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Geht in die Offensive: Der Betriebsrat von Thales wird am kommenden Montag Informationszettel verteilen und am Morgen mit Katja Mast (SPD) bei einem Gespräch mit der Geschäftsleitung für den Standort Pforzheim eintreten. Von links: Silvia Plattek, Ralf Dochnal, Roderich Thaler und Armin Burger.
 
Geht in die Offensive: Der Betriebsrat von Thales wird am kommenden Montag Informationszettel verteilen und am Morgen mit Katja Mast (SPD) bei einem Gespräch mit der Geschäftsleitung für den Standort Pforzheim eintreten. Von links: Silvia Plattek, Ralf Dochnal, Roderich Thaler und Armin Burger.   © Seibel
14.05.2011

Abzug von Thales aus Pforzheim noch nicht besiegelt?

PFORZHEIM. Die laufende Prüfung des Technologiekonzerns Thales, den Standort Pforzheim in den Raum Stuttgart zu verlagern, ruft jetzt neben Betriebsrat und IG Metall auch die Politiker der Region auf den Plan. Es gibt Gespräche. Und: "Ergebnisoffen" ist in den letzten Wochen das meistgebrauchte Wort, wenn bei Thales Deutschland angefragt wird, ob es schon Hinweise auf eine Entscheidung zur beabsichtigten Standortverlagerung gebe.

Wie die PZ bereits im März ausführlich berichtet hat, läuft der Mietvertrag an der Pforzheimer Ostendstraße 3 Ende 2013 ab. Der private Investor, der das Firmengebäude an Thales vermietet, hat das Grundstück zur Nutzung von der Stadt in Erbpacht.

Markus Hellenthal, Vorsitzender der Geschäftsführung von Thales Deutschland (Stuttgart) sagte gegenüber der PZ, dass der auslaufende Vertrag dem Management den Anlass gegeben habe, "über neue Möglichkeiten nachzudenken". Das heißt konkret: Weitere Standorte in Korntal und Stuttgart mit Pforzheim zusammenzulegen. Allerdings bevorzugt in der Nähe des Flughafens.

Mitarbeiter "sehr enttäuscht"

In der ersten Jahreshälfte, also spätestens bis Ende Juni 2011, so Hellenthal seinerzeit, solle die Entscheidung pro oder kontra fallen. Thales-Pressesprecher Erwin Teichmann machte derweil im PZ-Gespräch deutlich, dass sich die aufwendige Standortuntersuchung - es wurden auch externe Prüfer beauftragt - nicht zwingend gegen Pforzheim aussprechen müsse: "Am Ende kann die Entscheidung auch für Pforzheim stehen." Alles sei "ergebnisoffen".

Gestern machten die Thales-Arbeitnehmervertreter bei einer Pressekonferenz in der Pforzheimer IG-Metall-Zentrale deutlich, wie sie auf einen möglichen Abzug aus der Goldstadt reagieren würden. In erster Linie mit "großer Enttäuschung", wie Betriebsratsvorsitzender Armin Burger sagte. "Die Beschäftigten haben über die Jahre hinweg zwei Sanierungstarifverträge mitgetragen. Das alles haben sie nicht gemacht, um am Ende dann von hier wegziehen zu müssen", ergänzte Martin Kunzmann, erster IG-Metall-Bevollmächtigter. Er machte deutlich, dass viele der rund 440 Beschäftigten des Unternehmens auf Gehälter, Weihnachts- oder Urlaubsgeld verzichtet und bei der Arbeitszeit stattdessen draufgesattelt hätten.

Laut Betriebsrat kommt etwa ein Drittel der hochqualifizierten Mitarbeiter aus dem Raum Offenburg, Karlsruhe oder Kaiserslautern. Für sie wäre die Anfahrtszeit nach Stuttgart nicht nur zeitlich, sondern auch von den Reisekosten her mit deutlichem Mehraufwand verbunden. Für drei Viertel der gesamten Belegschaft würde eine Verlagerung bedeuten: "Mehr Zeit auf der Straße verbringen und damit zusätzlich die Umwelt belasten." Eine Thales-Betriebsrätin sagte: "Etwa 70hochqualifizierte Kollegen haben ganz klar erklärt, dass sie nicht nach Stuttgart wollen."

Betriebsrat Burger warnte die Geschäftsleitung denn auch vor möglichen negativen Folgen: "Es besteht die Gefahr, dass sich die guten Leute einen anderen Job suchen." Ohnehin, ergänzte ein Kollege, sei die Gefahr der Fluktuation von gefragten Fachkräften am Standort Stuttgart deutlich höher: "Dort sind attraktive Arbeitgeber wie Bosch, Daimler und Porsche." Insbesondere einige junge Kollegen hätten erklärt: "Wenn wir erst einmal in Stuttgart sind, dann müssen wir nicht unbedingt bei Thales arbeiten."

Geschäftsführungsvorstand Markus Hellenthal ist sich der Problematik durchaus bewusst: "Es ist die Quadratur des Kreises", sagte er bereits im März. Einerseits gehe es darum, Synergieeffekte nutzen zu wollen, indem man Standorte zusammenführe. Andererseits gelte es, die Interessen der Beschäftigten zu berücksichtigen.

Für Pforzheims Oberbürgermeister Gert Hager ist indes klar, wo Thales seinen Standort nach 2013 haben muss: "Es gibt keine Gründe, die gegen Pforzheim sprechen", erklärte Hager, der bereits seit längerer Zeit mit der Geschäftsleitung in Gesprächen ist. Da das sanierungsbedürftige Gebäude an der Ostendstraße nur mit einer Investition im zweistelligen Millionenbetrag - auf Kosten des Mieters Thales - hergerichtet werden könnte, machte der OB ein alternatives Angebot: Das neue Gewerbegebiet Buchbusch, nahe der Autobahn.

"Große Koalition" verhandelt

Zudem wies Hager auf die wesentlichen Standortfaktoren der Goldstadt hin: Die Hochschule biete entsprechende Fachkräfte für das Technologie-Unternehmen, der Flughafen Stuttgart sei schnell zu erreichen, sobald der Autobahnausbau fertig gestellt ist und als weiche Faktoren nannte der OB das Schul- und Kulturangebot für die Mitarbeiterfamilien, "das ist hervorragend". Am Montag wird Hager am Verhandlungstisch bei Thales an der Ostendstraße sitzen. Mit dabei ist eine "große Koalition" aus Politikern verschiedener Couleur, die nach eigenem Bekunden die Standorterhaltung in Pforzheim eint. Katja Mast (SPD) hob gestern im PZ-Gespräch hervor: "Wir müssen uns gemeinsam stark machen." Gunther Krichbaum (CDU) äußert sich ähnlich und meinte: "Es geht hier nicht um politische Eitelkeiten, sondern um den Erhalt der Arbeitsplätze." Auch Hans-Ulrich Rülke (FDP) will die Thales-Jobs in der Goldstadt erhalten wissen. Ebenfalls am Verhandlungstisch sitzen neben den vorgenannten Gesprächsteilnehmern Pforzheims Erster Bürgermeister Roger Heidt (CDU) sowie Erik Schweickert (FDP).

Betriebsratschef Burger mahnt derweil: "Ein Wegzug von Thales bringt beträchtlichen Schaden und schwächt den Wirtschaftsstandort Pforzheim." Für ihn ist deshalb eines klar: "Ergebnisoffen" dürfen die Gespräche nicht sein. Das Ziel laute: auf jeden Fall in Pforzheim bleiben.