In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Meldungen von Opfern und Angehörigen durch "Loverboys" gestiegen. Symbol
In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Meldungen von Opfern und Angehörigen durch "Loverboys" gestiegen. Symbolbild: Alexander Körner  Foto: Alexander Körner 

Forderung nach Aufklärung in Schulen über «Loverboy»-Methode

«'Loverboys' sind Menschenhändler. Sie sind keine Freunde, sie sind keine Lebensgefährten, sondern sie sind Täter ...», warnt Norak in einem Bericht für den nordrhein-westfälischen Landtag, der für heute eine Expertenanhörung zu dem Thema angesetzt hatte. Norak wurde bundesweit bekannt für ihren Kampf gegen «Loverboys» und Prostitution.

Eltern, Betroffene und Sachverständige fordern bereits in Schulen die Aufklärung junger Mädchen über die sogenannte «Loverboy»-Methode. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Meldungen von Opfern und Angehörigen gestiegen, heißt es in der Stellungnahme der Elterninitiative für «Loverboy»-Opfer. Betroffen seien junge Mädchen in Städten, aber auch Landkreisen. Der Gutachter Jürgen Antoni empfiehlt ein breit angelegtes Aufklärungskonzept in den Schulen schon ab der siebten Klasse.

Bei der «Loverboy»-Masche spiegeln die Täter minderjährigen Mädchen eine Liebesbeziehung vor, treiben sie so in eine emotionale Abhängigkeit, um sie dann in die Prostitution zu führen. Oft entstehen diese vermeintlichen Liebesbeziehungen über soziale Netzwerke.

«Loverboys sind Zuhälter, die minderjährige Mädchen im Alter bereits ab zwölf Jahren in die Prostitution zwingen», zitiert Gutachter Antoni aus einem Flyer der Elterninitiative. «Loverboys sprechen von der großen Liebe, machen großzügige Geschenke, schleichen sich in den Freundeskreis ein, suchen sich ihre Opfer vor Schulen, in der Nähe von Jugendtreffs oder im Web. Opfer sind Mädchen aus ganz normalen Familien.»

Die Täter sind laut Antoni junge Männer zwischen 18 und 28 Jahren, meist ausländischer Herkunft, die gezielt nach minderjährigen Mädchen suchen, um sich ihr Vertrauen zu erschleichen, um sie später in Form von Zwangsprostitution auszubeuten. «Die erste Kontaktaufnahme geschieht häufig auf dem Schulhof, vor Fastfood-Restaurants, in den meisten Fällen jedoch über soziale Netzwerke wie Facebook oder Badoo.»

Oft geben die vermeintlichen Freunde vor, sie seien existenzbedrohend verschuldet und brauchten die Hilfe der Mädchen. Und sie isolieren ihre Opfer von Familie und Freunden. Wenn es den Mädchen und jungen Frauen oft erst nach Monaten oder Jahren gelinge, sich aus den emotionalen Fängen des «Loverboys» zu befreien, erstatteten sie oft aus Angst und Scham keine Anzeige, so Antoni. Dementsprechend gebe es auch wenige Prozesse in dem Bereich.

Bei der «Loverboy-Methode» sei von einer «extrem hohen Dunkelziffer» auszugehen, sagt Antoni. Das werde dadurch begünstigt, dass die Masche in keiner Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) gesondert aufgeführt werde. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts (LKA) wurden 2016 und 2017 nur je zwei Fälle von Menschenhandel mit der «Loverboy»-Methode erfasst, 2018 waren es drei Fälle. Das Bundeskriminalamt (BKA) geht in seiner Auswertung 2017 davon aus, dass bundesweit die «Loverboy»-Masche bei mehr als einem Viertel der Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung angewendet wurde.

Norak kritisiert, dass die Opfer häufig stigmatisiert würden mit Anmerkungen wie «Du warst doch naiv». Damit würde dem Opfer «mehr oder weniger die Verantwortung an der an ihm begangenen Straftat zugeschoben». Ein Kernproblem sei auch das bei vielen Betroffenen fehlende Opferbewusstsein. Sie betrachteten die Prostitution häufig als Freiwilligkeit.

Das führe dazu, dass die Mädchen ihre Ausbeuter sogar schützten. «Eine Opferaussage zu bekommen ist hier nahezu unmöglich», sagt Norak. Wenn dann noch Drohungen und Gewalt durch den «Loverboy» und seine möglichen Gehilfen ins Spiel kämen, werde es noch schwieriger, eine Aussage zu bekommen. Das fehlende Opferbewusstsein mischt sich dann mit Gefühlen wie Angst. So ging es auch Norak: «Ich wurde nach einem Hinweis, dass jemand mich zur Prostitution gebracht hat, damals selbst von der Polizei aufgesucht und habe keine Aussage gemacht.»

Das bestätigt auch der Bielefelder Verein «Mädchenhaus»: Es sei fast unmöglich, einem Opfer zu helfen, wenn es nicht selbst die Initiative zum Ausstieg ergreife. Und wenn die Betroffene schon volljährig sei, werde es besonders schwierig, sie zum Ausstieg zu bewegen.