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Der Ausbruch des Sars-Virus 2003 war Vorbild für eine Risikoanalyse der Bundesregierung.  Foto: dpa-Arciv 

Kann das wirklich stimmen? Der große Faktencheck zum Coronavirus

Rund um das Coronavirus gibt es jede Menge Gerüchte – von Delfinsichtungen in Venedig über Geheimflüge der Kanzlerin bis hin zur Aussage, Nostradamus hätte die Pandemie vorhergesagt. Die PZ nimmt die Behauptungen genauer unter die Lupe.

Behauptung: „Die Epidemie war in Deutschland bereits vor Jahren geplant!“ Das lasse sich aus einer Risikoanalyse der Bundesregierung von 2013 schließen.

Bewertung: Das Robert Koch-Institut (RKI) und weitere Behörden spielten das Szenario einer Pandemie durch. Es ging um eine theoretische Analyse, ausgehend von einem früheren Seuchengeschehen.

Fakten: Der „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ wurde am 3. Januar 2013 vom Bundestag veröffentlicht. Er stellt die Ergebnisse zweier Risikoanalysen dar. Diese geben einen Überblick, welche Ereignisse mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten – und wie groß der zu erwartende Schaden ist. Eine der Analysen bezieht sich auf eine Pandemie durch den Erreger „Modi-Sars“. Das Szenario beschreibe ein „außergewöhnliches Seuchengeschehen“, so der Bericht.

„Modi-Sars“ ist hypothetisch, hat jedoch realistische Eigenschaften. Es handelt sich, wie beim nun aufgetretenen Sars-CoV-2, um ein Coronavirus. Die Begründung für diese Annahme: „Die Wahl eines Sars-ähnlichen Virus erfolgte unter anderem vor dem Hintergrund, dass die natürliche Variante 2003 sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme schnell an ihre Grenzen gebracht hat.“ Damit ist die Verbreitung der schweren Atemwegserkrankung Sars gemeint, an der 2002/2003 in 30 Ländern mehr als 8000 Menschen erkrankten und knapp 800 starben.

Im Bericht lautet die Antwort auf die Frage, ob das Ereignis erwartbar sei: „Das Auftreten von neuen Erkrankungen ist ein natürliches Ereignis, das immer wieder vorkommen wird. Es ist aber in der Praxis nicht vorhersehbar, welche neuen Infektionskrankheiten auftreten, wo sie vorkommen werden und wann dies geschehen wird. Daher ist eine spezifische Prognose nicht möglich.“

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Behauptung: Im Jahr 1720 die Pest, 1820 die Cholera, 1920 folgt die Spanische Grippe – und nun 2020 das Coronavirus. Die Welt wird in einem 100-jährigen Rhythmus von Pandemien heimgesucht.

Bewertung: Der Abstand der genannten Infektionen entspricht nur ungefähr 100 Jahren. Zudem ist die Auswahl vollkommen willkürlich. Andere verheerende Seuchen fallen unter den Tisch, um den Anschein eines 100-Jahre-Rhythmus zu erwecken.

Fakten: Der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven ist angesichts der 100-Jahre-Theorie skeptisch. „Zwischen den Pandemien traten noch viele weitere Epidemien auf, die hier unterschlagen werden“, sagt der Professor der Uni Erlangen-Nürnberg. Etwa fehlt die Asiatische Grippe. Auch die Pocken oder Tuberkulose werden nicht genannt. Dass einige Pandemien zudem im Abstand von circa 100 Jahren auftreten, stimme nur auf den ersten Blick, erklärte Leven. Die erste Cholera-Pandemie datiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf 1817 und nicht auf 1820. Die Spanische Grippe verbreitete sich schon ab 1918 und der Ausbruch des Coronavirus begann bereits 2019 in China. „Das heißt, der Ansatz des 100-jährigen Rhythmus ist von Anfang an verfehlt, ungenau und völlig willkürlich. Er erklärt überhaupt nichts“, so Leven.

Baden-Württemberg

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Behauptung: Der französische Arzt und Apotheker Nostradamus (1503-1566) hat schon im Jahr 1551 prophezeit: „Es wird ein Zwillingsjahr 2020 geben, aus dem eine Königin (Korona) aus dem Osten (China) kommen wird und die in der Dunkelheit der Nacht eine Pest auf einem Land verbreiten wird mit 7 Hügeln (Italien) und wird das Zwielicht der Menschen in Staub verwandeln, um die Welt zu zerstören und zu zerstören. Es wird das Ende der Weltwirtschaft sein, wie Sie es kennen.“

Bewertung: Eine solche Vorhersage von Nostradamus ist nicht überliefert.

Fakten: Der Franzose Michel de Nostredame, Nostradamus genannt, ist für seine prophetischen Gedichte bekannt. Laut einem Brief an seinen Sohn sollen die Prophezeiungen bis ins Jahr 3797 reichen. Bis auf wenige Ausnahmen ist in den Versen aber nie ein Datum genannt, an dem die Ereignisse stattfinden sollen. In seinen gesammelten Werken gibt es keinen einzigen Text, der sich auf das Jahr 2020 bezieht.

In der englischen Übersetzung der Texte sind die Wörter „Korona“ oder „Corona“, „Wirtschaft“ (englisch: „economy“) oder „Zwillingsjahr“ („twin year“) gar nicht, „Hügel“ und „Plage“ nur in einem anderen Zusammenhang zu finden. Darüber hinaus verfasste Nostradamus seine Gedichte immer als Vierzeiler in Altfranzösisch. Auch in einer Übersetzung wäre der Vers nicht so lang wie der in den Sozialen Medien geteilte Text.

Keine Flüchtlinge mehr im Pforzheimer Abschiebegefängnis
Pforzheim

Schon seit Anfang April: Keine Flüchtlinge mehr im Pforzheimer Abschiebegefängnis

Behauptung: Wenn es um das Risiko für die Corona-Lungenkrankheit Covid-19 geht, stünden Grippe-Geimpfte über 65 Jahren laut britischer Regierung auf derselben Stufe wie „frisch Transplantierte“ und „schwer Krebskranke“, so der deutsche Arzt und Autor Ruediger Dahlke.

Bewertung: Falsch.

Fakten: Der Influenza-Experte Jonathan Van-Tam bekleidet in England das Amt des „Deputy Chief Medical Officer“. Am 17. März wurde er in der Sendung „BBC Breakfast“ interviewt. Auf die Frage, welche Teile der Gesellschaft sich als Risikogruppen für Covid-19 ansehen sollten, antwortete Van-Tam: Es seien vor allem die, denen staatlicherseits eine Grippe-Impfung angeboten werde, mit Ausnahme von Kindern. In Großbritannien sind Grippeimpfungen für bestimmte Risikogruppen kostenlos. Darunter fallen zum Beispiel Menschen ab 65 Jahren oder mit bestimmten Vorerkrankungen. Van-Tam beschrieb mit seiner Zuordnung also vereinfacht diejenigen, die auch für Covid-19 als Risikogruppen gelten.

Van-Tam sagte in dem Interview ausdrücklich nicht, dass man wegen einer vorangegangenen Grippeimpfung eine höhere Gefahr habe, an Covid-19 zu erkranken. Erst recht behauptete er nicht, dass Menschen wegen ihrer Grippeimpfung in dieselbe Hochrisikogruppe eingestuft werden wie etwa Patienten, denen kürzlich ein Organ transplantiert wurde.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einer Pressekonferenz zum Kampf gegen das Coronavirus. Foto: John Macdougall/AF
Brennpunkte

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Behauptung: Während für die Bevölkerung Kontaktsperren gelten, fliegt Bundeskanzlerin Angela Merkel im Geheimen nach Las Vegas. Das sei an den Radardaten der Regierungsflieger abzulesen.

Bewertung: Falsch.

Fakten: Die Regierungsflieger „Konrad Adenauer“ und „Theodor Heuss“ flogen zuletzt tatsächlich nach Nevada. Doch war nicht die Kanzlerin an Bord, sondern Angehörige der Luftwaffe. Diese hatten bis zum 20. März an einer internationalen Übung teilgenommen.

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Behauptung: 1,8 Millionen Zuwanderer erhielten Anfang April 100 Prozent Sozialleistungen – „wie jeden Monat“. Zudem heißt es: „Deutsche Angestellte“ bekämen dagegen nur noch 60 Prozent von ihrem Lohn.

Bewertung: Die Behauptungen sind teilweise falsch und lassen sich nicht miteinander vergleichen.

Fakten: Die genannte Zahl der „Zuwanderer“ bezieht sich auf die Schutzsuchenden in Deutschland. Ende 2018 stieg deren Anzahl auf fast 1,8 Millionen. Zwei von drei Flüchtlingen aus den acht Hauptherkunftsländern bezogen laut Arbeitsagentur zu diesem Zeitpunkt Hartz IV. Die genannten Sozialleistungen sind in Deutschland beispielsweise Kindergeld, Sozialhilfe oder Hartz IV. Diese werden in der gegenwärtigen Krise für Asylbewerber ebenso weiterbezahlt wie für andere Bezieher in Deutschland.

In den Sozialen Netzwerken wird weiter behauptet, „deutsche Angestellte“ erhielten pauschal nur noch 60 Prozent von ihrem Lohn. Das entspricht nicht der Wahrheit. Gemeint ist in diesem Zusammenhang wohl der Bezug von Kurzarbeitergeld. Nach Paragraf 105 SGB III bekommen Arbeitnehmer 60 Prozent des während der Kurzarbeit ausgefallenen Nettolohns. Wer mindestens ein Kind hat, erhält 67 Prozent. Wer auf einer Vollzeitstelle in 50-prozentige Kurzarbeit geht, hat demnach also 80 oder 83,5 Prozent seines alten Nettolohns zur Verfügung. Nicht alle Firmen in Deutschland müssen wegen der Virus-Krise auf das Kurzarbeitergeld umstellen. Dennoch ist laut einer Umfrage des Ifo-Instituts mit einem drastischen Anstieg zu rechnen. In den kommenden drei Monaten erwarten 25,6 Prozent der befragten Unternehmen Kurzarbeit.

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Behauptung: Das Coronavirus ist ein Labor-Produkt, glaubt einer Umfrage zufolge fast jeder dritte US-Amerikaner – ein Großteil davon meint sogar, der Erreger sei absichtlich gezüchtet worden.

Bewertung: Wissenschaftler halten das für nicht plausibel.

Fakten: Tatsächlich fehlen bis heute abschließende Erkenntnisse, wie sich der Mensch ursprünglich genau mit dem Coronavirus angesteckt haben könnte. Schnell war klar: Der Erreger ist ein Typ aus der seit Jahrzehnten bekannten Gruppe der Coronaviren. Schon lange wissen Experten, dass diese hochvariablen Viren zwischen Tieren und vom Tier auf den Menschen überspringen können. Mittlerweile gibt es aber wissenschaftliche Fortschritte: Mitte März veröffentlichten Forscher um den schwedischen Mikrobiologie-Professor Kristian Andersen ihre Analyse der Corona-Familie. Darin ging das Team gezielt der Frage nach, ob das Virus künstlich hergestellt worden sein könnte.

Dazu untersuchten sie die Spike-Proteine, die aus der Virus-Oberfläche herausragen. Diese Stacheln nutzt der Erreger, um an eine Wirtszelle in Lunge oder Rachen anzudocken und in sie einzudringen. Die Untersuchung zeigt dabei insbesondere zwei wichtige Unterschiede zwischen Sars-CoV-2 und seinen Verwandten: Vereinfacht gesprochen hat das Protein einen abweichenden Aufbau und eine andere Zusammensetzung seiner Aminosäuren.

Die Forscher betonen, anhand der untersuchten Merkmale könne das neue Virus zwar besonders leicht menschliche Zellen befallen. Allerdings sei das Ganze nicht so optimal gestaltet, wie man es von einer künstlich hergestellten Biowaffe erwarten würde. „Dies ist ein starker Beweis dafür, dass Sars-CoV-2 nicht das Produkt einer gezielten Manipulation ist“, heißt es in der Analyse.

Zudem sei es überhaupt nicht nachvollziehbar, warum man Sars-CoV-2 aus einem bislang für Menschen harmlosen Virus entwickelt haben sollte und nicht aus lange bekannten gefährlichen Corona-Verwandten wie Mers oder Sars. Die Wissenschaftler halten ein Labor-Szenario daher für nicht plausibel.

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Behauptung: Die Corona-Pandemie hat auch positive Nebenwirkungen. Die Natur erhole sich in Venedig dank ausbleibender Touristen und Ausgangsbeschränkungen. Schwäne und Delfine sollen in die Kanäle der Lagunenstadt zurückgekehrt sein, das Wasser sei sauberer.

Bewertung: Die Nachrichten aus Venedig stimmen nur teilweise. Auch wenn das Wasser derzeit klarer aussieht, ist das kein Beweis für eine bessere Wasserqualität. Es wurden in den Kanälen von Venedig keine Delfine gefilmt, Schwäne sind dagegen normal.

Fakten: Das oft zu den Beiträgen verbreitete Video – manchmal auch nur als Screenshot – zeigt keine Delfine in Venedig, sondern im Hafen der italienischen Stadt Cagliari. Bei einem Video sind Gebäude zu erkennen, die die Hauptstadt der Insel Sardinien eindeutig identifizieren. Delfine in der Adria und vor der Küste der Region Venetien sind nicht ungewöhnlich.

Derzeit werden Bilder und Videos von klarem Wasser in Venedigs Kanälen verbreitet. Ein Sprecher des Bürgermeisters erklärte dem US-Nachrichtensender CNN, das habe aber nichts mit besserer Wasserqualität zu tun. „Das Wasser sieht jetzt klarer aus, weil es weniger Verkehr auf den Kanälen gibt, so dass das Sediment auf dem Grund bleiben kann“, sagte der Sprecher.