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Die Körpertemperatur der Mitarbeiter wird mit Wärmebildkameras gemessen. 
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Pressesprecher Thorsten Schwindhammer (von links) mit Standortleiter Alexander Bruggner und Betriebsratsvorsitzender Christos Kalpakidis in der Videokonferenz mit PZ-Wirtschaftsredakteur Lothar Neff (nicht im Bild). AMAZON 

Amazon geht auf Nummer sicher - Umfangreiche Schutzmaßnahmen zahlen sich aus

Das Coronavirus ist in aller Munde – oder eben doch nicht. Denn es gibt wirksame Schutzvorkehrungen, die gerade im betrieblichen Bereich umgesetzt werden müssen. Der Online-Riese Amazon gibt dafür weltweit rund 800 Millionen US-Dollar aus. Die PZ sprach mit dem Pforzheimer Standortleiter Alexander Bruggner, Betriebsratsvorsitzenden Christos Kalpakidis und Pressesprecher Thorsten Schwindhammer.

Was hat Amazon anders gemacht als andere Firmen?

„Nichts ist mehr so, wie es einmal war“, sagt Bruggner. „Während viele Geschäfte lange geschlossen waren, haben wir unter strengen Schutzvorkehrungen gearbeitet und die Kunden beliefert.“ Amazon habe sehr frühzeitig bereits Anfang Februar mit ersten Maßnahmen reagiert, als das Virus in Deutschland noch nicht sonderlich präsent war, erklärt Betriebsratsvorsitzender Christos Kalpakidis. „Zu jeder Zeit war und ist uns der Gesundheitsschutz der Mitarbeiter das Wichtigste.“ „Schon im Februar wurden Reisen und Meetings abgesagt.“ Auch die Betriebsversammlung musste ausfallen, der gastronomische Betrieb der Kantine wurde kurze Zeit später geschlossen. „Wir haben frühzeitig und umfassend reagiert.“ Insgesamt wurden 51 Punkte umgesetzt. Das galt auch für die komplette Umstrukturierung der Logistikprozesse. „Wärmebildkameras am Eingang zum Lager überwachen die Temperatur der eintreffenden Mitarbeiter. Es geht um die Sicherheit aller“, betont Bruggner. Zunächst wurde nur jede zweite Packstation besetzt, um die Sicherheitsabstände zu gewährleisten. Inzwischen sorgen Plexiglasscheiben für eine zusätzliche Abtrennung. „Über 100 Spender für Desinfektionsmittel stehen im Pforzheimer Logistikzentrum praktisch überall bereit. Über 2200 Liter Desinfektionsmittel wurden bislang verwendet, dazu kommen 128 000 Schutzmasken auf Lager, von denen jeder Mitarbeiter täglich zwei Masken erhält“, ergänzt Bruggner. „Die Situation ist herausfordernd für alle – aber durch die gute Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat konnten wir schnell reagieren und auch die Mitarbeiter mitnehmen.“

Welche weiteren Maßnahmen wurden getroffen?

„Wir haben Artikel priorisiert, um sicherzustellen, dass Waren des täglichen Bedarfes schnell bei den Kunden ankommen“, erläutert Schwindhammer. „Auch bei Amazon gab es anfangs das Toilettenpapier-Phänomen. Mittlerweile können wir auch nicht priorisierte Artikel wieder gewohnt schnell ausliefern.“ Wichtig war es den Verantwortlichen, auch für eine sichere Anfahrt der rund 1300 Mitarbeiter zu sorgen. Es wurden zusätzliche Busse für deren Beförderung angemietet. Auch beim täglichen Schichtwechsel gilt es, Abstand zu halten. „Das Team der Standortleitung und wir vom Betriebsrat stehen regelmäßig bei den Schichtwechseln bereit, achten auf die Abstände und stehen mit Rat zur Seite – natürlich auch hier mit Abstand“, führt der Betriebsratsvorsitzende aus. „Die Maßnahmen können wie in der Politik auch angezogen oder gelockert werden. Man muss immer sehen, ob sich Maßnahmen bewähren und wirken“, sagt Kalpakidis. „Die Mitarbeiter leisten jeden Tag außerordentlich unter erschwerten Bedingungen.“ Deshalb habe man als Anerkennung auch den Stundenlohn bis in den Mai um zwei Euro angehoben.

Vereinzelt wurde Amazon für die Lohnerhöhung kritisiert, denn dies könnte ein Anreiz sein, krank zur Arbeit zu kommen.

Der Betriebsratsvorsitzende lässt dies nicht gelten: „Das ist Quatsch und hat mich geärgert. In aller erster Linie freuen sich die Mitarbeiter, einen sicheren Job zu haben und aktuell mehr Geld zu erhalten. Es gibt für jeden mit Symptomen die klare Ansage, zu Hause zu bleiben. Da gibt es keine zwei Meinungen.“

Wer kann von diesen positiven Erfahrungen in der Krise profitieren?

„Wir bieten anderen Unternehmen gerne Rat an, wenn Sie Hilfestellungen bei Sicherheitsvorkehrungen brauchen. Durch die Zeit, in der wir nun schon unter den enormen Sicherheitsmaßnahmen fahren, haben wir sicherlich viele Erfahrungen gesammelt, die wir weitergeben können“, so Schwindhammer.

Amazon wird gerne als Gewinner der Krise gesehen.

„Dies ist ein gern genommenes, mediales Narrativ, mit dem wir nichts anfangen können“, kontert Bruggner. „Langfristig profitiert keiner von der Krise.“ Als Amazon wolle man den Kunden ein verlässlicher Partner und den Mitarbeitern ein guter Arbeitgeber sein. „Wir engagieren uns aber auch in der Gemeinschaft. So haben wir 6000 Euro an die Pforzheimer Tafel gespendet und wollen noch 6000 Schutzmasken übergeben“, so Bruggner. „Wir haben auch der Stadt Unterstützung zugesagt, wenn es weiteren Bedarf gibt.“