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Rugby-Bundesliga: Erfolgsmodell TV Pforzheim

Der Mann für den ständigen Neuaufbau beim TV Pforzheim ist Trainer John Willis. Foto: PZ-Archiv/Kessler
21.03.2019

Rugby-Bundesliga: SG TV/CfR Pforzheim im Abstiegskampf - RGH kommt am Samstag

Pforzheim. Vor zehn Jahren konnten die Rugby-Spieler des TV Pforzheim gut gelaunt den Blick nach oben werfen: 2009/10 Durchmarsch von der Regionalliga in die 2. Rugby-Liga und 2010/11 ungeschlagen in die Bundesliga aufgestiegen. Danach spielten die Pforzheimer sofort aus dem Stand um den deutschen Meistertitel mit, den sie 2016 gewinnen konnten. In dieser Saison muss das inzwischen zur Spielgemeinschaft TV/CfR Pforzheim gewandelte Team den Blick nach unten richten. Dem Tabellenvorletzten droht das Abstiegsgespenst.

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Die SG TV/CfR hat als Siebter der Rugby-Bundesliga Südwest nur einen Punkt weniger als die Neckarsulmer SU auf dem rettenden sechsten Platz, doch die Pforzheimer sind auch punktgleich mit dem Tabellenletzten RC Luxemburg. Das Ziel vor dem Saisonstart lautete, unter den Top-5 zu landen. Zu Rang fünf, den der RK Heusenstamm belegt, fehlen allerdings schon zehn Punkte.

Da es im Rugby vier Punkte für einen Sieg und einen weiteren Bonuspunkt für vier oder mehr Versuche gibt, könnten die Pforzheimer mit einer kleinen Erfolgsserie und einem Sieg in Heusenstamm in den noch verbleibenden sechs Spielen ihr Saisonziel doch noch erreichen.

Zunächst aber wartet eine extrem schwere Aufgabe auf die SG TV/CfR Pforzheim: An diesem Samstag, 14 Uhr, kommt der Tabellendritte und Meisterschaftsfavorit RG Heidelberg ins SüdwestEnergie-Stadion am Rattachweg in Pforzheim-Eutingen. Wenn die SG im Hinspiel nicht 60 von 80 Minuten in Unterzahl gespielt hätte und nicht die letzten 20 Minuten sogar zwei Mann weniger gehabt hätte, dann wäre damals bei der RGH wohl mehr möglich gewesen. Zweimal hatten die Pforzheimer ausgeglichen und vor dem Verlust des zweiten Spielers nur 32:33 hinten gelegen, als dann alle Dämme brachen und die RGH noch mit 54:32 siegte. Die Favoritenrolle am Samstag liegt nach dem Saisonverlauf klar bei den Heidelbergern.  

„Wir haben uns in unserem vorletzten Spiel gegen die NSU selbst in den Fuß geschossen. Dieses Spiel hätten wir nicht verlieren dürfen, aber so ist eben Rugby“, sagt SG-Trainer John Willis, der den Punkten aus der Niederlage gegen den direkten Abstiegs-Konkurrenten nachtrauert. Jetzt müsse man sich auf mögliche Siege voll konzentrieren und in den anderen Spielen als Außenseiter – wie etwa gegen die RGH – versuchen, möglichst einen Offensiv- und einen Bonuspunkt zu holen. „Das ist nicht unmöglich und wir wollen uns gewiss nicht kampflos ergeben“, sagt Willis. Er hofft, dass die Spieler mit dem Mut der Verzweiflung das Beste aus sich herausholen können.

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Das Beste stand ihm zum Saisonstart nicht unbedingt zur Verfügung. „Unglücklicherweise haben wir vor Hinrunde eine Menge an erfahrenen deutschen Stammspielern an andere Clubs in Heidelberg verloren. Zu allem Überfluss mussten wir etliche schwere Verletzungen unserer neuen Topspieler gleich zum Saisonbeginn verkraften, was unsere spielerische Qualität stark beschnitt“, klagt der SG-Coach. Aber, so Willis: „Das ist jetzt die Chance für unsere jungen Spieler aus der zweiten Mannschaft, sich in der Bundesliga weiterzuentwickeln.“ 

Der hoch gelobte Lio Lolo, WM-erfahrener Nationalspieler von Samoa, fiel früh nach einer Knieverletzung für die ganze Saison aus. Der junge Franzose Alan Sarco litt plötzlich an so schweren Herzproblemen, dass er nach langem Krankenhaus-Aufenthalt zur Schonung zurück zu seiner Familie fahren musste. Ryan Buchanan brach sich den Arm, kann aber vielleicht in den nächsten Spielen ins Team zurückkehren. Das gilt leider nicht für den an einer Schulterverletzung laborierenden, früheren Nationalspieler Tim Kasten, der mit seinem unbändigen Einsatzwillen die Pforzheimer in vielen Spielen zum Sieg trieb und jetzt seine Sportkarriere beenden musste. Auch Lee Murray fehlte in der Hinrunde verletzungsbedingt der SG, scheint aber nach einem Kurzeinsatz für die deutsche Nationalmannschaft am 2. März wieder fit zu sein. Auch 7er-Rugby-Nationalspieler Carlos Soteras-Merz ist wieder fürs 15er-Nationalteam nominiert worden und offenbar fit. Vom scheinbar wenig motivierten Frank Uini hat sich der Verein getrennt.

Und was braucht die SG TV/CfR Pforzheim jetzt am meisten, um den Abstieg zu verhindern? „Killer-Instinkt“, schießt es aus Willis heraus. „Wir hatten mehrmals den Gegner so unter Druck gesetzt, dass wir einem möglichen Sieg nahe waren, doch dann ließen wir unsere Chancen zu leichtfertig liegen, nahmen den Fuß vom Gas und ließen den Gegner zurückkommen. Unsere Abwehr muss nun mit breiter Brust antreten und in den Mann-gegen-Mann-Aktionen den Gegner festnageln.“ Willis hofft: „Wenn wir jetzt stark dagegenhalten und punkten, wird auch das Selbstvertrauen der Spieler gestärkt.“

Abseits des Kampfes um die Punkte verhandelt die SG gerade mit den Stadtwerken Pforzheim über die weitere Nutzung des Sportgeländes im Eutinger Enztal. Neues kann der Verein noch nicht vermelden. Angesichts der unsicheren Situation am Tabellenende will die Vereinsführung auch erst später in die konkreten Team-Planungen für die nächste Saison eintreten. In den zehn vergangenen Jahren hat der TVP die Blütezeit seiner rund 90-jährigen Vereinsgeschichte erlebt: deutscher Meister im 7er- und 15er-Rugby, deutscher Pokalsieger, mehrfache Vizemeistermeisterschaften und Gewinner des internationalen Nordsee-Cups – das gab es zuvor noch nie. Am liebsten würde man an dieser Erfolgsserie weiterarbeiten. „Wir werden auf keinen Fall aufgeben“, macht SG-Trainer Willis Mut.  

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