760_0900_97423_Chris_Treister_Quarterback_03.jpg
Nicht nur den Ball hat Chris Treister bei den Wilddogs im Griff. Foto: Meyer
760_0900_97424_Chris_Treister_2E9J0389Wilddogs_mit_Fehls.jpg
Ein Mann, ein Team: Als Führungsfigur der Pforzheim Wilddogs ist Chris Treister nun in doppelter Funktion als Spielmacher und Cheftrainer gefordert. Foto: PZ-Archiv/J. Keller

Wilddogs-Coach Chris Treister: „Ein Footballteam ist kein Ponyhof“

Pforzheim. Wenn der Vorsitzende Kai Höpfinger von den American Football spielenden Pforzheim Wilddogs von seinem Quarterback Chris Treister spricht, kommt er ins Schwärmen. Kein Wunder, dass der Drittligist den Spielmacher jetzt auch zum Cheftrainer beförderte. Vor dem ersten Heimspiel der Saison am Sonntag gegen Stuttgart sprach die PZ mit dem Footballer.

PZ: Herr Treister, als Quarterback sind Sie nun in Personalunion auch Chefcoach. Wie ist das, wenn man vom Mitspieler zum Vorgesetzten wird?

Chris Treister: Das ist eine gute Frage. Ich habe so viele Ziele als Coach und als Quarterback. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich mehr Verantwortung habe, aber auch, dass ich mehr Unterstützung von der ganzen Wilddogs-Familie bekomme.

PZ: Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Ihnen die Doppelbelastung zu viel wird?

Chris Treister: Diese Frage sollte ich besser nicht beantworten (lacht). Manchmal ist es schön, wenn die Belastung zu groß ist. Manchmal habe ich so viele Projekte parallel. Aber um zu gewinnen, muss der Quarterback nicht nur gut spielen, sondern auch sicher spielen. Er muss für die Mannschaft da sein. Dieses Jahr ist ein Versuch mit der Doppelbelastung. Bisher läuft aber alles ganz okay.

Hier geht es zur >>> Vorschau auf die ersten Spiele <<< der beiden Pforzheim-Wilddogs-Teams in Regional- und Kreisliga.

PZ: Sie haben als Spieler selbst schon viele Trainer erlebt. Was macht denn einen guten Cheftrainer aus?

Chris Treister: Ein guter Coach ist jemand, der nicht nur die Theorie beherrscht, sondern seine Ideen auch weitergeben kann, erklären kann. Nicht nur dem Team, sondern auch den anderen Trainern. Wir haben oft verschiedene Meinungen und Ideen, aber wir müssen am Ende alle in die gleiche Richtung gehen. Da muss man sich auch die Zeit nehmen, persönliche Gespräche zu führen. Es ist wichtig, um das Team zu modellieren.

PZ: Wo ist da Konfliktpotenzial?

Chris Treister: Ganz wichtig für uns ist es, dass wir uns klar an die Regeln halten. In meinem Beruf bin ich Projektmanager. Da haben wir ein Organigramm, darin ist klar definiert, wer was macht. An diese Regeln müssen wir uns halten. Die New England Patriots haben da einen Spruch: Do Your Job – Mach Deine Arbeit. Wenn jeder das macht, was er soll, gibt es keine unguten Einmischungen in andere Bereiche. Natürlich bin ich nicht immer einer Meinung mit den anderen Coaches. Aber wir sprechen darüber. Wir haben eine klare Hierarchie. Das mag man gut oder schlecht finden, das ist keine Demokratie. Letztlich habe ich das Sagen und das letzte Wort. Aber ich bin immer offen für Gespräche, wenn es Probleme gibt.

PZ: Der Quarterback ist normalerweise der Führungsspieler auf dem Platz? Was muss man für diese Position mitbringen?

Chris Treister: Quarterback ist wirklich eine besondere Rolle. Da geht es nicht nur darum, dass ich den Ball gut werfen kann oder mit dem Ball gut laufen kann. Ich bin eine Schnittstelle zwischen Coaches und Spielern, wenn ich auf dem Platz stehe. Ich bin ein Coach auf dem Feld. Ein Quarterback muss wissen, was jeder macht, der auf dem Platz steht, wenn der Spielzug beginnt. Quarterbacks müssen immer auf Zack sein. In Amerika verdienen sie deshalb viel Geld. Es ist eine besondere Rolle, aber die Verantwortung ist auch riesig.

PZ: Was darf man auf keinen Fall als Quarterback tun?

Chris Treister: Es ist ganz wichtig, vorbildlich zu handeln. Alle schauen auf Dich. Gibst Du nur 90 Prozent, denken die anderen, dass sie auch nur 90 Prozent geben müssen. Wichtig ist auch, wie man sich verhält, wenn man Fehler gemacht hat. Wenn man als Quarterback zum Beispiel eine Interception wirft. Wenn ich dann mit meiner Körpersprache den anderen meine Enttäuschung signalisiere, ziehe ich alle mit runter.

PZ: Und was muss man als Chefcoach mitbringen?

Chris Treister: Man muss die Fähigkeit haben, strukturiert zu arbeiten. Und man muss auch in der Lage sein, schwierige Gespräche zu  führen. Ein Footballteam ist kein Ponyhof. Du hast immer Probleme, Du hast immer Leute, die glauben, sie wissen es besser. Du musst Entscheidungen treffen und Du musst das tun, was Du sagst. Ich sehe bei mir selbst, wie ich gelernt habe, schnelle Entscheidungen zu treffen, auch und gerade, wenn Du fünf verschiedene Meinungen von Spielern und Trainern hast. Wenn man das nicht kann, wird es schwierig.

PZ: Ein wichtiges Thema beim Football ist die Auswahl der Spielzüge. Das macht Offense-Coordinator Tobias Scheurer bei Eurch. Gefällt Ihnen, was er ansagt? Oder können Sie den Spielzug auf dem Feld spontan noch ändern?

Chris Treister: Das kommt auf die Situation an. Meistens hat Tobi zu hundert Prozent mein Vertrauen. Er kann ja auch Dinge gesehen haben, die ich nicht sehe. Aber es kann sein, dass ich anhand der Abwehrformation des Gegners auf dem Feld sehe, dass der angesagte Spielzug nicht funktioniert. Da habe ich Grünes Licht von ihm, den Spielzug zu ändern. In Heilbronn habe ich das ein paar Mal gemacht. Damit hat er überhaupt kein Problem. Aber wir reden im Nachhinein immer darüber.

PZ: Zum Auftakt gab es in Heilbronn vier Pass-Touchdowns und keinen Lauf-Touchdown – Zufall, oder ein Hinweis darauf, dass die Wilddogs in dieser Saison vor allem durch die Luft erfolgreich sein werden?

Chris Treister: Ich bin von unserem Laufspiel sehr beeindruckt. Ich verstehe eigentlich gar nicht, dass wir keinen Lauf-Touchdown geschafft haben. Wir waren mit dem Laufspiel sehr erfolgreich, aber auch in der Luft. Mein Ziel ist, das wir die volle Balance haben – 50 Prozent Lauf, 50 Prozent Pass. Wir haben super Receiver, wir haben mit Devon Sanders einen guten Runningback aus den Staaten geholt.

PZ: Welche Vorbilder haben Sie als Quarterback?

Chris Treister: Als ich jünger war, habe ich Steve Young und Dan Marino gemocht. Mit acht sind wir nach Maine gezogen, in die Nähe der New England Patriots in Boston. Ich habe Tom Brady immer dafür bewundert, wie fleißig er war. Aber einen richtigen Lieblings-Quarterback hatte ich eigentlich nie.

PZ: Gibt es einen Trainer, den sie bewundern?

Chris Treister: Meine Vorbilder waren zwei Coaches, die ich in der Highschool hatte. Die waren sehr streng, Struktur war wichtig. Ich habe da viel gelernt. Als ich mal versucht habe, im Training das Trikot so zu tragen, dass es besonders cool aussieht, kam einer von Ihnen zu mir und hat gesagt: „Du Chris, hast Du bemerkt, dass bei Dir etwas anders ist, dass Du Dein Trikot anders trägst. Hör auf mit dem Scheiß. Wir sind alle gleich.“ Das habe ich nie vergessen. Dort habe ich gelernt, wie wichtig die Mannschaft ist.

Zur Person:

Chris Treister wuchs in seiner Heimat USA in Chicago auf, ehe seine Familie an die Ostküste nach Maine umsiedelte. 2015 zog es den Football-Spieler nach Deutschland – der Liebe wegen.

Mit Vanessa, einer Schwäbin, ist er inzwischen verheiratet. Beruflich ist er bei Thost-Projektmanagement in Pforzheim fest verankert. Bei den Wilddogs spielt er - mit einer studienbedingten Unterbrechung – seit vier Jahren Quarterback. Jetzt beförderte der Club den 30-Jährigen zusätzlich zum Cheftrainer. Unter seiner Regie soll eine kontinuierliche Aufbauarbeit gewährleistet sein. ok

Die Spiele-Vorschau

American Football: Erstes Heimspiel für Pforzheim Wilddogs gegen Aufsteiger Stuttgart