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Sport, Spaß und Wettstreit im Training des TV Ispringen: Max Mahler beim Torwurf. Foto: J. Müller
Sport, Spaß und Wettstreit im Training des TV Ispringen: Max Mahler beim Torwurf. Foto: J. Müller
Mattis Gräf, Luis Gräf und Magnus Langkabel im Kampf um den Ball. Foto: J. Müller
Mattis Gräf, Luis Gräf und Magnus Langkabel im Kampf um den Ball. Foto: J. Müller
13.02.2019

WM hat die Handball-Begeisterung angefacht: Was bleibt von der Hochstimmung?

Pforzheim. Wieder einmal hat eine Weltmeisterschaft in Deutschland die Handball-Begeisterung angefacht. Doch was bleibt von der Hochstimmung, die die begeisternden Auftritte der deutschen Mannschaft im Januar begleitete?

Rennen Kinder und Jugendliche plötzlich scharenweise zum Training in die Halle? Wie können die Vereine vom Boom profitieren – und was können sie selbst dafür tun?

Die PZ hat bei vier Menschen nachgefragt, die den Handballsport vor Ort bestens kennen: Bei Thomas Dörflinger (56 Jahre), Vorsitzender des Handballkreises Pforzheim; bei Wolfgang Taafel (67), Abteilungsleiter Handball beim Drittligisten TGS Pforzheim; bei Beate Lupus (52), Mitglied der Jugendleitung bei der im Nachwuchsbereich sehr erfolgreichen SG Pforzheim/Eutingen; und bei Florian Mühlebach (32), Jugendleiter bei den Handballern des TV Ispringen.

Wie groß ist der zusätzliche Andrang in den Jugendabteilungen der Vereine nach der WM?

Der Andrang ist eher überschaubar. „Im Verein merkt man nichts“, sagt Wolfgang Taafel von der TGS Pforzheim. Ispringens Florian Mühlebach macht, wenn überhaupt, vereinzelte Nachfragen aus. Er sagt aber auch: „Wir freuen uns über jedes Kind, das zusätzlich kommt, auch wenn wir nicht wissen, ob es in einigen Monaten überhaupt noch da ist.“

Profitieren die Vereine in anderer Art und Weise von der neuen Handball-Begeisterung?

Wolfgang Taafel glaubt, dass schon ein paar Leute mehr als Zuschauer in die Halle kommen, weil sie durch die WM-Übertragungen Lust auf das Live-Erlebnis Handball bekommen haben. Wenn dann die TGS Pforzheim, wie am Samstag geschehen, diese neuen Zuschauer mit einem Heimsieg über den Tabellenführer begeistert, kann durchaus auch eine längerfristige Bindung entstehen. Taafel versucht zudem, mit Sonderaktionen und Freikarten neue Zuschauer in die Halle zu locken. Auch Beate Lupus von der SG bekommt verstärkt positive Rückmeldungen, will daraus aber keine zu großen Erwartungen ableiten.

Wie werden die Vereine selbst aktiv, um Nachwuchs zu finden?

Der Kreisvorsitzende Thomas Dörflinger weiß, was die Vereine vor Ort leisten, um Nachwuchs zu gewinnen. Müssen sie auch, um dem Trend entgegenzuwirken: „Es gibt immer weniger Kinder pro Jahrgang, die wachsende schulische Belastung spielt auch eine Rolle, die Zahl der gemeldeten Mannschaften ist rückläufig“, berichtet Dörflinger. Immer häufiger müssen Spielgemeinschaften gegründet werden, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Besonders aktiv bei der Suche nach jungen Handballern ist die SG Pforzheim/Eutingen. Derzeit gibt es Kooperationen mit acht Schulen und zehn Kindergärten. Diese Aktionen sind nachhaltig, laufen aber Jahr für Jahr, unabhängig vom Abschneiden der Nationalmannschaft bei Großereignissen. Ähnliches berichtet auch Florian Mühlebach. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sein Ispringer Verein mit Mads Mensah Larssen und Filip Taleski zwei Handballer vom Bundesligisten Rhein-Neckar-Löwen im Kindertraining zu Gast. Solche Aktionen kommen gut an, motivieren die jungen Sportler. Auch der TVI schickt seine Jugendtrainer immer wieder in die Schulen.

Sind auch die Landesverbände gefordert, um die von der WM entfachte Begeisterung zu nutzen?

In den Vereinen hat man wenig Hoffnung, dass von Verbandsseite Hilfe kommen könnte. Letztlich müsse man die entscheidenden Schritte immer vor Ort machen. „Der Verband ist da teilweise einfach zu weit weg“, sagt Wolfgang Taafel von der TGS, der eher die Medien in der Pflicht sieht. Er glaubt, dass auf lange Sicht nur eine flächendeckende Berichterstattung über den Handball der Sportart weiterhelfen könnte. Aber auch er hat festgestellt, dass die TV-Sender den Handball nach der WM wieder recht stiefmütterlich behandeln. Die Fernsehanstalten neigen halt dazu, ihre Auswahl stark an den Quoten zu orientieren. Und diese Quoten scheinen die Handball-Übertragungen abseits von WM, EM und Olympia nicht zu bieten.

Sollen die Handball-Clubs im Kampf um Nachwuchs verstärkt auf Kinder mit Migrationshintergrund setzen?

In der Theorie klingt das gut, in der Praxis ist es wohl schwer umzusetzen. Dabei ist der große Konkurrent Fußball eigentlich das Paradebeispiel dafür, wie man solche Kinder integriert. Ohne Nachwuchskicker mit Migrationshintergrund gäbe es viele Jugendmannschaft im Fußball schon lange nicht mehr. Fußball hat aber einen unschlagbaren Vorteil: Man braucht eigentlich nicht mehr als zwei Jungs (oder Mädchen) und einen Ball. Handball dagegen ist kein klassischer Straßensport. Das Regelwerk ist viel komplexer, außerdem bräuchte man sechs bis acht Kinder, um ein halbwegs vernünftiges Spiel aufzuziehen. Hinzu kommt, dass in einigen Ländern Südeuropas, wie zum Beispiel der Türkei, Handball kaum ein Rolle spielt. Aus der Türkei kommen aber viele Migranten nach Deutschland. „Der Weg zum Fußball“, sagt Wolfgang Taafel, „ist für die Kinder letztlich immer viel einfacher. Kicken kann man überall.“

Thomas Dörflinger glaubt dennoch, dass man auch Migrantenkinder verstärkt für den Handball gewinnen kann. „Wir müssen dahin gehen, wo diese Kinder sind: in die Schulen und Kindergärten.“ Zugleich räumt der Kreisvorsitzende aber auch ein: „Vielleicht fehlt da einfach noch die zündende Idee.“