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CfR Pforzheim

Pforzheimer Spieler bedrängen Frank Willenborg beim Pokalspiel gegen Leverkusen, doch der Unparteiische pfeift keinen Elfmeter. Foto: Eibner
Pforzheimer Spieler bedrängen Frank Willenborg beim Pokalspiel gegen Leverkusen, doch der Unparteiische pfeift keinen Elfmeter. Foto: Eibner
Schiedsrichter Frank Willenborg zeigt den Videobeweis beim Spiel FC Schalke 04 gegen den VfB Stuttgart an. Foto: dpa
Schiedsrichter Frank Willenborg zeigt den Videobeweis beim Spiel FC Schalke 04 gegen den VfB Stuttgart an. Foto: dpa
22.08.2018

Schiri vom CfR-Pokalspiel zu umstrittener Entscheidung: „Szene bleibt im Graubereich“

Frank Willenborg aus Osnabrück geht in seine dritte Saison als Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga. Der 39-Jährige Realschullehrer spricht über seine Saisonvorbereitung, den Videobeweis, einen nicht gegebenen Handelfmeter beim Pokalspiel des 1. CfR Pforzheim gegen Leverkusen und stellt eine knifflige Regelfrage.

PZ: Herr Willenborg, die Fußballprofis werden schon in ihrer Vorbereitung auf Schritt und Tritt begleitet. Wie verläuft die Saisonvorbereitung der Schiedsrichter?

Frank Willenborg: Das beginnt mit einer sportärztlichen Untersuchung und der individuellen Fitnessarbeit. Ohne diese Grundlage würde man beim Sommerlehrgang Schwierigkeiten haben.

PZ: Welche physischen Leistungen müssen Sie bei diesem einwöchigen Lehrgang nachweisen?

Frank Willenborg: Der Leistungstest kommt den Intervall-Anforderungen nahe, wie sie für einen Schiedsrichter typisch sind: Wir laufen 75 Meter schnell, danach kommen 25 Meter zügiges Gehen – und zwar 40 Durchgänge hintereinander. Dabei muss man die 75 Meter jedes Mal in höchstens 15 Sekunden schaffen. Zweite Übung: Sechs Sprints über 40 Meter, nur unterbrochen von dem Rückweg zum Start, in höchstens sechs Sekunden. Wer das nicht schafft, bekommt eine Wiederholungschance. Reicht es auch dann nicht, ist man raus. Aber ehe sie fragen: Ist in diesem Jahr nicht vorgekommen.

PZ: Natürlich wird auch die Regelfestigkeit geprüft.

Frank Willenborg: Ja, und hier gilt dasselbe: Wer auch im zweiten Versuch die zulässige Zahl an Fehlerpunkten überschreitet, pfeift in der Saison nicht in der Bundesliga. Da ist der Druck schon ganz schön hoch. Es gibt 15 Regelfragen, die man ohne eine Vorauswahl von Antworten, ausführlich beantworten muss, und zehn Videosequenzen, in denen man die richtigen Entscheidung fällen muss.

PZ: Sie standen gleich im ersten Pflichtspiel im Fokus: Kurz vor dem Ende des Pokalspiels in Pforzheim gab es eine Szene, in der es nach einem Handspiel von Sven Bender aussah, sie aber keinen Elfmeter gaben.

Frank Willenborg: Weil ich nicht zweifelsfrei ein Handspiel gesehen habe – der Ball traf Bender am Oberarm oder an der Schulter. Später habe ich mir die TV-Bilder angesehen und konnte es auch danach nicht eindeutig sagen.

PZ: Also hätte Ihnen auch der Videobeweis – den es im DFB-Pokal in den ersten Runden nicht gibt – nicht geholfen.

Frank Willenborg: Genau. Hätte es ihn gegeben, hätte ich mir die Szene auf dem Monitor angesehen und dann dieselbe Entscheidung getroffen wie ich es getan habe. Natürlich kann ich die Aufregung verstehen, zumal es dem Underdog möglicherweise den Ausgleich und eine Verlängerung beschert hätte. Aber die Szene bleibt im Graubereich – und damit müssen wir beim Videobeweis auch in Zukunft leben.

PZ: Was wird in der zweiten Saison mit der Videobeweis besser, auch nach den Erfahrungen bei der WM?

Frank Willenborg: Ich glaube, dass der Einsatz des Video-Referees bei der WM ähnlich gut gelaufen ist wie in der Rückrunde der letzten Bundesliga-Saison. Die entscheidende Verbesserung war, dass es transparenter war für die Zuschauer im Stadion und am Fernseher. Wir müssen den Fan mitnehmen in die Entscheidungsfindung – das ist der ausdrückliche Wunsch von uns Schiedsrichtern.

PZ: In der neuen Saison gibt es Erklärungen auf den Anzeigetafeln im Stadion und für die TV-Zuschauer die maßgeblichen Szenen. Was muss noch getan werden, damit die neue Technik akzeptiert wird?

Frank Willenborg: Vielleicht hilft es schon, wenn man etwas weniger emotional an das Thema geht und sich an Fakten orientiert: Der Videobeweis darf prinzipiell nur bei vier Bereichen eingesetzt werden: Torerzielung, Tätlichkeiten, Elfmeter und Verwechslung von Spielern bei persönlichen Strafen. Und ein Eingriff aus Köln soll nur erfolgen, wenn eine klare, offensichtliche Fehlentscheidung korrigiert werden kann. Es soll keine Detektivarbeit geleistet werden, die am Ende doch kein eindeutiges Ergebnis bringt – siehe den Fall Bender. Sondern der Schiedsrichter soll vor krassen Fehlern geschützt werden. Dann macht es den Sport gerechter. Von der Illusion, dass es mit dem Videobeweis keine Fehlentscheidungen mehr gibt, hat sich hoffentlich inzwischen jeder verabschiedet.

PZ: Keinerlei Ermessensspielraum dürfte es durch sogenannte kalibrierte Linien künftig bei Abseitsentscheidungen geben.

Frank Willenborg: Ja, das ist vergleichbar mit dem Signal bei der Tortechnologie, es ist eindeutig. Wenn ich die Abseits-Information aus Köln bekommen werde, besteht kein Anlass, dass ich mir die Szene am Monitor ansehe.

PZ: Es gibt zur neuen Saison ein paar Neuerungen. Wie muss der Schiedsrichter entscheiden, wenn der Masseur auf den Platz läuft und von einem Spieler gebissen wird?

Frank Willenborg: Oh, diese Fragen liebe ich . . . Wie wird das Spiel fortgesetzt, wenn der Ball am Pfosten festfriert? Beißen ist als Vergehen ausdrücklich aufgenommen in Regelwerk, und muss auch dann geahndet werden, wenn es nicht am Gegner, sondern am Mitspieler oder einem Zuschauer erfolgt. Also: Freistoß und Rote Karte. Darf ich eine Gegenfrage stellen? Ein Auswechselspieler steht hinter dem Tor nahe am Pfosten und will einen Ball, der vorbeigeht, ins Feld zurückschießen. Er trifft den Ball aber, als der noch im Spielfeld ist. Was muss der Schiedsrichter tun?

PZ: Gelbe Karte und Freistoß.

Frank Willenborg: Leider falsch. Die Regel sieht für dieses Vergehen einen direkten Freistoß vor, was bedeutet, dass es – wenn das Vergehen im Strafraum erfolgt ist – einen Elfmeter geben muss. In der 2. Bundesliga hat es einen solchen Fall tatsächlich gegeben.

PZ: Viel Aufregung gibt es immer wieder, wenn der Ball nicht ins Aus gespielt wird, weil ein Spieler des Gegners am Boden liegen bleibt . . .

Frank Willenborg: . . . und wenn dann daraus sogar ein Tor wird, ist die Rudelbildung programmiert. Dabei ist es eindeutig: Wir haben die Anweisung, das Spiel nur dann zu unterbrechen, wenn der Verdacht auf eine schwerwiegende Verletzung besteht – ansonsten soll das Spiel weiterlaufen bis zur nächsten natürlichen Unterbrechung. Und auch die Mannschaft sind instruiert, weiterzuspielen. Es ist ein Irrglaube, dass der Ball dann sofort ins Aus gespielt werden muss.

PZ: Zumal es in den meisten Fällen wohl darum gehen dürfte, eine Spielunterbrechung zum eigenen Vorteil herbeizuführen.

Frank Willenborg: Das nennt man Zeitschinden und ist der eigentliche Verstoß gegen das Fairplay.