Kolumne Tok
PZ-Redakteur Thomas Kurtz ist es angesichts der vielen Botschaften, die eine Lockerung der Corona-Regeln anpreisen, etwas mulmig. Kommt das alles zu früh? 

Kolumne: Die Botschaft von der Verbotslockerung erzeugt ein mulmiges Gefühl

Gerade erst noch mussten wir uns mit Kontaktverboten anfreunden, jetzt begrüßen wir schon wieder Verbotslockerungen. Das ist Thema einer Kolumne von PZ-Redakteur Thomas Kurtz.

Ich bin froh, dass ich nicht in den USA leben muss. Wie dieser egomanische Clown Donald Trump sein Land durch Ignoranz und Golfausflüge in die Corona-Katastrophe gestürzt hat, ist erschreckend. Was er zur Pandemie sagt, erinnert mich an die alte TV-Sendung „Dingsda“, in der kleine Kinder Begriffe erklärten. Nur eben, dass die deutschen Erstklässler im Vergleich zu Trump kompetenter geklungen haben. In einem Land ohne echte Krankenversicherung und soziales Netz galoppieren die Zahlen der Corona-Todesfälle in eine apokalyptische Dimension und der US-Präsident faselt von schneller Aufhebung der laschen Schutzmaßnahmen. Zum Glück passiert so etwas nicht in Deutschland. Oder doch?

Bislang hat sich die Bundesregierung meinen Respekt in der Corona-Krise verdient. Ich lobe auch meine Mitbürger. Das Genörgel auf breiter Front blieb aus. In jüngsten Umfragen wurde klar: Die Mehrheit will keine vorschnelle Lockerung der Corona-Vorschriften. Nicht, weil es daheim so schön, sondern weil die Angst so groß ist.

Jetzt wird den Bürgern Hoffnung gemacht, dass es bald zurück zur Normalität geht. Schulen sollen bald öffnen, die letzten Schuljahrgänge sollen bald Abschlussprüfungen absolvieren. Bald steigert die Wirtschaft mit Vollgas das Bruttosozialprodukt. Corona-Infektionen sind wohl bald kein Problem mehr. Zu viel „bald“ für meinen Geschmack.

Aber: Warum diese Verkaufsflächen-Beschränkung im Einzelhandel? Kann man den Sicherheitsabstand im großen Fachgeschäft nicht besser einhalten? Warum dürfen in der Krise geöffnete Supermärkte Waren verkaufen, die geschlossene Spezialmärkte erst wieder unters Volk bringen können, wenn sie kleiner sind als die willkürliche Quadratmeter-Vorgabe? Gaststätten bleiben weiterhin zu.

Rätselhaft: Warum wird mir gerade jetzt kurz vor der Rückkehr in die Normalität empfohlen, überall einen Mundschutz zu tragen? Das könnte sogar bald zur Pflicht werden. Nach der Lockerungsbotschaft sieht es doch so aus, als habe man das Virus so weit im Griff, dass das öffentliche Leben durchstarten kann.

Genau das macht mir Angst. In Zeiten der Kontaktverbote erleben wir gerade in Altenheimen der Region das große Grauen. Wie sieht das „bald“ dort aus? Haben wir das Coronavirus in den nächsten Tagen tatsächlich voll unter Kontrolle? Öffnen wir uns nicht vorschnell einer neuen, vielleicht noch schlimmeren Infektionswelle? Etwas mulmig ist mir in diesen Tagen schon.

Thomas Kurtz

Thomas Kurtz

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