nach oben
Auch beim Goldstadtpokal ließen sich Marius-Andrei Balan und Khrystyna Moshenska den Sieg nicht nehmen. Foto: Ketterl
Auch beim Goldstadtpokal ließen sich Marius-Andrei Balan und Khrystyna Moshenska den Sieg nicht nehmen. Foto: Ketterl
08.07.2016

Pforzheimer Latein-Paar Balan/Moshenska will den EM-Titel holen

.Pforzheim. Marius-Andrei Balan und Khrystyna Moshenska haben sich intensiv auf die Europameisterschaften vorbereitet. Am Samstag wird in Rimini um die Titel getanzt.

Das Lateinpaar vom Schwarz-Weiß-Club Pforzheim ist Dritter der WM, Deutscher Meister und hat viele Weltranglistenturniere gewonnen. Khrystyna war sogar schon dreimal Weltmeisterin. Doch das reicht nicht. Sie wollen den gemeinsamen großen Titel. Dafür geben sie alles. Wir treffen uns nach einem Tag, der viele an ihre Grenzen bringen würde. 45 Minuten Lauftraining, eine Stunde freies Tanztraining, zwei Stunden intensive Einheiten mit Trainer, zwei Stunden Training mit anderen Paaren, Stretching, Krafttraining. Für das Tanzpaar ist das Alltag.

„Team hinter dem Team“

Aber wie ist das dauerhaft zu schaffen? Darüber kann das „Team hinter dem Team“ Auskunft geben. Wir sitzen in der Privatpraxis von Dr. Dimitr-Alexander Jontschew in Niefern. Mit dabei ist der Physiotherapeut Alexander Mohr. Dr. Jontschew leitet das Südwestdeutsche Sporttraumatologie-Center in Uhingen. In Niefern betreut er vor allem Leichtathleten. Einige bereiten sich auf die Olympischen Spiele in Rio vor. In der Vergangenheit hatte er es mit vielen Stars aus vielen Sportarten zu tun – ob Fußball oder Leichtathletik. Nicht weniger kompetent ist Physiotherapeut Alexander Mohr. Als fachlicher Leiter der Rehamed Pforzheim betreut er ebenfalls seit Jahren Spitzensportler.

Gemeinsam mit den Tänzern haben sie ein Modellprojekt gestartet. Denn beim Tanzsport gibt es bislang keine systematische ärztliche Betreuung. So gehen Marius und Khrystyna neue Wege. „Der Physiotherapeut legt Hand an. Er weiß, was an welchen Stellen abläuft. Der Arzt bekommt daraus Informationen und stellt die passende Behandlung auf“, beschreibt Dimitr-Alexander Jontschew die Rollenverteilung. Oberstes Ziel sei die Prävention, nicht das Behandeln von Verletzungen. Die ließen sich nicht vermeiden. Aber wenn sie passieren, sei das Ziel die Erhaltung der Trainingsfähigkeit. „Nur wenn wir die maximale Trainingsfähigkeit erhalten, können die beiden dauerhaft das Pensum schaffen“, erklärt der Arzt. Dass man nur zu sauberen Mitteln greife, verstehe sich von selbst. Die Kontrolleure der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada stehen mehrmals im Jahr vor der Tür. Auch bei Tanzsportlern. Das Konzept ist beeindruckend. Fünfmal pro Woche legt der Physiotherapeut Hand an. Tägliches Krafttraining ist Pflicht. Dazu Lauftraining, Schnelligkeitsübungen – und strikte Ernährungspläne im Vorfeld von Turnieren. Das alles geschieht neben dem eigentlichen Tanztraining, welches schon enorme Zeit beansprucht. „Hierfür war auch von uns ein hohes Zeitinvestment erforderlich“, sagt Alexander Mohr. Als Marius und Khrystyna vor einem Jahr an ihn herantraten, hatte er keine Erfahrungen mit Tanzsport. Ähnlich ging es Dr. Jontschew, der vor vier Monaten zum Team stieß. Beide gestehen ein, den Tanzsport komplett unterschätzt zu haben.

„Absoluter Hochleistungssport“

Um sich ein Bild der Belastungen und Bewegungsabläufe zu machen, fuhren Arzt und Physiotherapeut mit zu den deutschen Meisterschaften und waren sofort beeindruckt. „Das ist absoluter Hochleistungssport. Die zwei stecken viele Leichtathleten locker in die Tasche. Die Messwerte der Leistungstests sind beeindruckend“, sagt Jontschev. Es folgten genaue Analysen der Bewegungsabläufe, Beobachtungen im Training und die Erstellung systematisch aufgebauter Trainingspläne. Diese werden ständig an die aktuelle Entwicklung und Belastung angepasst.

Das zahlt sich aus. „Wir bekommen ein absolut individuelles Konzept. Letztes Jahr hat uns ein Hauptkonkurrent im Jive, dem schnellsten Tanz, abgehängt. Dann haben wir unsere Schnelligkeit trainert und verbessert. Beim letzten Grand Slam in Hongkong lagen wir dann vorn“, berichtet Marius Balan. Auch bei Leistungstests im Bundeskader des Tanzsportverbandes sind die Pforzheimer auffällig weit vorn. Bleibt die Frage nach den Kosten. Die trägt das Paar selbst. Tanzen sei eben nicht Fußball und die Möglichkeiten des Verbandes begrenzt. Dennoch lohne es sich. „Das eine Jahr bisher hat uns drei Jahre vorangebracht“, sagen Marius und Khrystyna.

Heute stehen nun die Europameisterschaften an. Dr. Jontschew wird dabei sein. Das hat er dem Paar als Belohnung für den Fleiß versprochen.