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Der Stuttgarter Autobauer Daimler hat im zweiten Quartal so viele Autos verkauft wie noch nie zuvor. Foto: Kahnert
Der Stuttgarter Autobauer Daimler hat im zweiten Quartal so viele Autos verkauft wie noch nie zuvor. Foto: Kahnert
27.07.2017

Autoindustrie steht mächtig unter Druck

Berlin/Stuttgart. Daimler verkauft so viele Autos wie nie zuvor, aber angesichts von Diesel-Debatte und Kartell-Vorwürfen rücken die Zahlen fast in den Hintergrund. Opposition und Gewerkschaften verlangen von den Autokonzernen eine technologische Neuausrichtung. Ausgerechnet in Wolfsburg bei VW beginnt Umweltministerin Barbara Hendricks am heutigen Donnerstag ihre lange geplante Sommerreise. Gespräche mit Vorstandschef Matthias Müller und dem Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh sind geplant.

Die SPD-Politikerin ist in der Branche nicht unbedingt beliebt, seit sie im letzten Jahr vorschlug, ab 2030 nur noch elektrisch betriebene Neuwagen zu erlauben. Doch jetzt wird man ihr wohl aufmerksam zuhören. Die deutsche Autoindustrie steht mächtig unter Druck.

Und das nicht nur wegen Dieselgate und Kartellaffäre. Zu allem Überfluss hat die französische und britische Entscheidung, Verbrennungsmotoren ab 2040 bei Neuwagen nicht mehr zuzulassen, Daimler & Co jetzt auch noch eine Grundsatzdebatte über ihre Zukunft beschert. Hendricks, die im letzten Jahr mit ihrem Vorstoß noch an der Kanzlerin, dem Wirtschafts- und dem Verkehrsministerium gescheitert war, verspürt nun Oberwasser. Das Wirtschaftsministerium erklärte, es sei jetzt wichtig, in Europa „ambitioniert und einheitlich vorzugehen“. Allerdings solle man sich dabei weder auf eine Technologie festlegen, noch auf eine Jahreszahl.

Ähnlich äußerte sich das Verkehrsministerium von Alexander Dobrindt (CSU). „Diskussionen um Jahreszahlen sind relativ phantasielos“, meinte sein Sprecher. Und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ aus dem Urlaub so etwas wie ein „Basta“ verlauten: „Das Verbot von Diesel oder Benzinern steht derzeit nicht auf der Agenda der Bundesregierung“, sagte ihre Sprecherin und ergänzte: Die Kanzlerin habe immer vor einer pauschalen Ablehnung des Diesel gewarnt.

Wie stark die Autoindustrie derzeit an Rückhalt verloren hat, zeigt aber die Reaktion der IG Metall, der Hausgewerkschaft der Hersteller. „Wir werden diese Branche nicht durch Bewahren erhalten, sondern nur durch Zukunftstechnologien“, erklärte IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner. In der Diesel-Affäre fordert die IG Metall, dass die Konzerne außer das von ihnen angebotene Software-Update auch eine Nachrüstung für die älteren Modelle anbieten, „und zwar auf ihre Kosten“, so Kerner. Und in Sachen Kartell-Absprachen müsse Aufklärung und Offenheit das oberste Gebot sein. „Eine Wagenburg wäre jetzt völlig verkehrt“.

Trotz der Debatten um Diesel-Manipulationen und Fahrverbote hat der Autobauer Daimler erneut stark zugelegt. Im zweiten Quartal kletterten Umsatz und Gewinn dank des anhaltenden Aufschwungs bei Mercedes-Benz kräftig, wie der Dax-Konzern mitteilte. Das lag vor allem an der neuen E-Klasse sowie den Stadtgeländewagen (SUV), die bei den Kunden gut ankommen.