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Hybrider Hoffnungsträger aus dem Hause VW: Der Golf GTE Sport. Foro: Roessler
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21.10.2016

Auto-Zulieferer im Land vor radikalem Umbruch

Pforzheim. 200 000 Arbeitsplätze in Baden-Württemberg hängen an der Automobilproduktion. Der technologische Wandel hin zu batteriebetriebenen Fahrzeugen verändert die Anforderungen an die rund 2000 Zulieferbetriebe – viele davon in der Region.

Ein Verbot des Verbrennungsmotors ab 2030 wäre verantwortungslos“, macht LVI-Präsident Hans-Eberhard Koch deutlich. „Ein solches Verbot passt nicht in eine marktwirtschaftliche Ordnung, sondern in eine Kommandowirtschaft.“ Der Verbandspräsident der baden-württembergischen Industrie (LVI) befürchtet negative Auswirkungen auf die Automobilzuliefererbranche. „Hersteller von Motoren und Getrieben können nicht auf Knopfdruck Produzenten von Batterien für E-Motoren werden.“ Gerade Zulieferer von Motoren, Kolben, Kupplungselementen und Abgasanlagen seien von einem solchen Verbot massiv betroffen, warnt der geschäftsführende Gesellschafter der Pforzheimer Witzenmann-Gruppe.

Die Industrie in Baden-Württemberg habe weltweit technologisch höchste Kompetenz in Sachen Verbrennungsmotor. Für einen solchen Motor werden rund 1400 Einzelteile benötigt, beim E-Motor sind es nur noch 200 Komponenten. Für Koch gilt: Der Markt sollte die zweckmäßigste Technologie auswählen und Fehler der Energiewende sollten sich nicht wiederholen. E-Mobilität sei nur eine der möglichen Zukunftslösungen. Denkbar wären auch Brennstoffzellen oder synthetische Kraftstoffe, betont Koch.

Welche Produkte fallen weg?

Witzenmann macht steigende Umsätze mit Produkten für Verbrennungsmotoren, weil die Zahl der Neuzulassungen weltweit steigt. Gleichzeitig denkt man in der Pforzheimer Technologiezentrale über Alternativen nach. „Wir haben schon vor vier Jahren ein umfassendes Innovationsmanagement aufgebaut.“ Derzeit hängt rund ein Drittel der Umsätze am Automobil. Wenn sich die Hybrid-Technologie durchsetze, würden wohl keine Produkte überflüssig, glaubt Koch. Dennoch arbeite man an alternativen Einsatzmöglichkeiten unabhängig vom Verbrennungsmotor, etwa von Leitungssystemen im Automobil, der Luft- und Raumfahrt, der Industrie sowie für die Schiene und die technische Gebäudeausrüstung. Am Umsatzziel für 2025 von einer Milliarde Euro hält der Pforzheimer Mittelständler fest – mit oder ohne E-Mobilität.

Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs steht derzeit besonders im Fokus, weil hier von einem höheren Anteil an elektrifizierten Antrieben auszugehen ist als im Rahmen der E-Lab-Studie 2012 angenommen (Studie im Auftrag der IG Metall und des Gesamtbetriebsrats und Vorstands der Daimler AG zur Wirkung der Elektrifizierung des Antriebsstrangs auf Beschäftigung). Die Studie geht im realistischsten Szenario von zehn Prozent batteriebetriebenen Neufahrzeugen 2030 aus, heutige Untersuchungen erwarten eher 20 bis 25 Prozent – und zwar bereits 2025.

„Diese Entwicklung stellt die komplette automobile Wertschöpfungskette in Baden-Württemberg und ihre Beschäftigten vor große Herausforderungen“, sagt Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall, anlässlich des baden-württembergischen Automobildialogs. Betroffen sind neben den Fahrzeug-Herstellern alle Zulieferer, die Teile des herkömmlichen Antriebsstrangs produzieren – vom Kühler bis zum Kolben, vom Getriebe bis zur Dieselpumpe und Abgasanlage.

Die IG Metall habe den Anspruch, diese Veränderungen gemeinsam mit den Beschäftigten und Unternehmen zu gestalten. Zitzelsberger: „Ein solcher Wandel braucht Sicherheit. Wir erwarten von den Unternehmen die Zusagen, dass sich die Beschäftigten keine existenziellen Sorgen machen müssen, dass sie in den Wandel eingebunden und dafür qualifiziert werden.“ Der zunehmende Bedarf an Leistungselektronik und Hochleistungsbatterien schafft zudem neue Arbeitsplätze, ebenso neue Geschäftsfelder rund um alternative Mobilitätskonzepte.

Selbst wenn sich rein elektrische Fahrzeuge schneller ausbreiten als erwartet, werden konventionelle Antriebe auch noch in zehn Jahren die deutliche Mehrheit stellen, sind sich die Experten einig.