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Thomas Middelhoff. Foto: dpa
Thomas Middelhoff. Foto: dpa
07.09.2017

Abrechnung mit der Justiz: Ex-KarstadtQuelle-Chef Thomas Middelhoff übt scharfe Kritik am Strafvollzug

Stuttgart. Vom Konzernlenker mit Villa im südfranzösischen Nobelort St. Tropez zum Untersuchungshäftling in einer kleinen Zelle in der Justizvollzugsanstalt Essen: Der Absturz von Thomas Middelhoff war tief. In einem fast 300-seitigen Buch arbeitet der Ex-Chef von KarstadtQuelle jetzt diese Erfahrung auf. Wegen seiner Erlebnisse will er sich künftig für eine Reform des Strafvollzugs in Deutschland einsetzen.

„Die Reform des deutschen Justizvollzugs ist erkennbar überfällig“, schreibt der Manager in seinem Buch „A115 – Der Sturz“, das heute in Stuttgart veröffentlicht wird. Aufgrund jahrelanger Sparmaßnahmen, fataler Investitionsstaus und einer verfehlten Personalpolitik werde in der Haft heute oft das Gegenteil von dem erreicht, was angestrebt werde. Er wolle seine Kraft dafür einsetzen, dass hier dringend notwendige Reformen angestoßen würden. Middelhoff war im November 2014 vom Landgericht Essen wegen Untreue zulasten des ehemaligen Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Wegen Fluchtgefahr wurde er noch im Gerichtssaal verhaftet und saß mehr als fünf Monate in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Essen in Untersuchungshaft, bevor er gegen Kaution entlassen wurde. Derzeit verbüßt er den Rest der Freiheitsstrafe im offenen Vollzug in Bielefeld.

Sein Buch ist in weiten Teilen eine Abrechnung mit der Justiz und dem Strafvollzug, wie er sie erlebt hat. „Innerhalb weniger Stunden bin ich von einem international tätigen Manager zu einem vermeintlichen Schwerverbrecher geworden“, notiert er fassungslos.

Ausführlich beschreibt Middelhoff den Schock der ersten Haftwochen und die Verhältnisse dort aus seiner Sicht: das stinkende Klo, die schlecht geheizte Zelle, die Gefahr durch organisierte Gangs und die endlosen Zeiten des Weggesperrtseins sowie seine Art, damit umzugehen.

Eine große Rolle spielt auch die schwere Autoimmunerkrankung, die sich der Manager während der Haft zugezogen hat. Middelhoff führt den Ausbruch der Krankheit darauf zurück, dass er aus Angst vor einem Selbstmordversuch über Wochen hinweg nachts regelmäßig kontrolliert wurde. Im Viertelstundentakt sei dabei das Licht in seiner Zelle A115 eingeschaltet worden, so dass er keine Ruhe gefunden habe. „Über vier Wochen kaum Schlaf – unwillkürlich erinnert mich das an Guantanamo, das Hochsicherheitsgefängnis der USA, in dem mutmaßliche Terroristen inhaftiert sind“, schreibt er. Das Justizministerium von Nordrhein-Westfalen hatte der Gefängnisleitung indes im April 2015 nach Vorwürfen von Middelhoffs Anwälten ein korrektes Verhalten bescheinigt.

Wer auf ein Schuldeingeständnis von Middelhoff wartet, tut dies zumindest, was seine Verurteilung angeht, weitgehend vergeblich. „Ich werde keine falsche Reue zeigen für Entscheidungen, von denen ich auch heute noch fest überzeugt bin, dass sie richtig, angemessen und sachgerecht waren“, schreibt er an einer Stelle. Stattdessen gibt es harsche Kritik am Vorgehen der Strafkammer. Nicht zuletzt die nach dem Urteil wegen Fluchtgefahr angeordnete Untersuchungshaft ist für den Manager unverständlich. „Wohin sollte eine Person mit einem dermaßen hohen Bekanntheitsgrad und damit Wiedererkennungspotenzial fliehen?“, fragt er. Auch die Medien und ihre „Hexenjagd“ auf ihn und seine Familie prangert der Manager an. Halt gab dem katholischen Manager in der Haft die Religion. In der JVA Essen sei er zum ersten Mal seit fast 44 Jahren wieder zur Beichte gegangen – und habe zurück zum Glauben gefunden. Lange Zeit habe er eine Rolle gespielt als „Teil der globalen Business-Elite, hart, schnell, einflussreich und allem und jedem gewachsen“. Wie ein Abhängiger sei er dem süßen Gift der öffentlichen Anerkennung hinterhergejagt. Doch in der Haft sei ihm klar geworden, dass er das nicht mehr wolle. Künftig wolle er „Wertstiftendes tun“. Die Arbeit, die er nun als Hilfskraft in einer Behindertenwerkstatt in Bethel leiste, mache ihm „unendliche Freude“.