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Die Rolltore zur Scheideanstalt Carl Schaefer am Altstädter Kirchenweg sind heruntergefahren. Ein Insolvenzverwalter führt vorläufig die Geschäfte. Foto: Ketterl
Die Rolltore zur Scheideanstalt Carl Schaefer am Altstädter Kirchenweg sind heruntergefahren. Ein Insolvenzverwalter führt vorläufig die Geschäfte. Foto: Ketterl
Seniorchef Alfred Schaefer-Krack. Foto: Ketterl
Seniorchef Alfred Schaefer-Krack. Foto: Ketterl
Neues Geschäftsfeld: Mit einer orientalischen Schmucklinie präsentierte sich Carl Schaefer Jewellery auf der Inhorgenta in München.  Foto: Ketterl
Neues Geschäftsfeld: Mit einer orientalischen Schmucklinie präsentierte sich Carl Schaefer Jewellery auf der Inhorgenta in München. Foto: Ketterl
09.07.2015

1861 gegründet: Scheideanstalt Carl Schaefer meldet Insolvenz an

Die Situation erinnert ein wenig an den Andrang auf griechische Geldautomaten. Besorgte Kunden der traditionsreichen Pforzheimer Scheideanstalt Carl Schaefer drängen sich im Eingangsbereich des abgeschirmten Firmenareals am Altstädter Kirchenweg. Die Rolltore zum Innenhof sind heruntergelassen. Eine Unternehmerin aus Karlsruhe wartet seit Stunden auf die Gutschrift von angeliefertem Altgold auf ihrem Goldkonto. Auch Kunden aus Hessen und Pforzheim sind darunter. Ihre Ansprüche muss jetzt der Insolvenzverwalter klären.

Das 1861 gegründete Unternehmen hat nämlich am Dienstag beim Pforzheimer Amtsgericht Insolvenzantrag gestellt. Wurde das edelmetallhaltige Material nicht ausdrücklich unter Eigentumsvorbehalt angeliefert, ist es Bestandteil der Insolvenzmasse. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Wolfgang Bilgery von der Kanzlei Grub Brugger in Stuttgart bestellt, ein ausgewiesener Sanierungsexperte. Er hat Dutzende von Insolvenzfahren in der Region betreut, darunter auch die Schmuckkettenfabrik Eugen Schofer, die heute wieder erfolgreich tätig ist.

Die 60 Beschäftigten der Scheideanstalt Carl Schaefer wurden in einer Betriebsversammlung über die prekäre Lage informiert. Der Insolvenzverwalter wird sich auch für die Fortzahlung der Löhne und Gehälter einsetzen. „Erhebliche Außenstände haben zu Liquiditätsschwierigkeiten geführt, die nicht länger zu kompensieren waren“, räumte das Unternehmen in einer Pressemitteilung ein. Nachdem auch in der Planung für das zweite Halbjahr 2015 keine klare Trendwende erkennbar war und Defizite bereits in der Vergangenheit überwiegend aus den Rücklagen finanziert wurden, hätten sich die Gesellschafter des Hauses Carl Schaefer entschieden, den Weg in die Insolvenz zu gehen.

Die Inhaberfamilie um Senior Alfred Schaefer-Krack (85) – seine Freunde sprechen von einer „menschlichen Tragödie“ – sowie die Mitarbeiter hoffen, dass sich der Geschäftsbetrieb im angestrebten Insolvenzverfahren stabilisiert. Ziel sei es, dass jetzt ein Restrukturierungsprozess eingeleitet wird, der dazu führe, dass das Unternehmen auf einen Investor übertragen werden könne, der den Fortbestand des Traditionshauses ermöglicht.

Der Hintergrund: Geschäftsführer Daniel Schnelle ist seit einigen Monaten erkrankt. Der rasche Niedergang erstaunt Branchenkenner auch deswegen, weil Schnelle der Scheideanstalt seit langem schon verbunden ist – zuvor in der Schlüsselposition des Controllers. „Es fehlt halt hinten und vorne das Gold“, berichten Insider und nicht ganz abwegig sei der Gedanke, dass auch Leasing-Gold am Markt verkauft wurde, um Liquiditätsengpässe zu überwinden.

Jahrzehntelang war die Pforzheimer Scheideanstalt ein verlässlicher Partner der Schmuck- und Uhrenindustrie. Insider wissen: „Bei Schaefer hat bislang noch nie jemand sein Geld verloren!“ Doch mit dem Niedergang der Branche hatte das Unternehmen selbst hohe Zahlungsausfälle zu verkraften. Krasses Beispiel: An Ostern 2011 waren bei der Pforzheimer Schmuckkettenfabrik Cobra 200 Kilogramm Gold und 1,6 Tonnen Silber im Wert von insgesamt neun Millionen Euro verschwunden. Ein erheblicher Teil des Edelmetalls gehörte dem Hause Carl Schaefer. Trotz des schmerzhaften Verlustes sei das Unternehmen, das 2011 sein 150-jähriges Bestehen feierte, existenziell nicht gefährdet, hatte Schnelle damals gegenüber der PZ betont. Und verwies zugleich auf die erfolgreiche Neuausrichtung des Unternehmens und auf erhebliche Investitionen in Technologie, Infrastruktur und Personal.

Diese großen Anstrengungen wurden letztlich nicht belohnt, auch weil sich die verbliebene Kapitaldecke als zu dünn erwies, heißt es in der Pressemitteilung. Zudem hätten sich die im In- und Ausland gegründeten Tochtergesellschaften nicht wie geplant entwickelt. Erst im Februar 2015 hatte das Traditionsunternehmen auf der Leitmesse Inhorgenta in München eine mit großem finanziellen Aufwand neue orientalische Schmucklinie von Carl Schaefer Jewellery präsentiert.