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Happy Birthday: Die CDU wird 75 Jahre alt. 

Höhen und Tiefen einer Volkspartei: Die CDU feiert 75. Geburtstag und ringt um ihre Zukunftsfähigkeit

Es ist die Zeit der Krisen und nicht des Feierns. 75 Jahre nach ihrer Gründung ringt die CDU wieder einmal um ihre Zukunftsfähigkeit. Viel hängt vom neuen Vorsitzenden ab. PZ-news zeigt die aktuellen Entwicklungen auf und hat  mit CDU-Politikern aus der Region zur Lage ihrer Partei gesprochen.

Es ist vielleicht keine Richtungsentscheidung, vor der die CDU 75 Jahre nach ihrer Gründung steht. Auf alle Fälle wird es aber ein Umbruch sein, wenn die Christlich Demokratische Union Deutschlands Anfang Dezember nach 18 Jahren Angela Merkel und einem zweijährigen Intermezzo von Annegret Kramp-Karrenbauer in Stuttgart einen neuen Vorsitzenden wählt. Egal, ob Armin Laschet, Friedrich Merz, Norbert Röttgen oder doch noch Jens Spahn: Der neue Chef steht vor einer Riesenaufgabe.

„Um in Zukunft erfolgreich zu bleiben, müssen wir unseren Kompass bewahren, verlässlich bleiben, einem breiten Spektrum eine politische Heimat bieten und die jeweils aktuellen Fragen so beantworten, dass sich weite Teile der Bevölkerung darin wiederfinden.“

Gunther Krichbaum, CDU-Bundestagsabgeordneter

75 Jahre CDU – die Parteigeschichte verbindet sich mit den Namen großer Politiker: Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler und auch erster Parteichef, von 1950 bis 1966. Es ist die Zeit von Wiederaufbau, Kaltem Krieg, Westbindung. Die Volkspartei CDU entsteht. Dann Helmut Kohl, Kanzler der Einheit, Vorsitzender von 1973 bis nach seiner Niederlage bei der Bundestagswahl 1998.

Das Ende der Ära Kohl zählt sicherlich zu den Tiefpunkten für die Partei. Der Patriarch meinte wohl nach 25 Jahren an der CDU-Spitze und 16 Jahren Kanzlerschaft, für sich eine Ausnahme vom Gesetz in Anspruch nehmen zu können. Ende 1999 räumte er ein, über Jahre hinweg Spenden an die CDU von mehr als zwei Millionen D-Mark nicht im Rechenschaftsbericht angegeben zu haben. Kohl lehnte es aber ab, die Namen der Spender öffentlich zu nennen, weil er ihnen sein Ehrenwort gegeben habe. Das kostete ihn auch den CDU-Ehrenvorsitz.

„Wenn die CDU weiterhin Erfolg haben will, muss sie mitten bei den Menschen sein und jene Themen aufnehmen, die sie bewegen.“

Günter Bächle, Fraktionssprecher der CDU im Mühlacker Gemeinderat sowie im Kreistag

Die damalige Generalsekretärin Merkel rief am 22. Dezember 1999 in einem legendären Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die Partei auf, sich vom Patriarchen zu lösen. Die Partei müsse laufen lernen und eigene Wege gehen. Mit dem damaligen Partei- und -Fraktionschef Wolfgang Schäuble hatte sie das nicht abgesprochen. Der war selbst in den Strudel der Spendenaffäre geraten – der Artikel Merkels dürfte auch ihn getroffen haben. Schäuble trat Mitte Februar 2000 zurück. Merkel nutzte die Gunst der Stunde.

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Angela Merkel, erste Frau im Amt, Pfarrerstochter, Physikerin und Ostdeutsche, öffnet die CDU – in den Jahren 2000 bis 2018 – noch stärker zur Mitte hin. Kritiker werfen ihr vor, sie habe den konservativen Teil und auch den rechten Rand vernachlässigt. Den Vorsitz muss sie am Ende wegen anhaltend schlechter Umfragewerte räumen. Viele geben ihr die Schuld an der Flüchtlingskrise, dem Erstarken der AfD. Möglich, dass Merkel als Krisenkanzlerin in die Parteiengeschichte eingeht: Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, Corona-Krise.

„Damit die CDU als Volkspartei auch noch in den nächsten 75 Jahren erfolgreich den Ausgleich und Kompromiss über alle gesellschaftlichen Gruppen hinweg gestalten kann, muss sie endlich wieder zuhören, die Sorgen und Wünsche der Menschen verstehen und zeitgemäße Antworten finden.“

Philipp Dörflinger, Vorsitzender der Jungen Union Pforzheim/Enzkreis

Nach den CDU-Epochen, die mit langen Kanzlerschaften verbunden waren, folgten bislang immer recht kurze Zwischenspiele im Vorsitzendenamt: Mit Ludwig Erhard, Kurt-Georg Kiesinger und Rainer Barzel waren es nach Adenauer drei Chefs binnen acht Jahren, bevor Kohl kam. Schäuble hielt sich nicht einmal anderthalb Jahre. Wie lange nach 18 Jahren Merkel und zwei Jahren AKK der nächste Vorsitzende an der Spitze stehen wird, ist nicht absehbar.

Die Corona-Krise bringt der Union aktuell Umfragewerte wie seit Jahren nicht mehr – bis zu

40 Prozent. Die Union profitiere von der krisenerprobten Kanzlerin, heißt es. Dabei war Merkel vor zwei Jahren intern noch so umstritten, dass sie den Vorsitz abgeben musste. Noch kurz vor Corona hielten ihr Kritiker vor, ihre Regierung nicht mehr im Griff zu haben.

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Im Adenauer-Haus, der Parteizentrale, sind sie sich einig: Die guten Werte sind eine Momentaufnahme. Bis zur Bundestagswahl im Herbst 2021 dürften sie wieder sinken. Viel wird davon abhängen, ob die Menschen CDU und CSU, die in diesem Jahr ebenfalls 75 wird, auch zutrauen, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise zu bewältigen. Und: Mit welchem Team geht ein neuer Parteichef daran, die Aufgaben in den Griff zu bekommen? Die Wahl Kramp-Karrenbauers und die knappe Niederlage ihres Konkurrenten Merz hinterließ 2018 eine gespaltene Partei.

„Wenn wir daran festhalten, dass auch die Parteibasis an der Modernisierung und Innovation der CDU mitarbeitet, dann bin ich guter Dinge, dass dies gelingt und wir zukunftsfähig und für alle Bürgerinnen und Bürger attraktiv bleiben.“

Alexandra Tatjana Baur, Vorsitzende des Kreisverbandes Enzkreis/Pforzheim der Frauen Union Nordbaden

Will die CDU als Volkspartei überleben, muss sie der neue Vorsitzende einen. Er muss sie jünger und weiblicher machen – und attraktiver für Großstadtwähler. Doch nicht nur mit den strukturellen Problemen wird der Neue kämpfen müssen. In den vergangenen Jahren sind auch in Deutschland die Fliehkräfte in der Gesellschaft gewachsen. Die CDU blieb nicht verschont. Die ultrakonservative Werteunion etwa bereitet der Parteispitze seit Jahren Ärger. Auch im Bereich Digitalisierung gibt es viel Nachholbedarf.

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Einen tiefgreifenden Richtungskampf erwartet Generalsekretär Paul Ziemiak jedoch bei der Auseinandersetzung um den Parteivorsitz nicht. „Uns allen, die in der CDU Verantwortung tragen, ist klar, dass es nur eine Richtung geben kann für die CDU, und das ist der Kurs der Mitte“, sagt er. „Die Zukunft der CDU wird sich daran entscheiden, ob wir den Charakter einer Volkspartei behalten oder ob wir Klientelpartei werden.“

Der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert ergänzt: „Ansehen und Erfolg einer Volkspartei hängen ganz wesentlich von ihrer Fähigkeit ab, übergreifend zu integrieren.“ In 75 Jahren sei dies der CDU so gut gelungen wie keiner anderen Partei. Sie sei getragen von der Idee, für alle in der Mitte der Gesellschaft offenzustehen.

Doch ganz so klar war das zur Zeit des Berliner Gründungsaufrufs der CDU am 26. Juni 1945 dann auch wieder nicht. Die Partei sollte zwar – anders als die katholische Zentrumspartei – konfessionsübergreifend Katholiken und Protestanten offen stehen. Doch mit Adenauer, der selbst aus dem Zentrum kam, dominierten die Katholiken noch lange. Offiziell gibt es die Bundes-CDU seit ihrem Gründungsparteitag am 20. Oktober 1950 in Goslar. Zuvor existierten nur regionale Gliederungen.

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Darüber hinaus gab es im Frühjahr 1945 durchaus Strömungen unter den Parteigründern, die Christentum und Sozialismus miteinander versöhnen und Elemente der katholischen Soziallehre mit sozialistischen Ideen vereinen wollen. Die Idee einer „Christlich Sozialistischen Union“ ging dann aber doch den meisten zu weit. „Mit christlichem Sozialismus im Programm kommen fünf neue Mitglieder und gehen zehn“, soll Adenauer damals gesagt haben.

Für Junge-Union Chef Tilman Kuban ist die CDU „attraktiv wie nie zuvor“. Er sagt aber auch: „Eine Volkspartei muss sich immer wieder neu erfinden. Das dauert mitunter länger als in einer Klientelpartei. Wenn man dann aber handelt, hat das auch Hand und Fuß.“