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Schweinerei im Schlachthof? Kritiker bemängeln, dass viele Werkarbeiter noch immer massiv ausgebeutet werden. Ein neues Gesetz soll Abhilfe schaffen.
Schweinerei im Schlachthof? Kritiker bemängeln, dass viele Werkarbeiter noch immer massiv ausgebeutet werden. Ein neues Gesetz soll Abhilfe schaffen.
02.06.2017

Ausbeutung im Schlachthof: Gesetz soll osteuropäische Mitarbeiter besser schützen

Berlin/Osnabrück. Den ganzen Tag über ziehen Kadaver an den Arbeitern vorbei, sie zerteilen die Tiere mit großen Sägen und anderen Werkzeugen im Akkord. Die Arbeit im Schlachthof ist laut und schweißtreibend – und doch muss man ständig konzentriert sein. Es stinkt nach Blut und Chlor. Für diese Knochenjobs haben Schlachthöfe in Deutschland in vergangenen Jahren verstärkt Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa eingesetzt, aus Polen, Rumänien, Ungarn oder Bulgarien.

Gewerkschafter, Kirchen und Politiker kritisieren seit langem die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Werkarbeiter. Sie sind nicht beim Schlachthof angestellt, sondern bei einem Subunternehmer, der die Arbeitskräfte in deren Heimat anwirbt, und ihnen in Deutschland auch ihre Unterkunft besorgt. Die Gewerkschaft NGG schätzt, dass es rund 40 000 sozialversicherungspflichtige Jobs in den Schlachthöfen gibt. Wie viele Menschen davon Werkvertragsbeschäftigte sind, wird statistisch nicht erfasst. Aber es sind billige Arbeiter, die – so die Kritiker – massiv ausgebeutet würden.

Der Chef der Staatsanwaltschaft Osnabrück, Bernhard Südbeck, schildert drastische Verhältnisse bei Werkarbeitern. Auf dem Papier arbeiteten die Leute acht Stunden täglich für 1200 Euro im Monat – tatsächlich schufteten sie 15 Stunden am Tag und bekämen so viele Abzüge, dass ihnen am Ende unter Umständen noch 600 Euro zuzüglich Kindergeld blieben, schreibt Südbeck in einer Stellungnahme für den Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales. „Insgesamt ist das System der Werkverträge in der Fleischwirtschaft nach meinen Erfahrungen auf maximale Ausbeutung der Arbeitskräfte angelegt“, schreibt Südbeck.

Noch vor der Bundestagswahl im Herbst hat die Koalition in Berlin nun ein Gesetz beschlossen, das der Ausbeutung einen Riegel vorschieben soll. Kernpunkte: Künftig können Schlachtunternehmen für Verfehlungen ihrer Subunternehmer in Regress genommen werden. Und Arbeitszeiten müssen genau dokumentiert werden. Vorangetrieben hat das ein christlich geprägter CDU-Sozialpolitiker aus dem Bundestag, Karl Schiewerling, der in seinem westfälischen Wahlkreis die Probleme immer wieder zugetragen bekommen hat.

Mit Unverständnis reagiert der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Ernährungswirtschaft, Michael Andritzky. Die Branche halte sich in weiten Teilen an eine Selbstverpflichtung, faire Arbeitsbedingungen zu schaffen. Die Situation habe sich „gravierend und nachhaltig“ zum Vorteil der Werkarbeiter verändert. Die Kritikpunkte träfen nur noch für eine kleine Minderheit der Betriebe zu.

Der katholische Theologe Peter Kossen bezeichnet die Selbstverpflichtung der Branche als Mogelpackung: „Es hat sich nicht wirklich was geändert.“ Kossen hat als Prälat im niedersächsischen Vechta jahrelang die Missstände in der Fleischbranche öffentlich angeprangert.Das neue Gesetz gehe zwar in die richtige Richtung, aber notwendig sei ein Systemwechsel. Es gehe nicht an, dass es für das Kerngeschäft eines Schlachthofes nur 20 Prozent Stammbelegschaft und 80 Prozent Werkarbeiter gebe.

In der Branche gibt es Unternehmen, die längst umstellen: Die Westfleisch-Gruppe aus Münster etwa gründete konzerneigene, tarifgebundene Firmen für Werkverträge und Leiharbeit. Und das Schlachtunternehmen Böseler Goldschmaus aus dem Kreis Cloppenburg will alle Werkarbeiter als Festangestellte übernehmen.

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