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Das Torwandschießen nahm Sebastian Kienle bei der PZ-Sportlerwahl wörtlich: Sechsmal schoss er auf die Torwand, kein einziges Mal in deren Löcher.
Das Torwandschießen nahm Sebastian Kienle bei der PZ-Sportlerwahl wörtlich: Sechsmal schoss er auf die Torwand, kein einziges Mal in deren Löcher.
Enttäuschung pur: Sebastian Kienle im Ziel des Ironmans auf Hawaii. Omori
Enttäuschung pur: Sebastian Kienle im Ziel des Ironmans auf Hawaii. Omori
30.10.2015

Triathlet Sebastian Kienle: „Ich konnte mich nicht genug quälen“

Sebastian Kienle erklärt, weshalb er auf Hawaii nur Achter wurde. Die lädierte Achillessehne lässt der Triathlet nicht als Ausrede gelten.

Eines lernte Sebastian Kienle in dieser Saison: mit Niederlagen umzugehen. Bei der WM über die Halbdistanz in Zell am See wurde der Triathlet genauso Zweiter hinter Jan Frodeno wie bei der EM über die Volldistanz in Frankfurt am Main. Anfang Oktober siegte sein deutscher Konkurrent auch beim Saisonhöhepunkt auf Hawaii – Kienle wurde Achter. Was für den 31-Jährigen aus Mühlacker vor zwei, drei Jahren noch ein erfolgreiches Jahr gewesen wäre, war nun, nach dem Vorjahrestriumph auf dem Alii Drive auf Hawaii, ein Rückschritt. Am Rande des Ehrungsabends zur PZ-Sportlerwahl, die Kienle nach 2014 auch 2015 gewann, sprach die „Pforzheimer Zeitung“ mit ihm über ...

... den Hawaii-Ironman 2015: Nur eineinhalb Minuten hinter Frodeno war Kienle aus dem Wasser gekommen – für ihn ein Spitzenwert. „Die Ausgangssituation war so gut wie noch nie“, weiß er. Es lief gut. Sehr gut: Auf dem Rad schloss der gebürtige Knittlinger schnell zur Spitze auf. „Dazu hatte ich im Hinterkopf, wie gut die Vorbereitung lief“, erinnert er sich. „Daher habe ich schon gedacht, dass die Titelverteidigung klappen kann.“ Doch dann kam der Einbruch – ausgerechnet auf dem Rad, seiner Paradedisziplin. „Aber gerade da konnte ich dieses Jahr nicht zeigen, was ich drauf habe.“ Zudem habe er gedacht, auf der Laufstrecke einige Minuten auf Frodeno aufholen zu können – doch der Kopf spielte nicht mit: „Wenn du ein paar Minuten Schwäche im Kopf hast und dem nachgibst, wenn du anfängst an die Hitze zu denken und an dir zweifelst – dann ist es vorbei.“ Kienles Fazit: „Ich konnte mich nicht genug quälen.“

... den Fluch des Vorjahressiegs: Von einem Fluch will Kienle zwar nichts wissen. Jedoch hätten sich die Voraussetzungen durch den Triumph 2014 verändert: psychisch und zeitlich. „Als ich das erste Mal auf Hawaii war und auf dem dritten Platz lag, war ich total euphorisiert. Du erwartest das nicht, das ist eine wahnsinnig tolle Situation.“ Als er nun aber nur noch Dritter, Vierter war, sei das Gefühl ganz anders gewesen: „Keine Euphorie mehr, man denkt, man läuft nur noch hinterher.“ Zudem habe er für Veranstaltungen, Sponsoren- und Medientermine viel Zeit geopfert. Zwar könne er selbst entscheiden, welche Anfragen er annehme. „Aber man will auch viel mitnehmen, weil man denkt, dass das vielleicht eine einmalige Sache war und man auf Hawaii nie wieder gewinnt.“ Gerade in der Rennwoche habe er versucht, all dies „brutal einzuschränken. Und trotzdem hatte ich jeden Tag zwei bis drei Termine, die ich nicht absagen konnte.“

... die Tage danach: Eine Woche auf der Hawaii-Insel Big Island, eine Woche Urlaub nebenan auf Maui, eine Woche in Mühlacker: So sah Kienles Urlaub nach dem Ironman aus. Dieser sei „deutlich entspannter“ als im Vorjahr gewesen. Denn nicht nur das Preisgeld, sondern auch alle Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf Frodeno, den Überflieger der Saison. Rund eine Woche lang spannt Kienle nun noch aus, danach geht das Training auf die kommende Saison schon wieder los. „Wichtig ist, nicht nur den Körper, sondern auch den Akku im Kopf wieder aufzuladen“, sagt er.

... seine Achillessehne: Freund und Konkurrent Frodeno war es, der nach dem Ironman als Einziger über Kienles Beschwerden sprach: „Er hatte wohl auch Achillessehnenprobleme, hat aber darüber nicht gesprochen“, sagte der 34-jährige Kölner. „Er ist ein echter Champion. Er sucht keine Ausreden.“ Auf PZ-Nachfrage bestätigt Kienle, dass er diese Probleme seit eineinhalb Jahren immer wieder habe. „Klar ist das im Kopf und beeinträchtigt deine Vorbereitung in irgendeiner Form.“ Mit der gereizten Sehne habe das enttäuschende Abschneiden auf Hawaii aber nichts zu tun: „Es wäre schön, wenn ich das als Ausrede hätte, diese Erklärung würde mir das Leben etwas leichter machen. Aber das kann ich leider nicht anführen.“ Dennoch liegt es an jener körperlichen Schwachstelle, dass er – anders als etwa 2013 – in diesem Jahr seine Saison Mitte Oktober beendete: “Er habe nun zwar „unheimlich Lust, jetzt noch ein Rennen zu machen, weil ich die tolle Form, das ganze Training, nicht verschenken will“. Doch genau dies sei gefährlich: „Es ist die richtige Entscheidung, Pause zu machen und der Sehne die Zeit zu geben, wieder zu 100 Prozent in Ordnung zu kommen. Das ist für nächstes Jahr deutlich wichtiger, als jetzt noch in der Weltgeschichte rumzufliegen und Rennen zu laufen, nur weil man ein tolles Gefühl unter dem Weihnachtsbaum haben will.“

... olympische Ambitionen: Frodeno, Peking-Olympiasieger von 2008, arbeitete sich im Ironman von der olympischen auf die Volldistanz nach oben: von 1,5 auf 3,86 Kilometer Schwimmen, von 40 auf 180 Kilometer Radfahren, von 10 auf 42,195 Kilometer laufen. Eine Entwicklung in die andere Richtung – etwa, um 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro zu starten – schließt Kienle für sich aus. „Sport ist eigentlich eine Einbahnstraße“, sagt er, mit zunehmendem Alter werde man langsamer und gehe daher eher auf immer längere Distanzen. Doch für sein „Nein“ zu Olympia gibt es noch einen anderen Grund: „Ich muss ganz klar sagen, dass für mich der olympische Gedanke nicht genug im Vordergrund steht. Nur fürs Dabeisein kann ich mich nicht dazu motivieren, mir jeden Tag in den Arsch zu treten.“ Zumal er seine aktuelle Situation – mit vielen Freiheiten, ohne verband, ohne Team , ohne undurchsichtiges Qualifikationssystem – sehr genieße und die olympische Distanz „auf dem Level, wie ich sie betreiben könnte, brotlose Kunst wäre. Da würde ich nur drauflegen.“ Über die lange Distanz verdiene er dagegen „gutes Geld. Und ich will nicht nach meiner Karriere wieder bei meinen Eltern einziehen, sondern drei, vier Jahre Zeit haben, mein Studium fertig zu machen und einen anderen Weg einzuschlagen.“