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Solide Bilanz: Martina Lehmann gestern beim PZ-Redaktionsgespräch.
Solide Bilanz: Martina Lehmann gestern beim PZ-Redaktionsgespräch.
11.09.2018

Arbeitsagentur-Chefin Lehmann: Jugendliche haben die Qual der Wahl

Pforzheim. Die Lösung des Fachkräfteproblems in der Region Nordschwarzwald ist recht einfach: „Wir müssen zehn Prozent der Beschäftigten mit einfachen Helfertätigkeiten als Fachkräfte qualifizieren“, sagt Martina Lehmann, die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim.

Das wären 4000 neue Facharbeiter/innen auf einen Schlag. Zugleich werden deren Aussichten auf dem Jobmarkt verbessert. Denn Geringqualifizierte haben ein fünffach höheres Risiko arbeitslos zu werden, ergänzt Lehmann im PZ-Gespräch mit Blick auf die Arbeitswelt 4.0, die gewaltige Veränderungen mit sich bringen werde. Die betriebliche Weiterbildung werde von der Agentur deshalb gezielt gefördert.

Derzeit könnten sich die Verantwortlichen indes entspannt zurücklehnen: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Nordschwarzwald ist auf einem Höchststand. Das gilt auch für die Zahl der offenen Stellen – zugleich ist die Arbeitslosigkeit auf einen Tiefstand gefallen. Zwar ist es unter der Führung von Martina Lehmann nicht gelungen, dass Pforzheim die rote Laterne für die höchste Arbeitslosenquote unter allen Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs abzugeben. „Doch der Rückstand auf den Vorletzten Mannheim konnte in den vergangenen vier Jahren mehr als halbiert werden.“ Der Nordschwarzwald habe ein großes Potenzial – die große Zahl junger, arbeitsfähiger Menschen. Bewusst spricht die Agenturchefin von den Chancen und nicht von den damit verbundenen Problemen.

Warum arbeiten Asylbewerber nicht, fragen sich viele?

Insgesamt sind im Nordschwarzwald rund 2700 Geflüchtete gemeldet, davon 1000 als arbeitslos und 1700 in einer festen Beschäftigung oder Qualifikationsmaßnahme. Gerade bei der Qualifikation von Arbeitssuchenden mit Migrationshintergrund habe man große Fortschritte gemacht. „Auch weil wir mit der Rekrutierung schon frühzeitig in den Flüchtlingsunterkünften begonnen haben.“ Ende 2017 waren immerhin 200 Geflüchtete in einem Ausbildungsverhältnis – bis Ende August seien 150 weitere dazu gekommen. Belastend sei dabei für die Azubis als auch die Arbeitgeber, dass der Aufenthalt vielfach nicht gesichert ist. Ihnen droht deshalb die Abschiebung. Die Agentur für Arbeit versuche im Rahmen der 3+2-Regelung mit der zuständigen Ausländerbehörde den Aufenthalt während der dreijährigen Ausbildung plus – bei bestandener Prüfung – zwei Jahre danach, sicherzustellen. „Die Sprache ist die Schlüsselqualifikation“, betont Lehmann. Das wachsende Fachkräfteproblem könne man allein aus den Reihen der Migranten nicht lösen. Das beste Mittel bleibe selbstverständlich die klassische betriebliche Ausbildung. Die Ursachen für den starken Anstieg bei den gemeldeten Lehrstellen sieht Martina Lehmann in der guten und stabilen Konjunktur. „Unsere Unternehmen benötigen dringend Fachkräfte und setzen deshalb zurecht verstärkt auf eigene Ausbildung.“

Wie sieht die Ausbildungsplatzsituation in Pforzheim aus?

Seit Oktober wurden der Agentur für Arbeit Pforzheim-Nagold 4376 Ausbildungsstellen gemeldet. Das waren 7,7 Prozent mehr als vor einem Jahr. Von den Bewerbern seien noch 643 ohne Lehrstelle. „Einige von ihnen werden noch einen Ausbildungsplatz finden, zumal rechnerisch mehr als doppelt so viele Stellen zur Verfügung stehen.“ In Pforzheim stieg die Zahl der Lehrstellen (1014) um 25 Prozent und die Zahl der Bewerber (785) um 17 Prozent.

Ein Problem sei, dass sich Mädchen unter über 360 Ausbildungsberufen meist für die zehn beliebtesten Jobs entscheiden. Mathematisch-technische und handwerkliche Angebote werden nur selten gewählt, bedauert Lehmann. Mit der GirlsDay-Akademie will sie gezielt gegensteuern. Die richtet sich an Schülerinnen der Klassen 7 bis 10, die Spaß an Technik und Naturwissenschaft haben.