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17.05.2010

Sprunggelenk der Nation verletzt: WM-Aus für Ballack

SCIACCA/MÜNCHEN. Fußball-Deutschland steht unter Schock, Michael Ballack ist verbittert: Ohne seinen „Capitano“ ist Joachim Löws WM-Titelmission in Südafrika erst einmal zur Utopie geworden.

Bildergalerie: Ohne Kapitän Michael Ballack zur Fußball-WM in Südafrika

„Wir waren geschockt, keine Frage“, sagte der Bundestrainer am Montag nach dem Erhalt der Hiobsbotschaft vom folgenschweren WM-Aus für den 33-jährigen Ballack. „Ich bin sauer, ganz klar“, äußerte Ballack mit einer Mischung aus Wut und grenzenloser Enttäuschung.

Löw erlaubte sich und seiner in Sizilien sofort zusammengetrommelten Mannschaft allerdings nur einen kurzen Moment der Niedergeschlagenheit. Dann schaltete er im Trainingslager in Sciacca sofort auf Schadensbegrenzung um. „Von Resignation kann bei uns keine Rede sein“, versicherte der Chefcoach trotzig: „Ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir eine gute WM spielen werden. Jetzt müssen wir es schaffen, aus jedem Spieler alles herauszukitzeln.“

Das Wort „WM-Titel“ nahm Löw nach dem Ballack-Schock aber erst einmal nicht mehr in den Mund. Stattdessen verkündete er vorsichtig Etappen-Ziele auf dem nun noch schwierigeren Weg zum Finale am 11. Juli in Johannesburg. „Erst wollen wir eine gute Vorbereitung. Dann werden wir alles ausrichten auf die Gruppenspiele“, verkündete Löw. Gegner in Gruppe D sind Australien, Serbien und Ghana.Kapitän Ballack, der eigentlich noch in der WM-Vorbereitung sein 100. Länderspiel absolvieren wollte, erfuhr die niederschmetternde Diagnose nach einer Kernspin-Untersuchung in der Praxis von DFB-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in München.

Der brutale Tritt des ehemaligen deutschen U-21-Nationalspielers Kevin-Prince Boateng, der bei der WM in Südafrika für Vorrunden-Gegner Ghana spielt, im englischen Cupfinale hatten bei Ballack ein Innenband und einen Teil des vorderen Syndesmosebandes im Sprunggelenk des rechten Fußes zerstört.

„Wenn man zwei, drei Wochen vor der WM so eine Diagnose erhält, dann ist das bitter“, verkündete der 98-malige Auswahlspieler Ballack. Sein sechstes großes Turnier sollte ihm eigentlich den so lange ersehnten ersten internationalen Titel bringen. Eine neue WM-Chance wird der gebürtige Görlitzer, der im September 34 Jahre alt wird, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr erhalten. Seine Zukunft beim FC Chelsea ist auch ungewiss. Erst in acht Wochen kann Ballack überhaupt wieder mit einem Training beginnen. Der verletzte Kapitän wurde neben den vier Bremer Pokalfinal-Verlierern noch am Montag im DFB-Quartier in Sciacca erwartet. „Michael hat den Wunsch geäußert, uns noch hier auf Sizilien zu besuchen“, sagte Löw.

Die Bestürzung war nicht nur im Kreis der Nationalmannschaft groß. „Ich bin unendlich traurig, dass Michael Ballack durch ein solches Foul um seine WM-Teilnahme gebracht wird“, sagte DFB-Chef Theo Zwanziger. Für Leverkusen-Trainer Jupp Heynckes ist das Ballack-Aus „bitter und tragisch“, für den ehemaligen DFB-Teamchef Rudi Völler „brutal und furchtbar“. Wolfgang Overath, Weltmeister 1974, sieht im Ballack-Ausfall „mit Sicherheit einen ganz großen Verlust“, aber „auch eine Chance für die Mannschaft - nach dem Motto: Jetzt gibt es eine Trotzreaktion, wir rücken noch enger zusammen.“

Genau diese Stimmung will Löw in den nächsten Tagen entfachen. „Es heißt jetzt, alle Kräfte zu bündeln“, gab der Bundestrainer als Motto aus. In der Geschichte habe es schon oft die Situation gegeben, dass andere in den Mittelpunkt rücken, wenn jemand ausfällt. „Wir haben viele junge Spieler, wir müssen sehen, dass sie das Selbstbewusstsein bekommen“, betonte Löw. Als erste Lösung für die Doppel-Besetzung des zentralen Mittelfeldes nannte Löw den Münchner Bastian Schweinsteiger und den Stuttgarter Sami Khedira.

„Diese zwei Spieler sind jetzt gefragt. Bastian Schweinsteiger hat in den vergangenen Monaten bei uns und bei Bayern München schon mehr Verantwortung übernommen“, erklärte Löw. Als eine Alternative ordnete der Bundestrainer Khediras VfB-Kollege Christian Träsch ein.

Die Wut der Fans richtete sich gegen den ehemaligen Berliner Kevin-Prince Boateng. Löw warb derweil um einen fairen Umgang mit Boateng-Bruder Jérome, der zum vorläufigen deutschen WM-Kader gehört. „Ich habe ihm gesagt, dass wir absolut vorbehaltlos zu ihm stehen. Er ist zwar Familienmitglied, aber er ist völlig unbeteiligt. Ich bitte alle, ihn in die Sache nicht hineinzuziehen“, sagte der 50-Jährige. Auf eine Nachnominierung verzichtet Löw erst einmal. Er zittert aber jetzt noch mehr um die gleich sieben WM-Spieler des FC Bayern, die am 22. Mai im Champions-League-Finale stehen.

Ein weiterer Ausfall würde Löw zum Handeln zwingen. So könnte Thomas Hitzlsperger, auf den der Bundestrainer zunächst verzichtet hatte, nach den Regeln des Weltverbandes FIFA sofort mit ins Trainingslager nach Sizilien geholt werden. Eine offizielle Nachnominierung aber ist erst nach dem 1. Juni möglich. Für den Fall müsste Ballack zunächst offiziell als WM-Spieler gemeldet werden, um dann einen Ersatz benennen zu dürfen. „Wir müssen abwarten, wie die Bayern-Spieler das Spiel in Madrid überstehen“, sagte Löw.

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