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Schwer bewaffnet durchsuchten Polizisten verschiedene Gebäude in Halle. 
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Polizisten mit Schutzhelmen übersteigen in Halle eine Mauer am jüdischen Friedhof. 
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Die Polizei ist mit einer Vielzahl von Beamten im Einsatz. 
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Ausnahmezustand in Halle: Unbekannte erschießen mitten in der Stadt zwei Menschen und flüchten. Das Motiv ist noch völlig unklar. 

Antisemitischer Angriff in Halle mit zwei Toten: Was wir wissen und was nicht

Halle. Beim Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss hat ein mutmaßlicher Rechtsextremist in Halle/Saale zwei Menschen erschossen. Viele Fragen zu der Gewalttat sind noch ungeklärt.

WAS WIR WISSEN

Bei einem antisemitischen Angriff sind zwei Menschen in Halle/Saale erschossen worden. Außerdem wurden nach Angaben von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mehrere Menschen verletzt. Ein rechtsextremistisches Motiv sei sehr wahrscheinlich. Die aktuelle Erkenntnislage erlaube es aber noch nicht, die Tat abschließend einzuordnen.

Ein schwer bewaffneter Täter hatte am Mittag versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen. Er scheiterte jedoch. Er legte bei dem Angriff nach Informationen aus Sicherheitskreisen auch selbstgebastelte Sprengsätze vor der Synagoge ab. Es seien mehrere Schüsse gefallen. In dem Gotteshaus feierten zu dem Zeitpunkt Dutzende Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

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Großer Polizeieinsatz in Halle: Zwei Menschen erschossen

Synagoge als Ziel

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, sagte, über die Kamera der Synagoge sei zu sehen gewesen, wie der Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht habe, die Türen aufzuschießen. Außerdem hätten der oder die Täter versucht, das Tor des benachbarten jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte Privorozki.

Ein Todesopfer wurde auf einer Straße in der Nähe der Synagoge in der Innenstadt gefunden. Die Frau wurde nach dpa-Informationen vor dem jüdischen Gotteshaus von den tödlichen Schüssen getroffen. Außerdem habe es einen männlichen Toten im oder an einem Döner-Imbiss gegeben. Nach Augenzeugenberichten soll ein Mann in einem Kampfanzug mit einem Gewehr in den Döner-Laden geschossen und einen Besucher getötet haben. Der Imbiss befindet sich rund 600 Meter entfernt von der Synagoge.

Schüsse auch in Landsberg

Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse, bestätigte eine Polizeisprecherin in Halle. Menschen sollen auch hier Gebäude und Wohnungen nicht verlassen, hieß es. Die Zufahrt zum Ortsteil Wiedersdorf war am Mittwoch abgesperrt. Zuvor waren auch in der Ortschaft Schüsse gefallen, wie eine Sprecherin der Polizei Halle der dpa bestätigte. Zu den näheren Umständen des Vorfalls in dem Ort östlich von Halle wollte sie zunächst nichts sagen.

Mehrere Mannschaftswagen der Polizei, darunter auch Fahrzeuge aus Sachsen, waren vor Ort. Auch zwei Krankenwagen waren zu sehen. Am Mittwochnachmittag gegen 16.00 Uhr landetet auf einem Feld bei Wiedersdorf nach Angaben eines dpa-Reporters zudem ein Hubschrauber der Bundespolizei. Angaben zu den Hintergründen machte die Polizei nicht. Sie verwies auf die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die die Ermittlungen übernommen hat.

Mutmaßlicher Täter: 27-jähriger Deutscher

Im Universitätsklinikum Halle werden Angaben eines Sprechers zufolge zwei Verletzte behandelt. Dabei handele es sich um einen Mann und eine Frau. Beide hätten Schussverletzungen, seien aber außer Lebensgefahr.

Bei dem mutmaßlichen Täter soll es sich nach dpa-Informationen um den 27 Jahre alten Stephan B. handeln. Es soll deutscher Staatsangehöriger sein. Der Mann war den Behörden ersten Informationen zufolge bisher nicht als Teil der rechtsextremen Szene in Sachsen-Anhalt aufgefallen.

Nach dpa-Informationen deutet alles auf einen Einzeltäter hin. Er wurde am frühen Nachmittag festgenommen. Die Polizei hatte zuvor mitgeteilt, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Medien hatten Fotos und Videos veröffentlicht, die aber nur einen maskierten Schützen zeigten. Auch Augenzeugen sprachen nur von einem Täter.

Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. Sie ermittelt wegen Mordes von besonderer Bedeutung.

Die Stadt Halle sprach am Nachmittag von einer «Amoklage». Erst am Abend gegen 18.15 Uhr hob die Polizei ihre Warnung vor einer akuten Gefährdungslage für die Bevölkerung auf.

WAS WIR NICHT WISSEN

Der mutmaßliche Täter der Angriffe in Halle/Saale soll in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben. Das insgesamt knapp 36 Minuten lange Video liegt dpa vor. Bis zum Abend gab es keine Bestätigung der Behörden dafür, dass es sich bei dem Mann im Video um den Attentäter handelt. Zu sehen ist ein junger Mann mit kahlem Schädel in Kampfmontur.

In dem am Mittwoch verbreiteten Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird. Unter anderem wird gezeigt, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera.

Noch wenig Informationen über die Opfer

Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt, ebenso wie die Identität der Getöteten und der Verletzten.

Ob die vor der Synagoge getötete Frau und der beim Döner-Imbiss erschossene Mann zufällig zu Opfern wurden oder vom Täter gezielt angegriffen wurden, ist noch unklar.

Zu den Umständen der Flucht und der Festnahme des mutmaßlichen Täters gab es zunächst keine offiziellen Angaben.

Offen blieb zunächst auch, wie der Täter zu seinen Waffen kam.

Schüsse auch in Landsberg östlich von Halle

Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse, bestätigte eine Polizeisprecherin in Halle. Menschen sollen auch hier Gebäude und Wohnungen nicht verlassen, hieß es. Die Zufahrt zum Ortsteil Wiedersdorf war am Mittwoch abgesperrt. Zuvor waren auch in der Ortschaft Schüsse gefallen, wie eine Sprecherin der Polizei Halle der dpa bestätigte. Zu den näheren Umständen des Vorfalls in dem Ort östlich von Halle wollte sie zunächst nichts sagen.

Mehrere Mannschaftswagen der Polizei, darunter auch Fahrzeuge aus Sachsen, waren vor Ort. Auch zwei Krankenwagen waren zu sehen. Am Mittwochnachmittag gegen 16.00 Uhr landetet auf einem Feld bei Wiedersdorf nach Angaben eines dpa-Reporters zudem ein Hubschrauber der Bundespolizei. Angaben zu den Hintergründen machte die Polizei nicht. Sie verwies auf die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die die Ermittlungen übernommen hat.

Die Stadt Halle sprach am Nachmittag von einer «Amoklage» und berief einen Krisenstab ein. Alle Rettungskräfte der Feuerwehr seien in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Polizei zog seit den Mittagsstunden alle verfügbaren Kräfte in Sachsen-Anhalt ab und verlegte sie nach Halle.

 

„Ich habe mir nicht vorstellen können, dass jüdische Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wieder Ziel von Anschlägen sein könnten und frage mich: Wann hört dieser Wahnsinn auf?

Peter Boch, Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim

 

Synagogen-Schutz wird jetzt verstärkt 

 Im benachbarten Leipzig verstärkte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge. Auch vor der Synagoge in Dresden wurde nach Angaben der Polizei der Schutz erhöht. In anderen deutschen Städten wurde der Schutz ebenfalls entsprechend verstärkt.

 

Das sind wirklich entsetzliche Nachrichten aus Halle. Sie haben mich in meinem Pforzheimer Büro erreicht. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Dass jetzt die Schutzmaßnahmen für Synagogen in Baden-Württemberg erhöht werden müssen, besorgt mich sehr. Niemals wieder dürfen Menschen aufgrund ihrer Religion bei uns in Gefahr sein. Ich habe Vertrauen in unsere Polizei und unsere Sicherheitsbehörden, dass jetzt alles in die Wege geleitet wird, was notwendig ist und der Aufklärung dient.“

Katja Mast MdB, Stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und Bundestagsabgeordnete für Pforzheim/Enzkreis

 

Der Bahnhof von Halle wurde wegen polizeilicher Ermittlungen gesperrt. Das teilte das Unternehmen über Twitter mit. Es komme zu Verspätungen. Die Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen in Mitteldeutschland. Das gelte auch für die Verkehrswege nach Polen und Tschechien, hieß es.

 

„Dieser Anschlag ist zutiefst verstörend und widerwärtig. Dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Pforzheim, Rami Suliman, habe ich mein tiefstes Beileid und Mitgefühl ausgesprochen. In Gedanken sind wir bei den Opfern und Angehörigen dieses Attentats.

Peter Boch, Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim

 

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. «Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land.» Er kehrte von einer Konferenz in Brüssel vorzeitig zurück.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, die Bundesregierung hoffe, dass der Täter oder die Täter schnell gefasst würden. Die Gedanken gingen «an die Freunde und die Familien der Todesopfer», sagte er.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir twitterte: «Schreckliche Nachrichten aus Halle, heute am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur. Ich bin erschüttert & traurig.» Allen Verletzten und Angehörigen wünschte er viel Kraft und dankte den Einsatzkräften.

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch schrieb auf Twitter: «Am höchsten jüdischen Feiertag ein Anschlag auf jüdisches Leben in Deutschland - ekelhaft! Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Millimeter Platz haben.

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel twitterte: «Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien. Ich hoffe, die Polizei fasst den oder die Täter schnell, ohne dass weitere Menschen zu Schaden kommen.»

Auch aus dem Ausland kamen bestürzte Reaktionen. Das Europaparlament legte am eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli.

 

„Was in Halle passiert ist, muss uns alle erneut und noch mehr wachrütteln. Das ist entsetzlich. Angriffe auf jüdisches Leben, auf Menschen, die ihren Glauben leben sind noch immer in ganz Deutschland an der Tagesordnung. Es ist beschämend, wenn Synagogen bewacht werden müssen und Menschen Angst vor dem Gang in ihre heiligen Stätten haben.

Katja Mast, Stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und Bundestagsabgeordnete für Pforzheim/Enzkreis