nach oben
Das australische Element im B-Jugend-Team: Vater Paul Langenberg und Sohn Jackson mit Gastgeberin Bettina Santaniello.  Foto: Ketterl
Das australische Element im B-Jugend-Team: Vater Paul Langenberg und Sohn Jackson mit Gastgeberin Bettina Santaniello. Foto: Ketterl
Multikulti im Handball: Trainer Alexander Bossert (hinten, Sechster von rechts) und seine B-Jugendlichen zeigen die Flaggen der Länder, in denen die Spieler ihre familiären Wurzeln haben. Foto: Ketterl
Multikulti im Handball: Trainer Alexander Bossert (hinten, Sechster von rechts) und seine B-Jugendlichen zeigen die Flaggen der Länder, in denen die Spieler ihre familiären Wurzeln haben. Foto: Ketterl
28.10.2016

Weite Welt des Handballs bunter und multilultureller als gedacht

Als die deutschen Handballer Anfang Februar 2016 Weltmeister wurden, war die Freude im Lande groß. Ähnlich groß war kurz darauf der Ärger, den eine Kolumne der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ auslöste. Der Publizist und Philosoph Wolfram Eilenberger schrieb damals über Handball: „Ehrlicher Sport von ehrlichen Männern für ehrliche Bürger, herzhaft, blutnah, widerständig.“ Zur Abgrenzung von den deutschen Fußballern, die mit einer Multi-Kulti-Truppe 2014 Weltmeister geworden waren, warf Eilenberger einen Blick auf das Mannschaftsfoto der Handballer: „Das frische Erfolgsteam hat keinen einzigen Spieler mit dunkler Hautfarbe oder auch nur südländischem Teint. Es handelte sich, mehr noch, um eine Mannschaft ohne jeglichen Migrationshintergrund. 100 Prozent kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft.“

Eilenberger verortete Handball sogar politisch in der rechten Ecke. „Wenn Fußball Merkel ist, ist Handball Petry“, schrieb er mit Blick auf die rechtspopulistische „Alternative für Deutschland“ und deren Chefin Frauke Petry. Eilenbergers Fazit: „Handball als Alternative für Deutschland? Danke, nein.“

Die Aufregung nach Veröffentlichung der Kolumne war in der Handball-Szene groß und die politische Verortung in der rechten Schmuddelecke eine ungerechte Zuweisung. Richtig ist aber, dass im Handball Spieler mit Migrationshintergrund eher die Ausnahme sind. Andere Sportarten in Deutschland hingegen wären ohne ausländische Jugendliche vom Aussterben bedroht. Das hat auch die Serie „Integration durch Sport“ der „Pforzheimer Zeitung“ im Frühjahr 2016 aufgezeigt.

Doch wie fast immer im Leben gilt: keine Regel ohne Ausnahme. Die Ausnahme ist die B-Jugend der SG Pforzheim/Eutingen. Es ist schon eine kleine Weltauswahl, die Trainer Alexander Bossert beisammen hat, mit Spielern von vier Kontinenten und aus zehn Nationen. Als das Team sich zum Gruppenbild versammelt, haben sie – teils handgemalte – Fahnen mitgebracht: Thailand, Italien, Israel, Australien, Kroatien, Russland, Bangladesch, Polen, Kolumbien – und natürlich Deutschland. Selbst die badische Fahne darf nicht fehlen.

Exotische Länder

Auffällig ist: Viele junge Spieler bei der SG haben ihre Herkunft in Ländern, in denen Handball als Exoten-Sportart gilt. So wie der in Deutschland geborene Florian Khan mit familiären Wurzeln in Bangladesch: „Ein Kumpel hat mich zum Training mitgenommen, dann hat mich der Ala erworben“, sagt er und lacht. Ala – so rufen sie bei der SG Trainer Alexander Bossert. Andere trieb die Neugier ins Handballtraining. Juan Pablo Ruberg, in Kolumbien geboren, dachte sich: „Ich probiere es einfach mal aus.“

Manch einer muss aber auch einen Umweg gehen. In der thailändischen Heimat von Thatree Ludwig wird eher Basketball und Fußball gespielt. So begann der junge Sportler zunächst auch in seinem südbadischen Wohnort Ottersweier mit dem Fußball – als Torhüter. Dann aber sah er ein Handballspiel und entschloss sich zum Wechsel. Jetzt hütet er in Pforzheim das Tor bei der B-Jugend. Gibt es in Thailand überhaupt Handball? „Bestimmt irgendwo, aber ich habe noch nie davon gehört“, sagt Thatree.

In Australien wird Handball gespielt. Aber Paul Langenberg schätzt die Zahl der Ballwerfer „down under“ auf lediglich 500. Zwei davon sind seine Söhne Jackson (16) und Hemish (17). Paul Langenberg ist australischer Junioren-Nationaltrainer und derzeit mit Jackson in Pforzheim, wo er Mitglied der Multi-Kulti-SG-Jugend ist, um sich sportlich weiterzuentwickeln,

Kontakt über Auswanderer

Die Langenbergs sind ein Beleg dafür, wie klein doch bisweilen die Welt ist. Dass sie in der Goldstadt gelandet sind, hat auch mit Thomas Zeilmeier zu tun, der einst von Pforzheim nach Australien auswanderte. Er vermittelte die Kontakte in seine Heimatstadt und zur Ispringerin Bettina Santaniello, die jetzt als „Herbergsmutter“ Gastgeber der Australier ist. Denen gefällt es hier in Deutschland. Nur mit dem Wetter hadert der 16-jährige Jackson manchmal: „Es ist so kalt hier. Das Wetter hier im Sommer ist so wie bei uns daheim im Winter.“

Wie aber kommt es, dass sich in der B-Jugend der SG die Nationalitäten so stark mischen. Immerhin elf der 30 Spieler haben ihre Wurzeln außerhalb von Deutschland. Zufall? „Ja“, sagt Alexander Bossert. Sprachlich gibt es keine Probleme. Die meisten seiner jungen Handballer sind in Deutschland aufgewachsen. Und mit Jackson Langenberg wird im Training englisch gesprochen. Einige seiner Mitspieler hatten zwar zunächst Hemmungen. „Aber die sind alle bald aufgetaut“, so Bossert.

Höhere Hürden

Der Trainer weiß, warum für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund die Hürde Richtung Handball höher ist als bei anderen Sportarten. Fußball ist eine weltweit verbreitete und beliebte Sportart, anders als der Handball, der schon in südeuropäischen Ländern wie Türkei, Griechenland und Italien keine große Rolle spielt und außerhalb Europas nur in wenigen Ländern populär ist. Handball ist auch kein Straßensport, den man problemlos immer und überall spielen kann. Und Handball ist von seinem Regelwerk und seiner Spielstruktur komplexer als zum Beispiel Fußball.

Doch Bossert weiß auch, dass sich die Handballer in Zukunft stärker um Kinder mit Migrationshintergrund bemühen müssen, gerade in einer Stadt wie Pforzheim, wo der Anteil ausländischer Jugendlicher besonders hoch ist. Deshalb engagiert sich die SG wie kaum ein anderer Verein in Kooperationen mit Schulen.

Einladung zum Sabbat

Bossert kennt auch die Hürden, die es zu überwinden gilt. „Ein Vereinsleben wie hier bei uns in Deutschland gibt es in vielen anderen Ländern nicht“, weiß er. Dabei sieht er selbst, wie der Austausch der Kulturen im Sport allen zugute kommt. „Jeder kann etwas einbringen.“ So wie Juwal Dattner, der aus einer strenggläubigen jüdischen Familie kommt. Einmal hat er seine Mitspieler am Freitagabend zur Sabbat-Feier nach Hause eingeladen. Alexander Bossert findet das gut: „Denn wir müssen offen sein für alles“.