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Holger Stanislawski zieht nach einem halben Jahr bei der TSG Hoffenheim Bilanz. Foto: dpa
Holger Stanislawski zieht nach einem halben Jahr bei der TSG Hoffenheim Bilanz
23.12.2011

Stanislawski: Krasse Eindrücke, Kannen von Kaffee

Zuzenhausen. Holger Stanislawski ist ein angenehmer Interview-Partner: aufmerksam, freundlich - und er trinkt nicht einmal Kaffee. Eine Seltenheit bei seinem Konsum. Der Trainer zieht eine kritische Zwischenbilanz seiner Tätigkeit beim Fußball-Bundeslisten 1899 Hoffenheim.

Die Jungs, so Holger Stanislawski, sollen «ruhig mal das Eis von der Autoscheibe kratzen». 1899 Hoffenheim fliegt in diesem Jahr nicht in ein sonniges Trainingslager gen Süden, sondern bleibt zu Hause. Die Profis des nordbadischen Fußball- Bundesligisten gelten ohnehin als etwas verwöhnt - von den Gehältern und den Trainingsbedingungen in Zuzenhausen. «Das war schon krass, dass hier alles emotionslos abging, dass hier alles sehr abgeschottet war», sagt Trainer Stanislawski in einem dpa-Interview. Für den 42-Jährigen fällt die Zwischenbilanz nach einer durchwachsenen Vorrunde kritisch aus: «Wir sind noch lange nicht da, wo wir hin wollen, wo wir in meinen Augen hin müssen.»

Nach zuletzt drei verschenkten Heimsiegen bei den Unentschieden gegen den 1. FC Kaiserslautern, SC Freiburg und Hertha BSC geht der Club als Tabellenneunter in die Winterpause, aber auch als Viertelfinalist im DFB-Pokal. Der Club steckt mitten in dem von Mäzen und Milliardär Dietmar Hopp angewiesenen Umbruch. «Wir müssen den Etat runterfahren, das ist wichtig. Dazu parallel sollte der sportliche Erfolg nicht runter gehen», sagt Stanislawski nach seinem ersten halben Jahr in Hoffenheim. «Wir müssen gucken, dass wir uns sportlich weiterentwickeln, und das hat nicht immer was mit der Etathöhe zu tun, sondern damit, wie man mit dem vorhandenen Potenzial arbeitet.»

Zuletzt hatte der Club auch mit sinkenden Zuschauerzahlen zu kämpfen, beim Pokalsieg diese Woche gegen Augsburg kamen nur 10 375 - Negativrekord in der neuen Rhein-Neckar-Arena. Spieler und Trainer klagten zudem über mangelnde Unterstützung durch die Fans. Das Image der Hoffenheimer ist nach der Lärmattacken-Affäre - mit einer speziellen Maschine sollten in der Arena die Schmähgesänge gegnerischer Fans übertönt werden - auch nicht besser geworden.

Stanislawski kämpft einerseits um mehr Nähe zu den Anhängern, sagt aber auch: «Der Club hat eine Zeit lang darum gebuhlt geliebt zu werden. Und das ist - glaube ich - der völlig verkehrte Weg. Wer Fan ist von der TSG 1899 - herzlich willkommen! Aber für Außenstehende, für Freiburger oder Stuttgarter, da gilt: Keiner muss uns lieben. Wir wollen für das respektiert werden, was wir jetzt auf die Beine stellen.»

Die langjährige Kultfigur des FC St. Pauli hat ihre internationalen Ambitionen mit 1899 nicht abgeschrieben. «Wir sehen, dass wir in der Lage sind, viele Mannschaften fußballerisch zu dominieren. Warum sollten wir deshalb nicht das Ziel haben, auch irgendwann mal die Europa League zu erreichen - vielleicht sogar mehr?»

Dem gebürtigen Hamburger geht es nach eigenen Aussagen «unheimlich gut» im beschaulichen Kraichgau. Seine Ehefrau Michelle wohnt noch in der Hansestadt, er selbst hat eine Wohnung im 2200-Einwohner-Dorf Zuzenhausen bezogen.

Der Ex-Profi hat nach dem Fußball-Professor Ralf Rangnick und dem blassen Bundesliga-Novizen Marco Pezzaiuoli einen neuen Umgangston in Hoffenheim eingeführt. «Ich bin auf die Leute zugegangen und ich glaube, das ist ganz, ganz wichtig. Da haben die gesagt: Endlich mal einer, der nicht unnahbar ist.» Allmählich haben sich die Angestellten im Dietmar-Hopp-Sportpark auch an den Kaffeekonsum des Trainers gewöhnt. «Ich rechne eigentlich nicht in Tassen, eher in Kannen. Drei kriege ich täglich weg.»