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Voll in seinem Element: Timo Siep bei einem Vorrundenspiel des Finales der Virtuellen Bundesliga.
Voll in seinem Element: Timo Siep bei einem Vorrundenspiel des Finales der Virtuellen Bundesliga.
Immer mehr Fußball-Vereine setze auf E-Sportler wie Timo Siep. Die Gamer sollen junge Menschen an das Kerngeschäft heranführen – und bringen so Geld ein.
Immer mehr Fußball-Vereine setze auf E-Sportler wie Timo Siep. Die Gamer sollen junge Menschen an das Kerngeschäft heranführen – und bringen so Geld ein.
17.08.2018

VfB Stuttgart setzt auf E-Sportler: Der neue Star an der Seitenlinie

Der VfB Stuttgart geht nicht nur in der Bundesliga auf Punktejagd, sondern schießt auch in der virtuellen Welt Tore. Dafür haben die Schwaben nun die beiden E-Sportler „Dr. Erhano“ und „Marlut“ unter Vertrag genommen. In der Virtuellen Bundesliga treten sie auch gegen Timo Siep an, der für den VfL Wolfsburg professional Fifa spielt. Der Star der Szene gibt Einblicke in seinen ungewöhnlichen Alltag und ein Geschäft, das Millionen schwer ist.

Timo Siep sitzt vorgebeugt auf einem Sessel, nur seine Daumen bewegen sich. Sein Gegner sitzt neben ihm. Beide halten Controller. Sie drücken Tasten, ihr Puls rast, auf den Monitoren vor ihnen schießen kleine Fußballer Tore – wertvolle Tore. Es geht um 25.000 Euro Preisgeld und den Meistertitel in der Virtuellen Fußball-Bundesliga. Der Sportsender Sport1 überträgt das Match aus dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund live ins Internet.

Die beiden jungen Männer spielen Fifa. Timo möchte unbedingt gewinnen - für sich selbst, seine Fans und für seinen Arbeitgeber, den Fußballverein VfL Wolfsburg. Der zahlt dem 20-jährigen Kölner jeden Monat einige Tausend Euro, damit er täglich trainieren kann.

Wie Wolfsburg und der VfB Stuttgart haben in den vergangenen zwei Jahren immer mehr Fußballclubs Profi-Gamer unter Vertrag genommen: Schalke, Leipzig, Bochum, Nürnberg, Bayer Leverkusen, Hertha, Köln. Sie alle wollen auf der Trend-Welle reiten. Und natürlich möchten sie im digitalen Topsport Geld verdienen mit Sponsoren und Fans.

Rund um den Globus verfolgen Millionen Menschen die Turniere von E-Sportlern im Netz oder in Stadien. Tendenz steigend. Auch die weltweiten Umsätze mit Werbung, Sponsoring, Turniertickets, Medienrechten und Fanartikeln der E-Sport-Branche wachsen: Von 325 Millionen Dollar (rund 280 Millionen Euro) 2015 auf fast 655 Millionen Dollar 2017, wie das internationale Marktforschungsinstitut Newzoo schätzt. Vor dem Hintergrund dieses Booms begeistert das Modewort digital auch manche Manager von Bundesligavereinen. Sie wollen digitaler werden. Bei Wolfsburg kümmert sich Christopher Schielke um das Thema E-Sport: „Es ist heute schwierig, junge Leute ausschließlich über den klassischen Sport zu erreichen“, sagt er. „Wir hoffen, dass E-Sport langfristig unser Kerngeschäft des Fußballs unterstützen wird.“

Wolfsburg bezahlt neben Timo noch zwei Gaming-Profis – sowie Manager und Betreuer. Außerdem fördert der Verein drei Nachwuchsspieler, die er in Casting-Turnieren ausgewählt hat. In einer sogenannten Gaming-Akademie neben dem Stadion sollen sie geschult werden. Schalke 04 hat ebenfalls eine Vorreiterrolle. Andere Clubs investieren weniger: Sie lassen zum Beispiel Studenten für kleines Geld in ihren Trikots zocken. Und Hertha BSC bildet vorerst nur Jugendliche zu Profis aus. Wieder andere lehnen E-Sport ab. Noch immer ringt der FC Bayern bei dem Thema mit sich selbst.

Timo Siep überträgt jede Woche mehrere Stunden seines Trainings und seine Online-Wettkämpfe ins Internet. Früher wollte er Profi-Kicker werden. Aber diesen Traum hat er aufgegeben, nachdem er sich auf dem Rasen den Arm gebrochen hatte.

„Papa war stolz“

Das Gamingfieber packte Timo bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Von seinen Eltern hatte er sich danach sein erstes Fifa-Spiel gewünscht. „Manchmal habe ich so viel gespielt, dass meine Eltern die Playstation versteckten“, sagt Timo. Im Gymnasium zockte Timo dann jedes Wochenende Online-Turniere, bei denen der Gewinner 100 Euro kassierte. „Andere gehen halt kellnern“, sagt er. Mit 17 wurde er zum ersten Mal deutscher Meister, brachte einen großen silbernen Pokal und 800 Euro nach Hause. „Papa war stolz und hat sofort Fotos in den Familienchat geschickt“, erinnert sich Timo.

Kurz nach seinem 18. Geburtstag unterschrieb er das Angebot der Agentur Stark eSports. Sie betreut außer ihm auch mehrere E-Athleten anderer Bundesligisten und entwickelt mit mehreren Clubs E-Sport-Strategien. Timo holte nochmals den Meistertitel. Seine Agentur vermittelte ihn an den VfL. Seine Schule konnte Timo überzeugen, dass er statt des Mathe-Abis ein großes Turnier spielen und die Klausur nachholen durfte.

Inzwischen hat Timo mehr als 50.000 Euro Preisgeld gewonnen, wie er erzählt. Dazu kommt sein Monatsgehalt vom VfL Wolfsburg. Er leistet sich Markenklamotten, ein Auto und Strandurlaube. „Ich lade auch mal meine Eltern zum Essen ein“, sagt Timo.

Doch viele E-Sportler leiden auch an Rückenschmerzen. Abgesehen von guter Ernährung und Fitness wissen Sportwissenschaftler aber noch nicht genau, wie man mit E-Sportlern am besten für Hochleistungen trainiert, sagt Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln. Er testet zurzeit mit Gamern des 1. FC Köln Finger- und Konzentrationsübungen sowie Nackentraining. Er bilanziert: „Die Jungs zocken besser, wenn sie nach zwei, drei Stunden Pause machen, aber vielen ist das noch nicht bewusst.“

Im Sommer kommt regelmäßig eine neue Version des Fifa-Spiels heraus. Timo trainiert dann zunächst fünf, sechs Stunden pro Tag. Am Abend zockt er ab und zu noch ein Online-Turnier. Oder er entspannt mit Freunden, geht in einen Club oder eine Shisha-Bar. Jedes Wochenende muss er zudem 40 Online-Spiele absolvieren, um sich für Turniere zu qualifizieren. Ab und zu tut er auch etwas für seine Muskeln im Sportstudio. Bei öffentlichen Turnieren zockt Timo nicht nur, sondern muss sich auch vor ein Auto des Vereinssponsors stellen, die Wolfsburg-Fans in einer Video-Nachricht grüßen, mit Fans Selfies machen und Autogramme geben. Etwa für Marc. Der 14-Jährige zockt jeden Tag nach der Schule mit Klassenkameraden das gleiche Fifa-Spiel wie Timo. Er meint: „E-Sportler sind viel netter und nicht so arrogant wie echte Fußballer.“