete Straubenhardts Sportlicher Leiter Dirk Walterspacher einmal tief durch.

An den Ringen (11:5) kämpfte sich die KTV dann zurück. Der kurzfristig verpflichtete Armenier Vahagn Davtyan, ein echtes Kraftpaket, trumpfte ebenso wie Nguyen auf. Dass die Straubenhardter dann auch noch den Sprung (5:1) gewannen, darf als Überraschung gewertet werden. Auch hier ging Dragulescu ins Duell mit Verniaiev, dieses Mal hatte der Rumäne die Nase vorne (1:0). Beide turnten den von Dragulescu erfundenen und nach ihm benannten Sprung – der Erfinder machte es etwas besser als der Nachahmer. „Das waren gefühlt fünf Punkte“, strahlte Dirk Walterspacher.

Am Barren (12:1) dann die Entscheidung. Fünf Zähler für Nguyen, vier für Fokin – und drei für Lukas Dauser. Aber was für drei Zähler. Gegen Verniaiev, den Olympiasieger an diesem Gerät. Verniaiev hatte mit 6,8:6,7 die etwas schwierigere Übung, doch bei der Ausführungsnote hatte Dauser mit 8,8:8,1 die Nase vorne. Dass es noch einmal spannend wurde, lag daran, dass Andreas Bretschneider am Reck beim Kolman gleich zweimal den Abgang machte. Doch Ivan Rittschik zog seine Kür am Königsgerät sauber durch – und im Straubenhardter Lager kannte der Jubel danach keine Grenzen. Und auch Präsident Jörg Gänger war „einfach nur froh, dass wir ein so spannendes Finale noch gewonnen haben“.h