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Hier rollt am Sonntag der Ball: Elke Armbruster, Leiterin der SSV-Geschäftsstelle, gewährt PZ-Redakteur Claudius Erb Einblicke ins Kreuzeiche-Stadion. Der Rasen ist in Topform. Erb/Müller
Hier rollt am Sonntag der Ball: Elke Armbruster, Leiterin der SSV-Geschäftsstelle, gewährt PZ-Redakteur Claudius Erb Einblicke ins Kreuzeiche-Stadion. Der Rasen ist in Topform. Erb/Müller
Kiosk-Betreiber Reinhold Hess freut sich auf das doppelte Auswärtsspiel.
Kiosk-Betreiber Reinhold Hess freut sich auf das doppelte Auswärtsspiel.
Zwei Reutlinger Fußballexperten, die sogar einige Nöttinger prompt erkennen: Heinz Kostorz und Costa Poptsioglou (von links).
Zwei Reutlinger Fußballexperten, die sogar einige Nöttinger prompt erkennen: Heinz Kostorz und Costa Poptsioglou (von links).
In den 1970ern Mittelfeldstratege beim SSV Reutlingen: Robert Lühr.
In den 1970ern Mittelfeldstratege beim SSV Reutlingen: Robert Lühr.
Verpasst wegen seines Urlaubs den Kick: Einzelhandel-Azubi Adrijan Cetojevic.
Verpasst wegen seines Urlaubs den Kick: Einzelhandel-Azubi Adrijan Cetojevic.
15.08.2012

Spurensuche in Reutlingen: Pokal-Hit des FC Nöttingen noch ein Geheimtipp

In Pforzheim wäre es in der Woche vor dem Anpfiff sicher das Gesprächsthema auf den Straßen gewesen: das DFB-Pokalspiel der Oberliga-Kicker des FC Nöttingen gegen den Bundesligisten Hannover96. Wenn die Goldstadt ihr Holzhof-Stadion fit bekommen hätte. Hat sie aber nicht. In Reutlingen, wohin es die Nöttinger auf der Suche nach einer dem DFB genehmen Arena verschlagen hat, ist von Fußballfieber noch keine Spur.

Mit viel Wohlwollen ist unter der Achalm eine leicht erhöhte Fußball-Temperatur festzustellen. Und das wenige Tage vor dem Pokal-Hit, der am Sonntag um 14.30 Uhr im Kreuzeiche-Stadion angepfiffen wird.

Werbetafeln? Plakate? In der Reutlinger Innenstadt Fehlanzeige. Der Aushang der Vereine beim Rathaus offenbart, dass der Schachverein Sommerpause hat und die DLRG-Ortsgruppe Ausflüge ins Spaßbad anbietet.

Passanten schütteln den Kopf oder zucken mit den Achseln, wenn ihnen Porträtbilder von Nöttinger Fußballgrößen wie Kapitän Timo Brenner, Ex-Profi Marcel Rapp oder Erfolgstrainer Michael Wittwer vorgehalten werden. „Kennen wir nicht.“ Nichts davon gehört hat der Kellner im Café „Alexandre“ beim Rathaus, dass sich am Sonntag hier David und Goliath fußballerisch messen. Interessiert ihn auch nicht. Mehr los sein, da ist er sich sicher, wird in dem Straßencafé in der City deshalb nicht.

Freude über Hochkaräter

Ein Reutlingen im Fußballtaumel kann Wolfgang Löffler, Pressesprecher der Stadt, nicht vermelden. Nur den „ganz eingefleischten Fußballfans“ sei der FC Nöttingen bekannt, als Oberliga-Gegner des SSV Reutlingen. Am Sonntag, „da zieht dann eher Hannover“, tippt Löffler. Doch die klingenden Namen im deutschen Fußball seien andere: „Die emotionale Verbundenheit mit Hannover96 ist hier überschaubar.“ Wäre beim Spiel zweier Auswärtsteams in Reutlingen der FC Bayern oder der VfB Stuttgart mit von der Partie, würde das schon mehr Zugkraft haben.

Interessiert studiert Löffler das Interview mit 96-Trainer Mirko Slomka in der mitgebrachten PZ. Und er freut sich, dass auch die örtliche Presse just gestern endlich groß in die Vorberichterstattung eingestiegen ist. Denn eines sei klar: Reutlingen ist froh, dass das DFB-Spiel hier ausgetragen werde. Hochkarätige sportliche Gastspiele seien für die Region ein Gewinn, der Name der Stadt werde so in die Lande hinausgetragen. „Für Pforzheim wäre das schon was gewesen“, weiß Löffler, der in der Goldstadt geboren wurde und aufgewachsen ist. Großvater Alfred Löffler war honoriger FDP-Stadtrat, Vater Kurt Löffler Rektor in Brötzingen und Schulrat. Filius Wolfgang hat einst bei Spielen des 1. FC Pforzheim das blau-weiße Fähnchen geschwenkt.

Verblasster Fußballruhm: Davon kann nicht nur die Goldstadt, sondern auch Reutlingen ein Lied singen. Insgesamt sei die Faszination für den Kick abgeebbt, sagt Robert Lühr, der in den 1970er-Jahren für den SSV in der damaligen Regionalliga gespielt hat. Am Sonntag will er nicht dabei sein und rechnet überhaupt mit eher leeren Rängen: „Hannover zieht hier halt doch nicht so.“ Zwei weitere lokale Fußball-Experten, die sogar einige der Nöttinger Kicker beim Blick auf die Fotos erkennen, laufen uns in der Fußgängerzone vor den Block. Heinz Kostorz (73) hat in den 1960ern an der Seite von Rolf Schafstall den Strafraum des SSV sauber gehalten und 1965 gegen Gladbach mit Heynckes und Netzer knapp den Sprung in die Bundesliga verpasst. Nach den Querelen im eigenen Verein wollten heute viele Reutlinger nicht mehr viel vom Fußball wissen. Die mit 20 bis 35 Euro für Sitzplätze aus seiner Sicht recht hohen Eintrittspreise könnten Bürger abschrecken, meint Costa Poptsioglou, Gründungsmitglied der Young Boys Reutlingen. Und sollten am Sonntag wirklich 37 Grad herrschen, könnten viele Reutlinger eher den Weg ins benachbarte Freibad denn ins Stadion einschlagen. Und außerdem, sagt Poptsioglou, gebe es ja unweit noch ein Schlagerspiel: Um 15 Uhr wird auf dem Sportplatz an der Ringelbachstraße der Bezirksliga-Kick der Young Boys gegen die SG Reutlingen angepfiffen.

Zum ersten Mal hat Renate Zimmerer, Abteilungsleiterin im Sportgeschäft Vohrer, gestern in der Zeitung vom anstehenden Pokalspiel gelesen. Sie findet es „toll“ und kritisiert die „Informationspolitik“ der Reutlinger Medien. Azubi Adrijan Cefojevic (18) würde vielleicht vorbeischauen, wenn er nicht am Freitag in Urlaub führe. Nöttingen- oder Hannover-Fans gebe es aber in seinem Freundeskreis nicht.

„Ein Bundesligist in Reutlingen – das ist doch schon was“, findet Reinhold Hess, Betreiber des Kiosks am Markt: „Fußballfreunde wissen das und freuen sich drauf.“ Vor allem von den SSVlern, das wisse er von seiner Kundschaft, würden viele ins Stadion pilgern, um Hannover zu sehen.

Allein 60 davon werden sich am Sonntag als ehrenamtliche Helfer einbringen, berichtet Karsten Amann, CDU-Stadtrat und Präsident des Gesamtvereins SSV. Der Draht zum FC Nöttingen sei kurz und gut. Für den Oberliga-Konkurrenten lege sich der SSV gerne ins Zeug. Die Stadt Reutlingen profitiere vom DFB-Spiel, der Verein natürlich auch. Immerhin werde der Kick live von „Sky“ im TV übertragen und auch von der ARD aufgenommen. „Wir wollen, dass in unserem Stadion attraktiver Fußball stattfindet“, sagt Amann. 500 Karten seien bereits an Nöttinger, 600 nach Hannover verkauft worden. 4000 Zuschauer insgesamt, das wäre in Amanns Augen ein schönes Ergebnis und sei ein durchaus realistisches Ziel.

Daumendrücken für den David

Schnell noch einen Sprung zum Stadion an der Kreuzeiche, wo SSV-Geschäftsstellenleiterin Elke Armbruster im Endspurt der Vorbereitungen ordentlich gefordert ist. Dennoch kommt sie kurz mit aufs Grün im gut 15000 Fans fassenden, noch verwaisten Stadion. Der DFB hat es begutachtet und seinen Segen gegeben, der Rasen ist in Topform.

Armbruster freut sich auf den „sympathischen Herrn Slomka“, fiebert dem Spiel entgegen und drückt wie Amann und Löffler den Nöttingern die Daumen. Sollte die Sensation gelingen, würden alle den Aufwand gerne noch einmal betreiben. Vor allem dann, wenn dem FC in der zweiten Pokalrunde Dortmund, Schalke, Bayern oder gar der VfB zugelost würde.